Aus Linux-Magazin 12/2005

Aktueller Überblick über freie Software und ihre Macher

Wir servieren wieder Leckerbissen aus der Welt der freien Software. Dieses Mal: Bluefish, Bidwatcher und KWappen. Außerdem gibt es Details zu Capi4BSD und zu aktuellen Ereignissen im Debian-Projekt und zum Schluss Wurst-Käse-Salat aus der eigenen Küche.

Abbildung 1: KWappen ist einfach, birgt aber Suchtpotenzial.

Abbildung 1: KWappen ist einfach, birgt aber Suchtpotenzial.

Dass freie Software in immer weiteren Kreisen für Diskussionen sorgt, zeigt eine Doktorarbeit, die sich mit diesem Thema befasst [1]. Weiter so!

Zeitvertreib mit KWappen

Im Gegensatz zu modernen 3D-Shootern benötigt KWappen (siehe Abbildung 1) keine Monstergrafikkarten. Es ist vielmehr ein reines Geschicklichkeitsspiel und dank seiner einfachen Regeln eignet es sich hervorragend auch für die kleine Pause am Arbeitsplatz. Der Name verrät bereits, dass es sich um eine KDE-Anwendung handelt.

Beim Spiel geht es darum, vier Stapel mit Wappen der 16 deutschen Bundesländer so schnell wie möglich abzubauen. Jedes Wappen gibt es mindestens einmal in den vier Kartenspielfarben Karo, Herz, Kreuz und Pik. Liegen zwei Karten mit dem gleichen Wappen übereinander, verschwinden sie, liegen vier Karten derselben Farbe nebeneinander, verschwinden sie ebenfalls. Der Spieler selbst greift ein, indem er die vom Computer verteilten Karten auf seine Stapel verteilt. Um die Kartenstapel besser zu positionieren, hat er die Möglichkeit, einzelne Karten in den Stapeln miteinander zu vertauschen.

Durch die einfachen Regeln wirkt das Spiel zwar sehr simpel, es macht dennoch schon nach wenigen Minuten Spaß. Im Hinterkopf hatte der Autor Jens Schulz nicht zuletzt auch den Bildungsfaktor seines Programms – denn zusätzlich zum Spiel bietet KWappen eine ideale Möglichkeit, sich die Wappen der Bundesländer genauer anzuschauen und einzuprägen. Interessierte finden das Programm unter [2].

Auktionshelfer

Ebay ist Volkssport. In einigen Haushalten landet alles, was keine Verwendung mehr findet, früher oder später im Netz. Umgekehrt birgt das virtuelle Auktionshaus manches Schnäppchen und schon viele Artikel haben den Besitzer für weniger Geld gewechselt, als sie neu gekostet hätten.

Nun ist es allerdings lästig, mit zahlreichen Browser-Fenstern oder -Tabs zu arbeiten, um über alle Geschehnisse bei interessanten Artikeln auf dem neuesten Stand zu bleiben. Bidwatcher löst dieses Problem. Das Design von Bidwatcher [3] wirkt mit seiner GTK-1-Oberfläche etwas altbacken, sie ist aber sehr aufgeräumt und intuitiv (Abbildung 3).

Nach dem Start trägt der Anwender in den Einstellungen nur Benutzernamen und Ebay-Passwort ein und los geht\’s. Über eine Eingabebox im Hauptfenster gibt er die auf der Ebay-Webseite zu findende Nummer der Artikel an und erhält so leicht einen guten Überblick über deren Status.

Bidwatcher zeigt stets die offizielle Ebay-Uhr an, so hat der Bieter die für die Auktionen gültige Zeit unabhängig von der eigenen Systemuhr stets im Blick. Nicht einmal zum Abgeben eines Gebots muss er den Browser bemühen; ein Eingabefeld in Bidwatcher erledigt auch diese Aufgabe. Diese Funktion ist besonders nützlich, wenn sich eine Auktion dem Ende nähert. Denn kurz vor Schluss stören die Sekunden, die der Browser zum Neuaufbau der Seite mit allen Bildern braucht, besonders.

Bidwatcher bietet auch die Möglichkeit, den Vorgang zu automatisieren, um erst wenige Sekunden vor Auktionsende zuzuschlagen. Die Ebay-Bedingungen verbieten dies aber explizit. Zurzeit scheint Ebay den Einsatz von Bidwatcher unterbunden zu haben. Bleibt zu hoffen, dass der Programmautor gegensteuert.

HTML-Editor Bluefish …

Viele Entwickler bevorzugen nach wie vor einfache Editoren wie Vi oder Nano. In manchen Fällen verfügen solche Programme sogar über Syntax-Highlighting für verschiedene Programmiersprachen. Wer aber mehrere Dokumente gleichzeitig bearbeiten möchte oder Features wie eine Zeilennummerierung braucht, hat es nicht mehr so leicht. Der Editor Bluefish (Abbildung 2) bietet in einer grafischen Oberfläche zahlreiche Features für viele Skriptsprachen.

Abbildung 2: Bluefish begann als HTML-Editor, hilft inzwischen aber mit zahlreichen Features beim Programmieren in verschiedenen Skriptsprachen.

Abbildung 2: Bluefish begann als HTML-Editor, hilft inzwischen aber mit zahlreichen Features beim Programmieren in verschiedenen Skriptsprachen.

… auch zum Programmieren

Zuerst hat sich Olivier Sessink Bluefish ausgedacht. Von Anfang an waren zudem Chris Mazuc, Neil Millar und Hylke van der Schaaf dabei. Die vier brauchten einen leistungsstarken und flexiblen Editor zum Programmieren – damals ging es ihnen nur um HTML. Die ersten Versionen von Bluefish waren schnell montiert und kursierten unter dem Namen HTML-Editor im Netz. Noch immer präsentiert sich Bluefish als Web-Entwicklungsumgebung, doch auch bei der Programmierung in Sprachen wie Perl hilft Bluefish inzwischen weiter.

Das Programm hatte Potenzial, also passierte, was bei freier Software so oft passiert: Andere Entwickler nahmen Veränderungen am Quellcode vor und stellten es ebenfalls online. Trotz stetiger Arbeit dauerte es aber über fünf Jahre, bis die Entwickler im Januar 2005 Release 1.0 präsentierten.

Die GTK-basierte Oberfläche verwendet Registerreiter, um die einzelnen Bereiche voneinander zu trennen. Auf jedem Tab finden sich Buttons, die automatisch voreingestellte Code-Abschnitte generieren. Dass HTML noch immer im Fokus von Bluefish liegt, verdeutlicht sich an dieser Stelle: Über die Karten lassen sich Schriftart und -farbe festlegen, HTML-Tabellen einfügen und auch für CSS gibt es einen eigenen Abschnitt.

Zusätzlich beherrscht das Programm Docbook-, PHP- und SQL-Befehle. Auf Wunsch sind gerade erstellte Websites aus dem Programm heraus auch auf ihre W3-Konformität überprüfbar, ein Spellchecker ist ebenfalls integriert. Bei C, Perl und den anderen Kandidaten besteht die Unterstützung allerdings nur aus dem Syntax-Highlighting.

Auch in puncto Hilfe weiß Bluefish zu überzeugen. Sie enthält einen Index aller Funktionen in HTML, PHP, CSS und Python. Hier tut sich ein nahezu vollständiger Almanach mit allen Informationen auf, die Webdesigner bei der täglichen Arbeit benötigen. Die parallele Arbeit an verschiedenen Aufgaben unterstützt eine intelligente Projektverwaltung, die nur jene Dateien anzeigt, die zum gerade geöffneten Projekt gehören.

Abbildung 3: Der Ebay-Assistent Bidwatcher zeigt im Hauptfenster die laufenden Auktionen mit einer Beschreibung des Artikels, dem aktuellen Höchstgebot und der verbleibenden Zeit bis zum Auktionsende.

Abbildung 3: Der Ebay-Assistent Bidwatcher zeigt im Hauptfenster die laufenden Auktionen mit einer Beschreibung des Artikels, dem aktuellen Höchstgebot und der verbleibenden Zeit bis zum Auktionsende.

ISDN mit FreeBSD

Im Serverbereich versucht sich FreeBSD immer mehr als Linux-Alternative zu etablieren. Zumindest für Voice-over- IP (VoIP) und als Gateway zum Festnetz eignet es sich in Kombination mit Asterisk ebenfalls hervorragend. Denn inzwischen existiert auch für FreeBSD ein Capi-Treiber zur Kommunikation mit ISDN-Karten.

Der Capi4BSD-Entwickler Thomas Wintergerst nutzte nach eigener Aussage die Linux-Capi-Implementation als Wissensschatz. Nicht zuletzt ist ein Bestandteil der Capi4BSD-Umgebung die von Linux bekannte »libcapi«. Wie bei Linux kommt ein Kerneltreiber hinzu, der die Kommunikation zwischen Capi-Bibliothek und Karte übernimmt.

Die Integration von Capi4BSD ins System gestaltet sich gegenwärtig jedoch sehr umständlich. Wer die ISDN-Suite ausprobieren möchte, lädt von der Website des Projekts zunächst den Quelltext herunter und patcht die Quellen des FreeBSD-Kerns und -Userlands, um sie anschließend neu zu kompilieren. Für die aktuelle stabile Version 5.4 gibt es fertige Patches, wer FreeBSD 6 einsetzt, muss zuvor aus dem Capi4BSD-Sourcecode entsprechende Patches erstellen. Bei Erfolg zeigt sich das Kernelmodul im System-Log wie in Abbildung 4.

Schließlich sind noch »libcapi« und »chan_capi« für Asterisk von [4] zu installieren und »chan_capi« in Asterisk zu aktivieren. Die Asterisk-Dokumentation beschreibt die Integration von ISDN-Leitungen. Mit Capi4Hylafax, lässt sich die Telefonanlage sogar zum digitalen Fax umwandeln. Aktuell funktionieren allerdings nur aktive ISDN-Karten mit dem Treiber, die preisgünstigen Karten sind normalerweise aber passiv. Wer noch eine alte AVM-B1-Karte hat, ist aber ebenfalls dabei.

Sicherheit für Debian Testing

Ein wichtiger Grund für die vielen Verzögerungen beim Entstehen der Sarge-Release lag in den Problemen beim Sicherheitssupport für die neue Version. Es fehlte beispielsweise an Rechnern, um Updates automatisch zu kompilieren und zu verpacken. Um ähnliche Schwierigkeiten bei der nächsten Release zu verhindern, hat Joey Hess zunächst unter dem Deckmantel des Debian-Edu-Projekts (Skolelinux) eine Sicherheitsunterstützung für den Testing-Zweig eingerichtet, aus dem der nächste Stable-Zweig entstehen soll.

Joey Hess weist darauf hin, dass Anwender diesen Dienst nicht als äquivalenten Ersatz für die Sicherheitsunterstützung in der Stable-Release werten dürften. Sicherheitsprobleme löst das Sicherheitsteam im Testing-Zweig zum Beispiel nicht dadurch, dass es ein betroffenes Paket durch ein korrigiertes ersetzt. Stattdessen will es sie per Paketmigration von Unstable zu Testing beseitigen.

Abbildung 4: Die »dmesg«-Nachricht des Systems zeigt, dass FreeBSD die PCMCIA-AVM-B1-Karte erkannt und initialisiert hat - Capi4BSD macht's möglich.

Abbildung 4: Die »dmesg«-Nachricht des Systems zeigt, dass FreeBSD die PCMCIA-AVM-B1-Karte erkannt und initialisiert hat – Capi4BSD macht’s möglich.

Streit um Dokumentations-Lizenzen

Der Streit zwischen dem Debian- und dem GNU-Projekt, der seit Monaten schwelt und gewohnt emotional ausgetragen wird, geht in die nächste Runde. Besonders im Fokus steht die GNU-Lizenz für Dokumentation, die GNU Free Documentation License GFDL. Bereits kurz nach der Veröffentlichung der GNU Free Documentation License hatten Vertreter fast aller Lager in der Open-Source-Szene sie als unfrei bewertet.

Ein Absatz stößt bei Kritikern besonders auf Ablehnung: Die Lizenz gesteht dem Initialautor einer Dokumentation das Recht zu, nicht veränderbare Passagen einzubauen. Das widerspricht jedoch den Regeln freier Software. So beschloss das Debian-Projekt schließlich sämtliche unter der GFDL stehenden Texte aus der Distribution zu entfernen. Weil das vor der Sarge-Release nicht mehr möglich war, verschob man die Aufgabe (das Linux-Magazin berichtete).

Frank Lichtenheld vom Release-Team kündigte nun an ernst zu machen. Er forderte alle Maintainer dazu auf, ihre Pakete auf unfreie Dokumentation zu prüfen und diese gegebenenfalls zu entfernen [5]. Jeden Fehlerbericht wegen unfreier Dokumentation stuft das Bugtracking-System als “serious” und damit als Release-kritisch ein.

Allerdings steht inzwischen fast die komplette GNU-Dokumentation unter der GFDL. Was Benutzer und Programmierer mit einer Distribution anfangen sollen, die über keine Dokumentation zu Bestandteilen wie der Glibc oder dem Compiler verfügt, bleibt fraglich. Inakzeptabel scheint auch der Vorschlag, die Dokumentation in den Non-free-Bereich von Debian zu verschieben. Sie zu lesen würde dann nämlich einen Internetzugang zwingend voraussetzen, denn Non-free befindet sich nicht auf den Distributions-CDs.

Rezept: Wurst-Käse-Salat

Zutaten für vier Personen: 400g Schinkenwurst in Scheiben, 400g mittelalter Gouda in Scheiben, eine dicke Zwiebel, Essig, Öl, Salz, Pfeffer, Zucker, Senf, Maggi-Gewürzmischung 4.

Die Schinkenwurstscheiben halbieren und danach in Streifen schneiden. Die Käsescheiben von der Rinde befreien, ebenfalls längs halbieren und in Streifen schneiden. Die Zwiebel schälen und in feine Ringe schneiden. Anschließend die Wurst, den Käse und die Zwiebel zusammen mit Zucker, Senf sowie der Gewürzmischung, Essig und Öl abschmecken. Die Mischung ziehen lassen. Serviert wird der Wurst-Käse-Salat gerne mit Bratkartoffeln, andere herzhafte Beilagen eignen sich aber ebenfalls.

Mit einem “Guten Appetit” verabschiedet sich die Projekteküche für diesen Monat. Am Ende der obligatorische Aufruf: Wer ein gutes Programm kennt, schätzt oder entwickelt und es in der Projekteküche vorgestellt sehen möchte, schreibe eine E-Mail an [6]. (csc/ofr)

Infos

[1] Doktorarbeit über Debian: [http://lists.debian.org/debian-devel-announce/2005/08/msg00010.html]

[2] KWappen, ein Wappenspiel für KDE: [http://www.lcs-chemie.de/kwappen.htm]

[3] Bidwatcher: [http://bidwatcher.sourceforge.net/]

[4] Chan_capi für FreeBSD: [http://www.junghanns.net/de/chan_capi.html]

[5] Frank Lichtenheld zur GFDL: [http://lists.debian.org/debian-devel-announce/2005/09/msg00007.html]

[6] Hinweise und Vorschläge: [projektekueche@linux-magazin.de]

Der Autor

Martin Loschwitz ist Schüler aus Niederkrüchten und hilft in seiner Freizeit dabei, die Debian GNU/Linux-Distribution weiterzuentwickeln. Momentan arbeitet er am Debian-Desktop-Projekt.

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