Monopole haben das Netz zentralisiert, Visionäre wollen zurück in die dezentrale Welt. Kann das gelingen und falls ja, wie?
Mit ein wenig philosophischem Background könnte man das Phänomen als Inkarnation dessen begreifen, was dereinst Engels (mit Rückgriff auf Hegel) als eines der dialektischen Grundgesetze ausmachte: Das Gesetz der Negation der Negation. Ihm zufolge entwickelt sich Fortschritt durch Negation des Alten, das später seinerseits negiert wird, was die vormalige Qualität wiederherstellt, allerdings auf einer höheren Stufe. So soll sich eine aufwärts führende Spirale ergeben.
Übertragen auf das Internet wäre der Ausgangspunkt das frühe Web, in dem noch alles dezentral organisiert war. Viele Netzteilnehmer waren autonome Konsumenten und Produzenten zugleich, oft mit eigenen Servern. Doch so, wie Größe und Beliebtheit des Web exponentiell wuchsen, wuchs einerseits die Bestrebung, Profit daraus zu schlagen, und andererseits die Komplexität. Manche Netzteilnehmer spezialisierten sich darauf, den Webzugang, die Kommunikation oder die Suche im Netz als Dienstleistung anzubieten. Stärkere Konkurrenten verdrängten die schwächeren, und im Ergebnis der ersten Negation verwandelte sich das frühe, dezentrale Netz in eines, das nun fast vollkommen zentralisiert war. So erleben wir es bis heute: Wenige große Plattformen dominieren alles. Das kommende Internet hingegen, das heutige Visionäre vor Augen haben, will die gegenwärtigen Nachteile wie Abhängigkeit, Kontrollverlust oder Aufgabe der Privatsphäre überwinden, und zwar durch die zweite Negation, eine Rückkehr zum dezentralen Modus. Die höhere Ebene, auf der das stattfinden soll, liefert beispielsweise die Blockchain-Technologie, die explizit ohne zentrale Instanzen auskommt.
Schaut man jedoch genauer hin, kommen einem Zweifel, ob die doppelte Negation hier wirklich funktioniert. Zwar brauchen Blockchain-Anwendungen tatsächlich keine Zentrale, aber sehr wohl Infrastruktur. Und so wie heute so gut wie niemand mehr einen unabhängigen Standalone-Mailserver betreiben will, will auch niemand selbst Blockchain-Zugangsknoten hosten. Das ist erneut das Geschäft von Dienstleistern, und die sind schon wieder in der Hand weniger großer Player. Zugang zu Blockchains im Ethereum-Netzwerk etwa vermitteln fast ausschließlich die APIs der beiden marktbeherrschenden Dienstleister Infura und Alchemy. Das hat jüngst der bekannte amerikanische Unternehmer, Kryptograf und Sicherheitsexperte Moxie Marlinspike analysiert, der Gründer des freien Messengers Signal [1]. Insofern taugt der Blockchain-Hype nicht als Instrument der Dezentralisierung.
Immerhin: Jenseits von Blockchain und Konsorten gibt es Ideen, wie ein Ausweg zu finden wäre. Eine stammt sogar vom Vater des alten Internet, Tim Berners-Lee. Er schlägt mit seinem Projekt Solid dezentrale, virtuelle Tresore für persönliche Daten vor, die etwa in einer vertrauenswürdigen Cloud residieren. Bilder, Kommentare und jede Art persönlicher Daten landen so nicht mehr auf den Servern des sozialen Netzes, sondern im Tresor. Für den kann sein Eigentümer Dritten jederzeit Zugriffsrechte einräumen oder entziehen und auf diese Weise auch mit allen seinen Daten von einer Plattform zur nächsten migrieren.
Der Haken an der Sache: Solid existiert seit 2016, und bis heute unterstützen es nur ein paar Dutzend Entwickler von recht wenigen, eher unbekannten Apps. Die Katze beißt sich in den Schwanz: Die Macht, so etwas durchzusetzen, hätte wohl nur ein Monopol.
Jens-Christoph Brendel
Stellv. Chefredakteur
Infos
- “My first impressions of web3”: https://moxie.org/2022/01/07/web3-first-impressions.html







