Aus Linux-Magazin 02/2005

Binäre Vertreiber

Wer im Hauptverzeichnis der Quellen von Kernel 2.6.9 nacheinander »du -sh« und »du -sh drivers net sound« tippt und das Verhältnis bildet, erfährt: Etwa 55 Prozent des aktuellen stabilen Linux-Kernels bestehen aus Treibercode. Der hohe Wert verwundert angesichts des riesigen Zoos an Hardware kaum – nicht zu vergessen der stets mitgeschleppte Support für uralten Kram. Eine breite Hardwarebasis ist bekanntlich eine der großen Stärken von Linux.

Dumm nur, dass “breite Hardwarebasis” für die Komponenten des eigenen Rechners sehr wenig sagt. Beispiele gefällig? Alsa kann mit den erweiterten Features moderner Soundkarten nur in Ausnahmefällen etwas anfangen. Foto-Tintenspritzer von Canon und Lexmark drucken – wenn überhaupt – abstrakte Kunst statt hochwertiger Erinnerungsfotos aufs teure Papier. Mannshohe Stapel von Scannern, diverse TV-Karten, ISDN-Hardware, wenn sie nicht von AVM kommt, MP3-Player mit USB-Anschluss … – Galerie des Linux-Schreckens.

Jeder Linuxer kennt den Appell: Liebe Hersteller, schreibt GPL-konforme Treiber oder legt wenigstens die Spezifikationen eurer Hardware offen! Richtig, stellt es doch sicher, dass bei Pleite oder plötzlichem Desinteresse des Herstellers an einer alten Produktlinie auch spätere Linux-Versionen die Hardware unterstützen. Nur für viele Anbieter ist das leichter gesagt als getan, denn die meisten Treibersets fußen auf lizenzgebundener Software irgendwelcher Chipsatzhersteller. Zu allem Überfluss müssen zum Beispiel die Treiber von WLAN-Karten beim Starten erst eine binäre Firmware in ihre Hardware laden, bevor sich dort was bewegt.

Als Resultat erscheinen immer mehr Treiber Binary-only, etwa für Grafikkarten. Die flanschen sich über einen auf dem Zielsystem kompilierten Open-Source-Konnektor an, um erstens mit dem jeweiligen Kernel zu kommunizieren, zweitens durch renitent nachfragende Enduser verursachte Supportkosten zu minimieren und drittens die GPL zu unterlaufen – wie mancher mutmaßt. Die Praxis zeigt, das funktioniert bestenfalls nur kurze Zeit. Linux entwickelt sich zu schnell und zu Code-invasiv, wenige Kernelversionen später wird der Treiber instabil. Der Hersteller müsste stets am Linux-Ball bleiben – illusorisch. ATIs 3D-Treiber für die 9500- und FireGL-Familien sind prominente Beispiele.

Wie müsste eine universelle Lösung beschaffen sein? Wohl nicht wie der NDIS-Wrapper oder Linuxants WLAN-Driverloader, die letztlich Windows-Treiber an den Linux-Kernel heften. Was praktisch funktioniert, ist “tuxopologisch” noch lange nicht sinnvoll. Sicherlich besser wären über lange Zeit stabile Kernelschnittstellen, schön sortiert nach Geräteklassen, die sich zum Andocken von Open- wie Closed-Source-Treibern eignen. Aber wie sich auf die Interfaces einigen? Und wie die Sache lizenzrechtlich gestalten? Realisten kaufen von Haus aus Linux-kompatible Hardware.

Am Schluss eine wirklich frohe Botschaft: Die Linux-Magazin-Familie hat wieder Nachwuch! Das propre Baby heißt “Linux Magazine Espana” und erscheint im spanischen Malaga. Ab diesem Monat liegt es zudem an Kiosken in Mexiko, Portugal und den USA. IT-Journalist und Linux-Programmierer Pablo C. Brown ist Chefredakteur. Hola, Pablo!

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