Aus Linux-Magazin 02/2003

Alternative Desktop-Umgebung Xfce 4

Wer eine schlanke Desktop-Umgebung sucht, landet schnell bei Xfce. Dort steht die Veröffentlichung der neuen Version 4.0 ins Haus – und da tut sich einiges hinter den Kulissen.

Still und leise erobert sich eine dritte Desktop-Umgebung ihren Platz neben KDE und Gnome: Selbst Kernel-Guru Alan Cox benutzt sie laut eigener Aussage. Ihr Name: Xfce, ihr Autor: Olivier Fourdan, ihr Speicherbedarf: Für eine Desktop-Umgebung verschwindend geringe 3,5 MByte.

Vom Ich zum Wir

Was als Xfce 3 wegen seiner Schlankheit viele Freunde fand, krempelt das Entwicklungsteam derzeit für die neue Major Release 4.0 komplett um: Tatsächlich mauserte sich das Projekt während dieses Prozesses von der Ein-Mann-Show zur Teamarbeit.

Noch wurden nicht alle Funktionen des alten Xfce für die neue Version implementiert, die bisher vorhandenen Komponenten lassen sich jedoch aus dem Projekt-CVS[2] entnehmen und bereits produktiv einsetzen. Die einzige Distribution, die Pakete für Xfce 4 von Haus aus bereitstellt, ist Debian GNU/Linux im Unstable-Zweig.

Nicht ganz so aktuell sind die auf der Projektseite[1] erhältlichen Snapshots: Xfce-3-Benutzer werden

sich erst einmal wundern, dass es nicht mehr wie gewohnt nur

einen einzelnen Xfce-4-Tarball gibt, sondern neben »xfce4- Version.tar.gz« auch »xfwm4- Version.tar.gz«.

Der Grund hierfür: Die Entwickler nutzten die sowieso anstehende Portierung auf die Gtk2+-Bibliothek zu einem kompletten Rewrite. Lediglich einige altbekannte Mechanismen wurden recycelt, im Großen und Ganzen hat Xfce 4 auf Code-Ebene mit seinem Vorgänger aber nichts mehr gemeinsam.

Die beiden Bestandteile der Desktop- Suite, der weiterhin von Olivier Fourdan gepflegte Windowmanager Xfwm 4 und das unter Jasper Huijsmans Regie entwickelte Panel »xfce4« lassen sich nun auch einzeln einsetzen. Erfreulich: Ersterer hält nunmehr die Standards des Free-Desktop-Projekts[3] ein. Damit kann Xfwm 4 auch in Verbindung mit dem Gnome-Panel oder generell jedem X11-Programm benutzt werden, das die entsprechenden Spezifikationen implementiert.

Das Panel wiederum arbeitet beispielsweise auch mit dem Windowmanager Sawfish[4] zusammen. Das war bei Xfce 3 noch nicht so: Rief man hier »xfwm« auf, startete das Panel »xfce« automatisch ungewollt mit.

Der Windowmanager

Wer Xfwm 4 ohne Panel betreiben mag, sei jedoch gewarnt: Die Funktionen des Windowmanagers sind auf ein absolutes Minimum beschränkt. So besitzt er nicht einmal ein eigenes Root-Menü, über das sich Programme starten ließen. Um überhaupt eine Möglichkeit zur Kommandoeingabe zu bekommen, muss bereits in der X-Startdatei »~/.xsession« oder »~/.xinitrc« ein X-Terminal-Aufruf stehen – oder ein Kommando zum Start eines zusätzlichen Panels.

Wesentlich spannender als die Fähigkeit zum Singledasein dürfte ein anderes neues Feature von Xfwm 4 sein: Die Fähigkeit, das äußere Erscheinungsbild des Windowmanagers (beispielsweise das Aussehen der Fensterrahmen oder der Buttons auf der Titelleiste) durch Themes zu verändern. Für alle, die solche Äußerlichkeiten nicht individuell zusammenstellen wollen, liefert das Xfce-4-Projekt fertige Themedateien bereits mit. Mit ihrer Hilfe kommt Xfwm 4 im Gtk2+-Look Crux daher, dem Standard-Aussehen von Gnome 2.

Dank der ebenfalls im Lieferumfang enthaltenen Gtk2+-Portierung von Liquid kann er auch wie KDE 3.1 aussehen (Abbildung 1). Abbildung 2 zeigt den Windowmanager mit dem Redmondxp-Theme auf Abwegen.

Die Aufgabenleiste

Als Panel des Xfce-Desktop-Environments ist »xfce4« die zentrale Anlaufstelle für den Benutzer: Sie ermöglicht es, oft benutzte Anwendungen schnell zu starten. Nebenher stellt sie aber noch andere nützliche Funktionen zur Verfügung, zum Beispiel eine Uhr oder die Möglichkeit, zwischen verschiedenen virtuellen Desktops per Mausklick hin und her zu wechseln.

Am äußeren Erscheinungsbild hat sich im Vergleich zum Vorgänger nicht allzu viel geändert, lediglich einige Icons und Ecken sind runder geworden. Dennoch trügt der erste Eindruck, es handele sich nur um ein aufpoliertes Xfce 3. So lassen sich die Pfeile über den Buttons zum Öffnen der Menüs nun auch an den Seitenrändern oder unter den Knöpfen anbringen. Das ist vor allem nützlich, wenn man das Panel nicht am unteren Rand des Bildschirms angezeigt bekommen möchte, sondern beispielsweise senkrecht am linken Rand.

Anders als bei Xfce 3 sind alle Icons im Panel Plugins, sogar die Uhr, die bei Bedarf geladen und konfiguriert wird. Diese Methode erlaubt es, das Panel theoretisch um jede erdenkliche Funktion zu erweitern, solange es ein passendes Plugin gibt. Ähnlich wie der Xfce-4-Windowmanager lässt sich auch das Aussehen des Panels individuell durch Themes anpassen. Dabei richtet sich Xfce 4 jedoch immer strikt nach den Farben des gerade aktuell ausgewählten Gtk2+-Theme.

Reichlich Zubehör

Dass Xfwm 4 das Root-Menü fehlt, heißt nicht, dass auch der Xfce-Desktop ohne daher käme: Diese Aufgabe übernimmt mit »xfdeskmenu« eine eigenständige Applikation. Sie wurde ebenfalls mit Hilfe des Gtk2+-Toolkits programmiert und erlaubt es, nach ein wenig Konfigurationsarbeit in »~/.xfdeskmenurc«, alle auf dem System installierten Anwendungen per Menü zu starten.

Außerdem bietet das Programm die Möglichkeit, minimierte Fenster zurück auf den Bildschirm zu holen und zwischen den virtuellen Desktops hin und her zu wechseln. Das wichtigste Feature dürfte momentan jedoch darin bestehen, das aktuelle Xfwm-4-Theme on the fly zu ändern. Der Windowmanager stellt hierfür noch keinen Dialog zur Verfügung, sodass man ohne »xfdeskmenu« zunächst in der lokalen Konfigurationsdatei »~/.xfwm4rc« stöbern müsste.

Xftaskbar: Klein und nützlich

Auch das Programm »xftaskbar«, zweifelsohne das kleinste Programm, das Xfce 4 zu bieten hat, rüstet eine fehlende Eigenschaft von Xfwm 4 nach, die Iconify-Funktion. Ohne diese und ohne Taskbar verschwinden minimierte Fenster ganz einfach im Nichts. Um sie wieder zu öffnen, muss man den Umweg über »xfdeskmenu« gehen. »xftaskbar« erlaubt es, minimierte Programme per Mausklick auf das Item wieder zu maximieren. Dieser Mechanismus funktioniert auch umgekehrt. Selbstverständlich lässt sich »xftaskbar« nicht nur mit Xfwm 4, sondern mit jedem Windowmanager benutzen, der sich an die Free-Desktop-Standards hält.

Sowohl »xfdeskmenu« als auch »xftaskbar« sind aktuell nur aus dem Xfce-4-CVS-Archiv zu bekommen. Die entsprechenden Modulnamen sind »xfce-devel /xfdeskmenu« sowie »xfce-devel/xfce-utils« (in dem sich »xftaskbar« mit einigen anderen Tools versteckt).

Zum vollen Funktionsumfang einer Desktop-Umgebung zählt sicherlich auch ein Dateimanager. Hier hat Xfce 4 derzeit noch nichts zu bieten, doch arbeitet Edscott Garcia bereits an der Portierung des Gnome-Dateimanagers Nautilus mit dem Namen »xffm«; auch er im CVS zu finden.

Anders als bei anderen Desktop-Umgebungen, die in modernen Ausgaben schon mal einen Rechner mit 256 MByte voraussetzen, bleibt Xfce in der Viererversion weiterhin schlank: Benutzt man Windowmanager, Panel, »xfdeskmenu« und »xftaskbar« gleichzeitig, beanspruchen sie gemeinsam meist weniger als 3 MByte Hauptspeicher, und zwar unabhängig vom Theme – nicht nur für ältere Rechner eine echte Alternative zu KDE, Gnome und Konsorten. (pju)

Infos

[1] Xfce 4: [http://sourceforge.net/projects/xfce/]

[2] CVS-Instruktionen für Xfce: [http://sourceforge.net/cvs/?group_id=19869]

[3] Free-Desktop-Projekt: [http://www.freedesktop.org/]

[4] Sawfish: [http://sawmill.sourceforge.net/]

Der Autor

Martin Loschwitz ist Schüler aus Niederkrüchten und schon seit mehreren Jahren begeisterter Xfce-Benutzer.

Abbildung 1: Das könnte fast KDE im Liquid-Style sein.

Abbildung 1: Das könnte fast KDE im Liquid-Style sein.

Abbildung 2: Xfwm 4 im Look eines bekannten Betriebssystems.

Abbildung 2: Xfwm 4 im Look eines bekannten Betriebssystems.

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