Aus Linux-Magazin 04/2003

Desktop-Linux im Vergleich: Xandros Desktop Deluxe und SuSE Linux Office Desktop

Das Interesse an Linux auf dem Desktop ist neu erwacht, alte und neue Linux-Firmen wittern ihre Chance. Die Entscheidung zwischen Newcomer Xandros und Platzhirsch SuSE fiel nicht leicht, schließlich gaben die bessere Ausstattung und die größere Verbreitung der Nürnberger Software den Ausschlag.

Der Trend geht mal wieder zum Desktop-Linux. Die Distributoren haben dabei weniger Heimanwender als vielmehr den umsatzträchtigen Markt der Firmen und öffentlichen Einrichtungen im Auge. Der Zwang zum Sparen hat Linux in Umgebungen eingeführt, die es ohne die momentane Wirtschaftslage wohl erst nach Jahren erreicht hätte.

Den Distributoren kommt dieser Trend sehr gelegen. Statt sich, wie bislang üblich, nur untereinander zu bekämpfen, eröffnet dieser Markt eine Perspektive, die viel größeren Pfründen des Erbfeinds Microsoft anzugraben. Das Linux-Magazin stellt mit SuSE Linux Office Desktop sowie Xandros Desktop OS zwei aktuelle Produkte im Test vor. In der nächsten Ausgabe werden wir den Trend hin zum Desktop-Betriebssystem dann ausführlicher beleuchten.

Wer sich mit Linux auskennt und sich eines der aktuellen Desktop-Produkte ansieht, sollte keine Revolution erwarten. Linux bleibt Linux, die Komponenten zum Erschaffen eines Desktop-Linux sind die gleichen wie bei anders positionierten Produkten. Änderungen gibt es allenfalls in der Art, wie die Komponenten in das Gesamtsystem integriert sind und in der Auswahl der Software.

Fokus auf Integration und Bedienbarkeit

Besonders wichtig für die Nutzbarkeit sind die Integration in die bestehende Infrastruktur – das betrifft sowohl Netzwerkaspekte als auch den Dokumentenaustausch innerhalb einer Organisation – sowie Umfang und Auswahl der bereitgestellten Software und nicht zuletzt die Frage, wie intuitiv sich ein System bedienen lässt. Die Installation spielt hingegen im Firmenumfeld eine kleinere Rolle – die erledigt ja meist ein erfahrener Administrator.

SuSE ist wohl derzeit der in Deutschland bekannteste Hersteller eines reinen Desktop-Linux. Red Hat bietet zwar die so genannte Advanced Workstation an, deren Positionierung bleibt allerdings etwas unklar, zumal Red Hat im Herbst noch ein reines Desktop-Produkt nachschießen will.

Die Advanced Workstation ist wohl in erster Linie als Showcase für die Fähigkeiten von Linux für technische Workstations gedacht, schließlich wurde sie im September 2002 auf einem Itanium-Rechner von HP vorgestellt, die 32-Bit-Version soll irgendwann im ersten Quartal 2003 folgen. Laut Red Hats PR-Agentur handelt es sich bei der Advanced Workstation gar um ein Server-Produkt.

Phönix aus der Corel-Asche

In Deutschland noch wenig bekannt ist Xandros. Ein Blick in die Geschichte der Firma offenbart jedoch Vertrautes: Xandros Desktop ist eine Weiterentwicklung von Corel Linux[2], dem Versuch des bekannten Herstellers von Produkten wie Wordperfect und Corel Draw, den Desktop-Linux-Markt zu dominieren. Xandros kaufte dann im August 2001 die extra zu diesem Zweck gegründete Linux-Sparte heraus.

Technisches Highlight sowohl des alten Corel Linux als auch von Xandros ist die Abstammung von Debian. Anders als praktisch alle anderen kommerziellen Linux-Distributionen basiert dieses Produkt damit nicht auf dem RPM-Paketformat, sondern auf Debians Paketmanager. Xandros ist aber noch nicht in einer übersetzten, auf deutsche Verhältnisse angepassten Version erhältlich.

SuSE, Marktführer in Deutschland und dank dieser Stellung auch in Europa führend, bringt zusammen mit seinem Office Desktop eine ganze Reihe weiterer Produkte auf den Markt. An erster Stelle zu nennen ist der SuSE Linux Office Server, der eine direkte Integration des Office Desktops erlaubt.

 

Xandros Desktop Deluxe

Preis: ca. 100 US-Dollar

Bezugsquelle: Ixsoft [www.ixsoft.de]

Umfang: 1 CD, plus 1 CD “Technische Vorschau” mit KDE 3, Handbuch 250 Seiten (englisch)

Support: 30 Tage Installationssupport (E-Mail)

Crossover Office ist immer dabei

Beide legen ihren Produkten zudem das kommerzielle Crossover Office bei, das die Ausführung einiger Microsoft-Produkte direkt auf dem Linux-Desktop erlaubt. Insbesondere kann man damit recht komfortabel Microsofts Office 2000 unter Linux verwenden. Crossover Office ist mittlerweile so ausgereift, dass man die wenigen verbleibenden Probleme gut ignorieren kann. Zumindest im Fall von SuSE wird es jedoch nur die zweite Wahl bleiben, da auch das kommerzielle Star Office 6.0 dabei ist. Xandros bringt Open Office 1.0 mit, das Star Office kaum nachsteht.

Kritischer Punkt vieler neuer Linux-Installationen ist die Partitionierung der Festplatte. Meist werden neue Rechner heute mit vorinstalliertem Windows XP auf einer NTFS-Partition ausgeliefert. Die meisten Linux-Distributionen können zwar seit geraumer Zeit Partitionen im FAT32-Format in der Größe verändern, für NTFS-Partitionen gilt das aber bislang nicht. SuSE legt aus diesem Grund dem Office-Desktop das kommerzielle Produkt Acronis OS Selector bei, das NTFS-Partitionen verkleinern kann und nebenbei auch noch ein kompletter Bootmanager ist.

 

SuSE Linux Office Desktop

Preis: ca. 130 Euro

Bezugsquelle: z.B.: Ixsoft [www.ixsoft.de], SuSE [www.suse.de], Linuxland [www.linuxland.de]

Umfang: 4 CDs, Handbuch 420 Seiten

Support: 90 Tage Installationssupport

Endlich NTFS-Partitionen verkleinern

Neben NTFS-Partitionen kann Acronis auch Linux-übliche Ext-2-, Ext-3- und Reiser-Filesysteme in der Größe verändern, ohne Daten zu löschen. Allerdings kommt es gelegentlich zu kleinen Ungereimtheiten, da der Partitionsmanager zum Beispiel die Reihenfolge erweiterter Linux-Partitionen ändert, wodurch das System dann unter Umständen nicht mehr bootet. Für den Regelfall, das Verkleinern einer einzigen NTFS-Partition, reicht es jedoch aus. Der Bericht in der nächsten Ausgabe wird auf Acronis ausführlicher eingehen.

SuSEs Office Desktop basiert in weiten Teilen auf dem bekannten SuSE Linux 8.1. Die Datei »/etc/SuSE-release« enthält sogar den String »SuSE Linux 8.1«. Leider hat der Office Desktop von der 8.1 nicht nur die einfache Bedienung und Installation geerbt, auch viele ihrer Probleme sind noch vorhanden. So werden auf einem Testsystem mit IDE-CD-Brenner und DVD-Laufwerk beide Laufwerke über die SCSI-Emulation angesprochen. Das hat Probleme beim Ansprechen der Laufwerke über das vorkonfigurierte KDE zur Folge.

Nicht nur unsere Schwesterzeitschrift “LinuxUser” hat das bereits vor Monaten beschrieben[1], auch die SuSE-Supportdatenbank geht ausführlich darauf ein. Es ist völlig unverständlich, dass der Fehler inzwischen nicht behoben ist. Auch wurde der SCSI-Controller eines der Testsysteme wie schon bei SuSE 8.1 (und im Gegensatz zu SuSE 8.0) nicht erkannt. Das entsprechende Modul muss dann manuell geladen werden, um die Installation auf der angeschlossenen SCSI-Platte zu ermöglichen.

Solides Xandros, aktueller SuSE-Desktop

Xandros basiert auf Debian 3.0 (Woody) und dem halbwegs aktuellen Kernel 2.4.19, verwendet aber noch das ältere KDE 2.2. KDE3 wird zwar als “Technology Preview” mit der Distribution mitgeliefert, allerdings in Form einer eigenen bootbaren CD. Die Installation klappte auf zwei Testsystemen, schlug jedoch komplett fehl auf einem System mit eingebauter SCSI-Platte (für die Root-Partition) und IDE-Drive (für Daten). Ansonsten ist die Installation einfach und auch von ungeübten Benutzern zu bewältigen.

Beim Booten des Systems zeigt sich Xandros schweigsam, nur wenige Meldungen erscheinen am oberen Bildschirmrand. Ansonsten ist nur ein schöner Splashscreen zu sehen. Und so soll es auch sein: Denn welchen reinen Desktop-Benutzer interessiert es beispielsweise, dass seine Partitionen erkannt wurden (solange sie nur erkannt werden) oder dass der Real Time Clock Driver gestartet ist. SuSEs Office Desktop verhält sich in dieser Disziplin wie sein großer Bruder SuSE Professional 8.1 und erschlägt seine Benutzer mit einer Vielzahl von Bootmeldungen.

Abbildung 1: Der aufgeräumte Xandros-Desktop: Filemanager im Windows-Stil, Wizards erleichtern die Konfiguration. Komfortable ISDN-Unterstützung beispielsweise fehlt aber.

Abbildung 1: Der aufgeräumte Xandros-Desktop: Filemanager im Windows-Stil, Wizards erleichtern die Konfiguration. Komfortable ISDN-Unterstützung beispielsweise fehlt aber.

Abbildung 2: Auch der SuSE-Desktop bedient sich der Wizards, auf gut Deutsch Assistenten genannt. Unter der Haube steckt SuSE 8.1 - mit ihren Vorzügen und Problemen.

Abbildung 2: Auch der SuSE-Desktop bedient sich der Wizards, auf gut Deutsch Assistenten genannt. Unter der Haube steckt SuSE 8.1 – mit ihren Vorzügen und Problemen.

Small is beautiful

Den ersten Eindruck des Desktops kann man bei Xandros mit dem Motto “Simplicity by Design” umschreiben. Was nicht gebraucht wird, ist auch nicht auf dem Desktop zu finden, was vorhanden ist, tut klaglos seinen Dienst. Wo es möglich ist, findet man auch sinnvoll konfigurierte Defaults.

Nichts zu beanstanden gibt’s beim Einbinden in lokale Netze, NFS-Shares und Windows-Freigaben zeigt der optisch auf Windows Explorer getrimmte Dateimanager sehr übersichtlich an. Im nicht englischsprachigen Raum verschenkt Xandros sehr viel durch mangelnde Lokalisierung. Die Umstellung des KDE von Englisch auf Deutsch bringt ein buntes Gemisch beider Sprachen hervor, da Xandros den KDE an vielen Stellen aufgebohrt, dort aber die Übersetzungen vergessen hat.

SuSE zeigt sich auf den ersten Blick mit drei CDs umfangreicher als Xandros mit nur einer. Auf dem Desktop finden sich damit bei SuSE 13 Icons, gegenüber gerade einmal fünf bei Xandros. Unter der Haube ist aber auch SuSE gegenüber der 8.1 Professional deutlich abgespeckt. SuSE Linux Office Desktop scheint sich wirklich nur an Personen zu wenden, die dieses Betriebssystem für Büroarbeiten verwenden wollen. Als Entwickler-Workstation taugt das Produkt dagegen nicht. So sucht man zum Beispiel Entwicklungswerkzeuge wie etwa einen C-Compiler vergeblich. Auch die Handbücher scheinen bewusst knapp gehalten zu sein. Aber das ist okay – die Zielgruppe sind Desktop-Benutzer, nicht Administratoren eines Servers.

Fazit

SuSE Linux ist schon seit seligen KDE-1.0-Zeiten als Desktop-Produkt tauglich. So bleibt den Nürnbergern nur, vorhandene Produkte von Drittherstellern mitzuliefern, um Desktop-Benutzern (oder ihren Administratoren) das Leben zu erleichtern. Das Desktop-Konzept ließe sich noch etwas konsequenter umsetzten, indem etwa die Bootmeldungen kaschiert werden. Und Bug-Freiheit ist für ungeübte Desktop-Benutzer natürlich noch wichtiger als für Personen mit fundierten Linux-Kenntnissen. In dieser Hinsicht liegt nach unserem ersten Eindruck Xandros vorn.

Privatbenutzer, die auf Crossover Office, Star Office und Acronis verzichten können, sollten sich überlegen, ob sie mit SuSEs nur halb so teurer Professional Edition besser fahren. Sinnvoll ist SuSEs Office Desktop dagegen in Firmenumgebungen oder der öffentlichen Verwaltung, wo die Verwendung eines nativen MS Office nicht zu umgehen ist und wo die von SuSE propagierte Integration mit dem Office Server neue Möglichkeiten eröffnet. Und natürlich gebührt den Nürnbergern Lob dafür, sich um die Verbreitung von Linux auch unter den noch nicht Erleuchteten zu bemühen.

Xandros ist in Deutschland noch recht unbekannt – und das wird auch so bleiben, solange keine lokalisierte Version verfügbar ist. In puncto Benutzbarkeit unterscheiden sich beide Distributionen nicht allzu sehr. Linux-Einsteiger, die von vornherein mit Debian sympathisieren, mögen sich eher von Xandros angesprochen fühlen.

Das nur unwesentlich teurere SuSE 8.1 liefert aber nicht nur eine neuere Version von Crossover Office mit (1.3.1 gegenüber 1.3.0), sondern bietet auch mit dem Partitionierungstool Acronis (einzeln für 37 Euro zu haben) einen erheblichen Mehrwert. Wenn es also um die Anschaffung einer Desktop-Distribution für die Firma geht, ist SuSE Office Desktop – nicht zuletzt auch wegen SuSEs Marktstellung in Deutschland – gegenwärtig die bessere Lösung. (uwo)

 

Infos

[1] “Runderneuert, SuSE Linux 8.1 im Test”: LinuxUser, 12/02

[2] “Corel Linux OS 1.0”: Linux-Magazin 02/00, auch online verfügbar

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