Microsofts Office Open XML: Vorerst kein Aufstieg in die ISO-Weltklasse

Wie die Internationale Standardisierungsorganisation ISO bekannt gab, ist Microsofts Office-Open-XML-Format (OOXML) in der Vorabstimmung gescheitert. Eine endgültige Entscheidung wird allerdings erst die Diskussion der Kommentare im Februar bringen.

Insgesamt 103 Mitgliedsländer der Organisation waren aufgerufen, ihre Stimmen bis zum 2. September abzugeben – nun liegt das Votum vor: 53 Prozent der Stimmen befürworteten den Antrag auf Anerkennung als ISO-Standard, 26 lehnten ihn ab, wie die ISO mitteilt. Damit der eingereichte Vorschlag unter der Nummer ISO/IEC DIS 29500 den Standardisierungsprozess weiter durchlaufen hätte können, wäre die Zustimmung von zwei Dritteln der stimmberechtigten Länder nötig gewesen und die gegnerischen Stimmen hätten 25 Prozent nicht übersteigen dürfen.

Microsoft hatte im Dezember 2006 mit 6000 Seiten Dokumentation sein hauseigenes XML-Format zur Normung vorgeschlagen. Nachdem das freie Open Document Format ODF im Mai 2006 zum ISO-Standard wurde, war dies das zweite Büroanwendungsformat, über dessen Normung auf internationaler Ebene entschieden wurde.

Fleißige Lobby-Arbeiter

Das Votum wurde von heftigen Diskussionen begleitet, in der Wortwahl des FFII (Foundation for a free information Infastructure) entbrannte ein “weltweiter Krieg um die Formate”. Der Verein engagierte sich mit einer eigenen Webseite unter dem Namen NoOOXML gegen die Standardisierung und konnte über 41.700 Gegenstimmen sammeln. Weitere Ablehnung erfuhr das Format unter anderem durch die Linux-Foundation, aber auch durch Unternehmen wie IBM oder Sun.

Der ablehnenden Haltung schlossen sich Länder wie Australien, Kanada, Dänemark, Großbritannien, China, Indien und Korea an. Befürworter waren unter anderem Deutschland, Zypern, Portugal, USA, Rumänien und die Schweiz. Zahlreiche Enthaltungen, umfangreiche Kommentare der Normungsinstitute und Medienecho begleiteten den Abstimmungsvorgang um die Standardisierung.

NoOOXML, die Kampagnen-Website des FFII gegen Microsofts Bestrebungen, das hauseigene Office-XML-Format als ISO-Standard zu etablieren.

NoOOXML, die Kampagnen-Website des FFII gegen Microsofts Bestrebungen, das hauseigene Office-XML-Format als ISO-Standard zu etablieren.

Ein Beitrag auf Wall Street Journal Online berichtet von Skandalen und Unregelmäßigkeiten, der unerfreulichen Arbeit von Lobbyisten: In die zuständigen Organisationen einiger Länder seien kurz vor der Abstimmung Mitglieder aufgenommen worden, die zu Gunsten von Microsoft Stimmen liefern sollten. In Italien beispielsweise soll in der Ente Nazionale Italiano di Unificazione (UNI) die Zahl der Ausschussmitglieder in kürzester Zeit von vier auf 85 gestiegen sein. Dort hatten Anhänger des freien Formats ODF die Strategie Microsofts hintertrieben und gleichfalls an der Sitzung teilgenommen. Das Kommitee sah sich aufgrund der lautstarken Auseinandersetzung schließlich zu keiner echten Stellungnahme in der Lage und enthielt sich der Stimme. In Portugal nahm laut dem Bericht der Ausschussvorsitzende, der zugleich Manager bei Microsoft ist, kurz vor der Abstimmung zwölf Mitglieder in den Ausschuss auf, während den OOXML-Gegnern IBM und Sun die Mitgliedschaft wegen “Platzmangels” verweigert worden sei.

Auch in den USA erhielten die Ausschüsse in kurzer Zeit Mitgliederzuwachs, ebenso in Schweden. Hier schlugen die Wellen besonders hoch: Das Schwedische Institut für Standards (SiS) zog sein zunächst positives Votum wieder zurück und erklärte es für ungültig, nachdem auch hier Manipulationsvorwürfe laut geworden waren. Die offizielle Begründung des SiS waren doppelt abgegebene Stimmen. Allerdings gaben unmittelbar danach Microsoft-Vertreter Manipulations- und Bestechungsversuche öffentlich zu. Laut Microsoft-Manager Tom Robertson wurden die angebotenen Gelder nach Bekanntwerden sofort zurückgezogen, da dies “inkonsistent mit der Firmenpolitik” sei.

Auch in Deutschland war die Abstimmung umstritten: Das Deutsche Institut für Normung (DIN) hatte mit “Ja, aber…” für die Aufnahme des Formats als Standard gestimmt. Laut Berichten durfte sowohl der Google-Unternehmensvertreter als auch der Telekomvertreter nicht abstimmen – hätten doch zwei Pro-Microsoft-Vertreter ihre Stimme abgegeben, obwohl sie an der Diskussion nicht teilgenommen hatten. Das Ergebnis fiel mit dreizehn zu vier Stimmen dennoch eindeutig für das Microsoft-Format aus.

Elmar Geese, Vorsitzender des deutschen Linux-Verbands, konnte für diese Entscheidung kein Verständnis aufbringen. Dennoch stellte er sich offenbar darauf ein, sich in das vermeintlich Unvermeidliche zu fügen. Im Namen des Linux-Verbands forderte er eine pragmatische Auseinandersetzung mit dem Microsoft-Format. Ein definiertes, standardisiertes Mapping zwischen dem freien ODF und dem Gegenstück OOXML nannte er einen ersten Ansatz.

Diskussion im Februar entscheidet

Roger Frost, Pressesprecher der International Organisation for Standards (ISO), sagte im Gespräch mit Linux-Magazin Online, alle Kommentare würden in einer späteren Sitzung berücksichtigt und erneut diskutiert – gleichgültig, ob diese mit Zustimmung oder Ablehnung verbunden waren. Da zahlreiche Länder, darunter auch Deutschland, Ihr Votum mit Kommentaren versehen haben, dürfte dies im Februar Anlass zur Diskussion geben. Sollten danach die Länder, die zunächst mit “Nein, mit Kommentar” gestimmt hatten, ihre Meinung ändern, könnte die Anerkennung doch noch stattfinden.

Sollte das Unternehmen Microsoft eine Ablehnung dazu verwenden, sein Dokument nachzubessern, wird der “Draft International Standard” (DIS) überarbeitet und geht mit entsprechenden Änderungen in eine neue Abstimmung. (mhu)

So haben die ISO-Mitglieder abgestimmt
103 Länder sind abstimmungsberechtigte Vollmitglieder (Member Body) in der ISO. Jedes Vollmitglied hat eine Stimme, beauftragt waren technische Ausschüsse. Nicht zu jeder stimmberechtigten Organisation liegt allerdings ein veröffentlichtes Abstimmungsergebnis vor.
OOXML-Unterstützer Enthaltungen OOXML-Gegner
Ägypten
Armenien
Aserbaidschan
Bangladesh
Barbados
Bosnien-Herzegovina
Bulgarien
Costa-Rica
Cuba
Deutschland
Elfenbeinküste
Fidji-Inseln
Ghana
Griechenland
Jamaica
Jordanien
Kasachstan
Kenia
Kolumbien
Kongo
Kuwait
Libanon
Malta
Marokko
Nigeria
Österreich
Pakistan
Panama
Polen
Portugal
Rumänien
Russland
Saudi-Arabien
Schweiz
Serbien
Singapur
Sri Lanka
Syrien
Tanzania
Tunesien
Türkei
Ukraine
Uruguay
USA
Usbekistan
Venezuela
Vereinigte Arabische Emirate
Zypern
Argentinien
Australien
Belgien
Chile
Finnland
Indonesien
Israel
Italien
Luxemburg
Malaysia
Mauritius
Mexiko
Niederlande
Peru
Slowenien
Schweden
Spanien
Trinidad
Vietnam
Ungarn
Zimbabwe
Brasilien
China
Dänemark
Ecuador
Frankreich
Großbritannien
Indien
Iran
Irland
Japan
Kanada
Korea
Lettland
Neuseeland
Norwegen
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