Aus Linux-Magazin 03/2026

Editorial 03/2026

© Computec Media GmbH

Rasante Technikentwicklung, dadurch neue Perspektiven, aber auch Jobverlust und Unsicherheit – das gab es schon einmal, während der industriellen Revolution. Wir können daraus lernen und es heute besser machen – wenn wir nicht nur die Features, sondern auch ihre Folgen diskutieren.

Schon einmal hat sich Vergleichbares ereignet. Damals, zur Zeit der industriellen Revolution um die vorletzte Jahrhundertwende, verloren Wissen und Können vieler Handwerker mit einem Mal ihren Wert, weil fortan eine Maschine ihre Arbeit deutlich schneller und präziser erledigen konnte. Der Mensch wurde zu ihrem Anhängsel, musste sich ihrem Takt – etwa am aufkommenden Fließband – beugen. Seine Qualifikation zählte nicht mehr, oft empfand man das als Demütigung. Betroffen war nicht nur das Handwerk: Auch Schreib- und Rechenmaschinen beschleunigten Korrespondenz und Buchhaltung. Und die Umwälzung blieb nicht auf die Arbeitswelt beschränkt: In der Kunst beispielsweise machte die Fotografie der Malerei Konkurrenz.

Auch damals erschütterte die stürmische Entwicklung der Technik zahlreiche Gewissheiten und führte zu Verunsicherung und Zukunftsangst. Auch damals wirkte das als Katalysator für nationalistische Tendenzen: Technische Errungenschaften wie riesige Ozeandampfer oder Hochhäuser galten als Ausweis der nationalen Vitalität. Heute ist es der Kampf um die globale KI-Vorherrschaft. Und wieder geht es dabei um weit mehr als wirtschaftlichen Gewinn. Es geht um Macht, Einfluss und Ideologie. Anstelle der Ozeandampfer gelten heute riesige Rechenzentren und smarte KI-Systeme als Indiz der Überlegenheit.

Geschichte reimt sich

Mit der rasanten Entwicklung der KI erleben wir etwas, zu dem sich viele Parallelen zur industriellen Revolution ziehen lassen. Allerdings bedroht die Technik heute noch mehr Arbeitsplätze, und das selbst da, wo sich Geistesarbeiter bislang sicher fühlten. Schätzungen gehen davon aus, dass bei etwa zwei Drittel sämtlicher Berufe mindestens ein knappes Drittel aller Tätigkeiten automatisierbar wäre.

Von der Erfindung der Dampfmaschine über die Elektrifizierung, die ersten Fließbänder, den PC bis zur heutigen KI wurden wirtschaftliche und gesellschaftliche Auswirkungen immer stärker: Die Dampfmaschine führte zu einem Anwachsen des globalen Bruttoinlandsprodukts um 0,3 Prozentpunkte, die Verbreitung von Industrierobotern ließen es um 0,4 Punkte steigen, die modernen Informations- und Kommunikationstechnologien schafften 0,6 Punkte. Aber KI, so schätzte das McKinsey Global Institute 2018 in seiner Studie “Notes from the Frontier”, wird den bisher höchsten Zuwachs noch einmal verdoppeln und das weltweite BIP bis 2030 um 1,2 Punkte anwachsen lassen. Wir sind Zeitzeugen von Umwälzungen, wie es sie bisher nie gegeben hat.

Dabei können wir jedoch aus der Geschichte lernen und es heute besser machen als zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Wir könnten eine KI entwickeln, die Menschen nicht ersetzt, sondern ihnen als Werkzeug dient, das ihnen Routinearbeit abnehmen kann und sie befähigt, anspruchsvolle Aufgaben zu bewältigen. Dafür sollten wir sie nicht als Naturgewalt verstehen, sondern als etwas, das wir aktiv gestalten können. Wir dürfen uns das Nachdenken, Urteilen und Entscheiden nicht abnehmen lassen. Wir müssen darauf achten, dass nicht erneut Nationalisten mit scheinbar einfachen Lösungen Profit aus Unsicherheit und Sorge schlagen.

All das aber setzt eine gesellschaftliche Diskussion voraus, die sich nicht nur um technische Features und Fähigkeiten dreht, sondern die Sinnfrage stellt.

Jens-Christoph Brendel

Stellv. Chefredakteur

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