Aus Linux-Magazin 08/2015

Die Entwicklungen bei Linux-Groupware – eine Zwischenbilanz

© mahout, 123RF

Der Groupwaremarkt ist ebenso groß wie schwierig: Microsoft Exchange und Lotus Notes halten die dicken Brocken fest, soziale Netzwerke und Google drängen nach. Freie Software kann gleichwohl auf schöne Erfolge verweisen, gerät aber immer wieder in die Opferrolle – meist wegen externer Finanzierung.

Vier Jahre her ist der letzte Groupwarevergleich im Linux-Magazin [1] – Grund genug, erneut den Blick auf die für Unternehmen wichtige Collaboration-Sparte zu richten, die allein in Deutschland rund 700 Millionen Euro Jahresumsatz schwer ist. Der größte Teil des Geldes landet in den Taschen von Microsoft: Je nach Zählweise und Weltregion kommen auf zehn Groupware-Installationen nur zwei bis vier von Mitbewerbern [2]. Die Nummer zwei im Markt ist IBM mit Lotus Notes. Wichtige Mitspieler von früher wie Novell Groupwise rangieren im unteren einstelligen Prozentbereich.

Ein Markt mit Platz

Doch wegen der Milliarden, die Anwenderfirmen weltweit für Groupware ausgeben, reichen für kleinere Anbieter schon Marktanteile von einigen Promille, um zu wirtschaften. In einer guten Position sehen sich dabei natürlich Produkte, deren Entwicklung (zum Teil) in einer Community erfolgt – sprich Open-Source-Software. Diese Einschätzung teilt die Wagniskapitalbranche offenbar, denn in die meisten Groupware-Unternehmungen, die dieser Artikel analysiert, floss entweder reichlich Venture Capital oder sie waren Gegenstand von strategischen Übernahmen oder beides.

Dieser Artikel wirft einen Blick auf die jüngsten Entwicklungen bei Kerio, Kolab, Open Xchange, Postpath, Scalix, Tine 2.0, Zarafa und Zimbra.

Postpath

Etwas weniger glücklich bei der Jagd auf Kunden, dafür aber ebenfalls mit viel Geld unterwegs war Postpath [13]. Das aus Bulgarien und den USA stammende Team entwickelte bis 2008 einen unter Linux laufenden Exchange-Nachbau.

Dann zückte Cisco die Brieftasche und erwarb Postpath für 215 Millionen Dollar. Erklärtes Ziel: Das Software-as-a-Service-Angebot Cisco Webex Mail sollte das Gegenstück zu den Offerten von Google und Microsoft werden.

Im selben Kontext ist wohl auch die Akquise der Instant-Messaging-Pioniere Jabber Inc. wenige Wochen später zu sehen. Während Jabber in den Kommunikationsprodukten von Cisco weiterlebt, kam für Webex Mail schon im Februar 2011 das endgültige Aus. Lapidarer Kommentar eines Managers bei Webex: “Es skalierte nicht.”

In der Zwischenzeit hat Cisco nun auch das Groupwareprojekt Postpath endgültig eingestellt.

Kerio Connect

Kerio Technologies [3] startete 1997 mit dem Vertrieb einer Netzwerksoftware, 2001 gab es die erste Version des Kerio-Mailservers. Ab Version 7 nannten die Kalifornier das mittlerweile zur Groupware weiterentwickelte Produkt Kerio Connect (Abbildungen 1 und 2). Obwohl einige Einzellösungen aus dem Linux- und Open-Source-Umfeld, zum Beispiel Spamassassin, Open SSL und Qt, integriert sind, vertreibt Kerio sein Produkt Connect vollständig und ohne jede Ausnahme unter einer proprietären und rein kommerziellen Lizenz.

Abbildung 1: Kerios Admin-Oberfläche bei der Arbeit.

Abbildung 1: Kerios Admin-Oberfläche bei der Arbeit.

Abbildung 2: Kerio Connect wirkt aufgeräumt und modern.

Abbildung 2: Kerio Connect wirkt aufgeräumt und modern.

Außer für Linux ist das Produkt darüber hinaus auch für Windows und Mac OS X erhältlich. Gerade Letzteres dürfte einiges zur Verbreitung beigetragen haben, denn für die Apple-Serverplattform gibt es relativ wenige Groupwarelösungen. Kerio hat zudem auch als einer der ersten Dritthersteller eine Implementierung der Exchange Web Services (EWS) geschafft. Unter OS X setzt mittlerweile nicht nur Outlook auf die HTTP-basierte Anbindung an Exchange. Seit OS X (Snow Leopard) lässt sich auch das zum Mac-System gehörende Mail via EWS anbinden.

Caldav und Carddav

Es sind allerdings nicht nur die alternativen Exchange-Anbindungen, zu denen auch ein Outlook-Connector in On- und Offline-Variante und mit Exchange Active Sync (EAS) gehört. Als Mitglied im Calendaring und Scheduling Consortium Calconnect hat Kerio auch eine der ersten kommerziellen Caldav- und Carddav-Implementierungen vorgestellt.

Die meisten Anwender von Kerio Connect schätzen die gute Integration bewährter Kommunikationstechnologien, wie sie typische KMU-Umgebungen benötigen. Offene Standards unterstützt das Produkt, soweit sie sinnvoll und verbreitet sind. Ab Kerio Connect 8.1 ist zum Beispiel ein XMPP-basierter Instant-Messaging-Dienst mit an Bord.

Bislang adressierte Kerio vorrangig Kunden mit bis zu wenigen Hundert Mailboxen. Die im Mai 2015 erschienene Version Kerio Connect 8.5 unterstützt erstmalig auch mehrere Server in einer Organisation und soll somit das Skalierungsproblem lösen.

Kolab

Beim letzten Groupwarevergleich im Linux-Magazin war eine Runderneuerung der Open-Source-Groupware Kolab [4] noch im Gespräch. Die Anfang 2013 vorgestellte Version 3 ([5], Abbildung 3) konnte dann mit einem erweiterten Datenformat aufwarten und setzte beim Webmailer statt des von vielen Anwendern als altbacken empfundenen Horde-Frameworks auf Roundcube.

Abbildung 3: Die aktuelle Online-Demo von Kolab hat so gar nichts mehr mit den Horde-basierten Vorläufern der vergangenen Jahre gemeinsam.

Abbildung 3: Die aktuelle Online-Demo von Kolab hat so gar nichts mehr mit den Horde-basierten Vorläufern der vergangenen Jahre gemeinsam.

Kolab Systems als treibendes Unternehmen hinter Kolab beschäftigt seit Jahren einige Entwickler des Kernteams von Roundcube und schafft es trotzdem, beispielsweise durch konsequente Auslagerung Kolab-spezifischer Funktionen in Plugins, den universellen Webmailer Roundcube nicht zu kannibalisieren.

Die Pläne, ein auf Schweizer Recht und Datenschutzvorgaben basierendes Groupwarehosting anzubieten, lagen bei der Kolab Systems AG schon länger in der Schublade. Nur wenige Wochen nach den ersten Veröffentlichungen von Edward Snowden zu Prism und Tempora ging My Kolab an den Start [6] und fand so sicherlich nicht nur Kunden der fast gleichzeitig schließenden Maildienste von Lavabit und Silent Circle.

Fast gleichzeitig kündigte Kolab mit Irony eine auf Sabredav basierende Unterstützung für Caldav und Carddav an. Diese ist nach Ansicht mancher Kunden mittlerweile so ausgereift, dass sich Kolab auch für Mac-Anwender als eine ernstzunehmende Groupwarelösung eignet.

Enterprise-Version

Ebenfalls im Jahr 2013 datiert ein weiterer Meilenstein: Die von Kolab Systems betreute und jährlich aktualisierte Version Kolab Enterprise folgt jetzt dem Modell der Referenzplattform Red Hat Enterprise Linux [7]. Die Community-Variante wird – vergleichbar mit Fedora – als Entwicklerversion deklariert und nicht für den produktiven Einsatz empfohlen. Wer sich darauf einlassen will, tut gut daran, sich mit den Mailinglisten [8] zu befassen. Hier wie auch im IRC-Channel »#kolab« bestehen dennoch gute Chancen, schnelle und kompetente Hilfe bei Problemen zu erhalten.

Die im vorigen Test kritisierten Probleme mit der Dokumentation bestehen teilweise weiter. Zwar haben die Entwickler dem Dokumentationsportal http://docs.kolab.org in letzter Zeit einiges an Inhalten hinzugefügt, es wird aber weiterhin hauptsächlich von Developern gepflegt und ist demzufolge für Einsteiger nur bedingt geeignet. Die Lektüre empfiehlt sich trotzdem, da sich unter anderem unter den noch überschaubaren Howtos sehr wertvolle Hinweise zur erweiterten Konfiguration finden.

Runder Würfel

Kolab ist weiterhin eines der wenigen Produkte, die mit Kontact einen plattformübergreifenden Desktop-Client liefern. Auch Windows-Anwender könnten sich von Outlook lösen, wenn sie bereit sind, sich dem KDE-Multitalent Kontact zu nähern. Das darunterliegende Qt erlaubt es, den Client sowohl auf Linux, Windows wie auch als abgespeckte Version auf Mobiltelefonen zu verwenden. Im Januar 2015 verordnete die Kolab Systems AG sich und ihren Produkten eine optische Erneuerung. Diese schlägt sich auch in einem neuen Design des Webmailers Roundcube nieder.

Auf dem Kolab Summit 2015 Anfang Mai in Den Haag (gleichzeitig mit der Open-Suse-Konferenz) hatten die Mannen um Kolabsys-CEO Georg Greve einige Neuigkeiten im Gepäck: “Das wird eine der wichtigsten Aufgaben für uns in den nächsten Jahren!”, erklärte Greve dem Summit-Publikum. Roundcube, repräsentiert durch Mastermind Thomas Brüderli, soll mit einer Crowdfunding-Kampagne (Roundcube Next, [9], Abbildungen 4 und 5) breite Unterstützung und neue Features bekommen. Außerdem standen MAPI- und Office-Integration und der für das traditionell stark auf Datensicherheit ausgerichtete Kolab besonders attraktive Gesundheitssektor im Vordergrund.

Abbildung 4: Auf dem Kolab Summit 2015 in Den Haag riefen Georg Greve, Thomas Brüderli und Aaron Seigo eine Crowdfunding-Kampagne für den Webmailer aus.

Abbildung 4: Auf dem Kolab Summit 2015 in Den Haag riefen Georg Greve, Thomas Brüderli und Aaron Seigo eine Crowdfunding-Kampagne für den Webmailer aus.

Abbildung 5: Innerhalb sehr kurzer Zeit konnte Roundcube Next eine beträchtliche Summe zusammensammeln.

Abbildung 5: Innerhalb sehr kurzer Zeit konnte Roundcube Next eine beträchtliche Summe zusammensammeln.

Open Xchange

Dass Investitionen auch Früchte tragen können, beweist das Beispiel OX: 15 Millionen Euro schwer war die Investition von United Internet Ventures in Open Xchange [10]. Die Palette rund um die OX-App-Suite haben die Nürnberger in den letzten Jahren ständig erweitert. Aus der reinen Groupwaresuite entwickelte sich mit OX Documents, OX Guard, OX Drive und OX Messenger eine komplette Web-basierte Bürosuite. Allerdings zeigt diese Investition auch das strategische Eigeninteresse von United Internet unter anderem als Eigentümer von 1&1, das Open Xchange schon seit Jahren als Basis des Angebots einsetzt.

Wer zuvor noch nie etwas von Open Xchange gehört hat und sich auf der Webseite über das Produkt informieren möchte, wird allein vermutlich kaum auf die Idee kommen, dass dieses sich auch für den Betrieb im eigenen Unternehmen eignet. Im Fokus stehen dort die großen Hostinganbieter, was angesichts der in den vergangenen Jahren hinzugekommen Investoren auch nicht verwunderlich ist. Neben 1&1 Mail-Business steckt Open Xchange zum Beispiel auch hinter den Angeboten von Host Europe oder dem Anfang 2014 gestarteten Mailbox.org der Berliner Heinlein Support GmbH.

Apps, Apps

Die Architektur des aus dem SLOX (Suse Linux Open Exchange Server) hervorgegangenen Produkts eignet sich schon deshalb ausgezeichnet für Provider, weil zumeist vorhandene IMAP-Server ohne große Umbauarbeiten um Groupwarefunktionen erweitert werden können. Die im November 2012 erstmalig veröffentlichte OX-App-Suite (Abbildung 6) ist nicht nur ein neu designtes Webfrontend für die schon im klassischen Web-GUI von OX 6 vorhandenen Funktionen, sondern auch Basis für zusätzliche Applikationen, die seit Anfang 2014 mit hoher Schlagzahl veröffentlicht werden:

Abbildung 6: Open Xchange entfernt sich immer weiter von seinen SLOX-Wurzeln und wird zur App-Zentrale für Unternehmen und Endkunden.

Abbildung 6: Open Xchange entfernt sich immer weiter von seinen SLOX-Wurzeln und wird zur App-Zentrale für Unternehmen und Endkunden.

  • OX Drive für die Dateiverwaltung und -synchronisation,
  • OX Documents mit Textverarbeitung und Tabellenkalkulation,
  • OX Guard für die Verschlüsselung von Nachrichten,
  • OX Messenger für Chat und (Video-)Telefonie als bisher letzte Ergänzung.

In der für das zweite Quartal anstehenden Update-Runde ist unter anderem eine PGP-Kompatibilität von OX Guard in Planung. Zu einem bislang noch nicht feststehenden Termin soll zu OX Documents ein Präsentationsmodul hinzustoßen. Auf Open Xchange basierende Angebote können damit eine Alternative zu Google Apps und vergleichbaren Diensten sein. Vor diesem Hintergrund sind auch die angekündigten Übernahmen von Dovecot Oy [11] und Power DNS erklärbar.

On Premise

Für die Installation im Unternehmensnetzwerk ist die OX-App-Suite/Server Edition gedacht. Die im letzten Test vorgestellte Appliance OXASE ist zwischenzeitlich abgekündigt. Einen aus funktionaler Sicht gleichwertigen Ersatz bietet aber die aktuelle Installationsvariante über das App Center des Univention Corporate Server (UCS). Da auch die OXASE auf UCS basierte, haben die Hersteller einen Umstellungspfad für betroffene Kunden geschaffen.

Wer am Einsatz der OX-App-Suite im eigenen Unternehmen Interesse hat und nach technischen Informationen sucht, sollte sich die Knowledgebase [12] ansehen. Hier sind alle relevanten Dokumentationen verlinkt.

Scalix

Eine ebenfalls wechselvolle Geschichte mit seinen Investoren durchlebte der Openmail-Ableger Scalix [14]. Begonnen hatte sie 2002 mit etwas weniger Venture-Kapital als etwa Zimbra erhielt, doch nach fünf Jahren verloren die ursprünglichen Kapitalgeber das Interesse und verkauften an Xandros, ein ebenfalls von Fonds gesteuertes Unternehmen aus dem Corel-Dunstkreis. Xandros erzielte daraufhin einige Erfolge, unter anderem auch als Softwarelieferant für das Netbook Eee-PC, das Asus einen geschätzten Umsatz von einer Milliarde US-Dollar bescherte.

Der Erfolg war aber nicht nachhaltig, spätere Investitionen, etwa die in Linspire, erwiesen sich als wirtschaftliche Desaster. Ab 2010 wurde das Geld knapp und man suchte für Scalix neue Investoren. Die Ankündigung des Pennystocks-Unternehmens Sebring Software im Jahr 2011, 12 Millionen für Scalix zahlen zu wollen, erwies sich als Luftnummer, das Kapital reichte nicht mal für einen Bruchteil der Kaufsumme. Seit Ende 2013 machen Teile des ehemaligen Scalix-Managements auf eigene Rechnung weiter und versuchen wieder Anschluss zu gewinnen.

Überraschung: Eine neue Version ist da!

Der Veteran, dessen Ursprünge mit HP Openmail bis ins Jahr 1987 zurückreichen, fehlte beim letzten Groupware-Vergleich, auch weil es nach 2010 weder Produktaktualisierungen noch irgendwelche substanziellen Nachrichten zu vermelden gab. Daher war die Überraschung groß, als sich Scalix im Spätherbst 2013 mit einer neuen Version 12.0 wieder meldete. Mit einem kleinen Zwischenschritt erschien Ende März 2015 die aktuelle Version 12.5 (Abbildung 7). Ein Blick in die Release Notes [15] zeigt diverse Fehlerbehebungen und einige Ansätze zur Modernisierung der Architektur.

Abbildung 7: Für viele völlig überraschend brachte Scalix im Frühjahr 2015 die neue Version 12.5 mit vielen Bugfixes und Neuerungen heraus.

Abbildung 7: Für viele völlig überraschend brachte Scalix im Frühjahr 2015 die neue Version 12.5 mit vielen Bugfixes und Neuerungen heraus.

Die ist zwar ausgereift und skaliert sowohl horizontal als auch vertikal sehr gut, hat aber auch mit der von HP Openmail geerbten X.400-Basis für den eigenen Verzeichnisdienst Elemente, die eine Offenlegung des Quellcodes verhindern. Die ursprünglichen Pläne, schon mit Scalix 12 auch den Kern unter eine Open-Source-Lizenz zu stellen, waren wegen der negativen Entwicklung des ehemaligen Eigentümers Xandros nicht durchsetzbar, stehen aber weiterhin auf der Aufgabenliste.

In den vergangenen zwei Jahren haben sich die Scalix-Entwickler zunächst um Anschluss bei der Unterstützung aktueller Outlook-Versionen und die Behebung von Fehlern bemüht. Scalix 12.5 bringt nun einige Neuerungen. Die mit einer kommerziellen Lizenz aktivierbare Archivierungsschnittstelle ist jetzt in der Lage, im Exchange-Journaling-Format zu exportieren und somit verbreitete Archivierungslösungen zu adressieren.

Ein in der Praxis des Öfteren nachgefragtes Feature ist die Möglichkeit, über Outlook oder den Webmailer eine als Alias definierte SMTP-Adresse auch für den Versand zu benutzen. Scalix 12.5 realisiert diese Funktion. Bei Microsoft Exchange geht das übrigens weiterhin nur mit Third-Party-Add-ons, andere Produkte – zum Beispiel Kerio – können dies aber mittlerweile auch.

Verbesserungsbedarf bleibt

Akuter Verbesserungsbedarf besteht bei der Unterstützung neuerer Exchange-Activesync-Versionen. Auch Scalix Web Access, der Webmailer, wirkt trotz der jetzt endlich eingebauten zu Outlook und Activesync kompatiblen Aufgabenverwaltung angesichts moderner HTML-5-Clients doch etwas angestaubt. Eine Runderneuerung ist für die Version 13 angestrebt. Mit Blick auf die Entwicklungen der letzten Jahre muss Scalix erst noch unter Beweis stellen, dass es diese Pläne auch tatsächlich umsetzt.

Chancen bestehen sicherlich. Eine Preview der nächsten Version 12.6 hat die Firma jedenfalls zeitgleich mit der Release 12.5 veröffentlicht. In der Pressemitteilung zur Version 12.5 bekennt sich der Hersteller weiterhin zu seiner Strategie, auch langfristig Microsoft Outlook als eine wesentliche Komponente der “Client of Choice”–Strategie unterstützen zu wollen. Dies schließt Office 2016 ein

Tine 2.0

Dass es nicht immer das ganz große Geld sein muss, stellte Metaways im vergangenen Jahr unter Beweis. Die Macher von Tine 2.0 [16] wollten die Caldav-Anbindung verbessern und starteten dafür eine vergleichsweise bescheidene Crowdfunding-Kampagne über 2100 Euro. Das Projekt erreichte sein Ziel sogar mit einem Überschuss. Im Herbst 2014 erschien die Release Koriander mit zahlreichen Verbesserungen im Caldav-Kontext.

Zarafa

Ganz ohne Venture Capital kommt nach eigenen Angaben Zarafa ([17], Abbildung 8) aus. Dies soll sich dem Vernehmen nach auch zukünftig nicht ändern. In einer auf permanentes Wachstum ausgelegten Gesellschaft kommt man allerdings ohne große Kooperationen nicht weit. Anfang März gab Zarafa die Zusammenarbeit mit Amazon im Kontext des Produkts Amazon Workmail [18] bekannt.

Abbildung 8: Auch Zarafa integriert Apps in seine Webapp und reduziert die Outlook-Unterstützung.

Abbildung 8: Auch Zarafa integriert Apps in seine Webapp und reduziert die Outlook-Unterstützung.

Gleichzeitig stellte die niederländisch-deutsche Firma klar, dies sei keine Abkehr von der Möglichkeit, Zarafa on premise, also im eigenen Rechenzentrum, zu betreiben. Es ist durchaus denkbar, dass die neue Partnerschaft die Entscheidung, in Zukunft ohne primären Fokus auf Outlook zu entwickeln, befördert hat. Ob die Technik den Ausschlag dazu gab, sei mal dahingestellt, geholfen haben mag aber, dass innerhalb der vergangenen Jahre einige der niederländischen Zarafa-Entwickler zu Amazon Web Services gewechselt sind.

Weniger Outlook

Angesichts der im Januar 2015 publizierten Änderungen der Produktstrategie mit der Abkehr von Outlook [19] scheint eine Rückschau auf die Entwicklungen der letzten vier Jahre wenig sinnvoll. Dennoch haben gerade sie das Erscheinungsbild des Produkts und Unternehmens entscheidend geprägt. Lange Zeit und mit großem Ressourcenbedarf lag der Fokus auf einer größtmöglichen Kompatibilität zu den Groupwareprodukten von Microsoft.

Während dieser Ansatz für Outlook auf Windows noch zufriedenstellend funktionierte, war der Versuch, eine skalierbare Implementierung der Exchange Web Services (EWS) bereitzustellen, weniger von Erfolg gekrönt. Das Risiko, ständig dem Marktführer hinterherprogrammieren zu müssen und dafür erhebliche Ressourcen vorzuhalten, ist für Zarafa zu groß geworden. Es dürfte auch dem Hersteller klar sein, dass ein Abwenden von Outlook als dem Dreh- und Angelpunkt des Produkts zugleich eine veränderte Kundenklientel bedeutet.

Doch noch ein Weilchen?

In einer Ankündigung von Anfang April hat Zarafa zwar für Bestandskunden die Unterstützung aktueller Outlook-Versionen über den Konnektor (Zarafa-Client) um ein Jahr bis zum April 2017 verlängert, wird allerdings damit nicht allen Kundenwünschen entsprechen können. Outlook soll daher nicht vollständig außen vor bleiben.

Die stark von Zarafa geprägte Open-Source-EAS-Implementierung Z-Push [20] ist eine immer wieder genannte Option, zumindest mit Versionen ab Outlook 2013 weiterarbeiten zu können. Dass die Entwickler Funktionen, die über die EAS-Spezifikation hinausgehen, implementieren können, haben sie schon unter Beweis gestellt. Es ist denkbar, dass es ihnen auf diese Art gelingt, doch noch etwas mehr Groupwarefunktionalität wie den Stellvertreterzugriff auf andere Mailboxen über Activesync bereitzustellen. Netter Nebeneffekt: Von diesen Änderungen könnten auch die mobilen Clients profitieren.

Auf Client-Seite will sich Zarafa verstärkt auf die mittlerweile als Version 2.0 verfügbare Webapp konzentrieren. Hier bieten sich mit der Loslösung von den Vorgaben Microsoftscher Groupware-Ideen Möglichkeiten, ein Produkt mit einem eigenen Gesicht und eigenen Fähigkeiten zu gestalten. Im ersten Schritt sind bereits präsentierte Lösungen für über das Medium E-Mail hinausgehende Kollaborationswerkzeuge wie die Integration von Webmeetings und die Webdav-kompatible Dateiverwaltung Z-Files geplant. Da derartige Funktionen aber auch schon in anderen Lösungen in ähnlicher Form existieren, wird Zarafa noch an Details arbeiten müssen.

Fehlende Administration

Ein des Öfteren zu hörender Kritikpunkt ist das Fehlen einer grafischen Administrationsoberfläche. Leider vermochte das 2011 vorgestellte Z-Admin, eine Weiterentwicklung von Yaffas [21], diese Lücke nicht füllen. Während die täglichen Administrationsaufgaben wie Nutzer- und Gruppenverwaltung im Allgemeinen durch die übliche Integration in vorhandene Verzeichnisdienste wie Active Directory oder Open LDAP mit deren Werkzeugen erledigt werden, fehlen weiterhin Werkzeuge zur Administration des Servers selbst.

Einen Teil davon könnte in Zukunft Kopano liefern [22]. Kopano ist ein für das zweite Quartal 2015 angekündigter Cloudservice, der dem geänderten Geschäftsmodell von Zarafa Rechnung trägt und der Verwaltung und Optimierung der eigenen Zarafa-Installation – egal ob als Clouddienst oder in eigener Regie – dienen soll.

Zimbra

Zu den absoluten Gewinnern des Venture-Capital-Pokers dürften die ursprünglichen Investoren von Zimbra [23], gehören. Die von Insidern kolportierten etwa 15 Millionen Dollar Startkapital reichten aus – auch dank einer geschickten Platzierung des Produkts bei Comcast, einem der größten US-amerikanischen Provider –, um im September 2007 die Firma für 350 Millionen Dollar an Yahoo zu verkaufen.

Die sehr wahrscheinliche Intention von Yahoo, mit Zimbra im Portfolio ein Gegengewicht zu den mächtig aufstrebenden Google Apps zu schaffen, ging aber nicht auf. Im Januar 2010 kündigte VMware die Übernahme von Zimbra zu einem ungenannten, aber mit Sicherheit geringeren Betrag als 2007 an.

Doch auch das Engagement von VMware war nicht besonders förderlich für die Entwicklung der Groupware. Das bestehende Partnernetzwerk konnte zumeist mit einer zusätzlichen Collaboration-Lösung im Portfolio nichts anfangen und auch sonst gelang es nicht, das Produkt in die eigenen Angebote sinnvoll zu integrieren.

Stark in den USA

Zumindest im deutschsprachigen Raum blieb Zimbra in dieser Zeit nahezu unsichtbar (Abbildung 9). Im Juli 2013 verkaufte VMware Zimbra schließlich an Telligent Systems weiter, eine Firma, die bis dahin im Bereich Social Software aktiv war, es dort aber immerhin in den für Entscheider relevanten magischen Quadranten von Gartner geschafft hatte. Den Kauf durch Telligent haben unter anderem Intel Capital und VMware selbst finanziert.

Abbildung 9: Fast unsichtbar in Deutschland, doch in den USA stark verbreitet: Zimbra.

Abbildung 9: Fast unsichtbar in Deutschland, doch in den USA stark verbreitet: Zimbra.

Wenige Monate später benannte sich Telligent dann vollständig in Zimbra um und vermarktet seitdem alle Produkte unter einem einheitlichen Dach. Anfänglich war dies etwas irritierend, da Zimbra Social und Zimbra Collaboration fast identische Versionsnummern tragen. Die in den letzten Monaten vom Unternehmen ausgehenden Signale, insbesondere zur Open-Source-Lizenzierung und einer besseren Unterstützung der Community, geben aber Anlass zur Hoffnung, dass hier noch interessante Dinge passieren können. Neben der URL http://zimbra.com sollte sich der Open-Source-Fan wohl zusätzlich noch http://zimbra.org in seinen Bookmarks abspeichern.

Aus Telligent wird Zimbra

Seit Telligent Zimbra vor knapp zwei Jahren übernommen hatte, war zunächst Konsolidierung angesagt. Telligent firmiert seit September 2013 unter dem offensichtlich bekannterem Namen, welcher übrigens einem in den späten 70er erschienenen Song der New-Wave-Band Talking Heads entlehnt ist.

Ein erstes größeres Zeichen wurde mit der Wiederbelebung des unter VMware-Ägide beerdigten Zimbra Desktop gesetzt. Den mögen zwar nicht alle Endanwender – vielleicht nur, weil nicht Outlook draufsteht –, er bietet aber eine wirkliche Alternative zum Platzhirsch.

Über HTML 5 als technologische Basis für einen offlinefähigen Webclient redet die Branche seit Jahren. Zimbra Collaboration 8.5, erschienen im August 2014, lieferte ihn nun, zwar nicht als Erster, aber zumindest als einer von wenigen Anbietern. Die Exchange Web Services (EWS) forderten offensichtlich auch die Kunden, sodass Zimbra diese ebenfalls mit 8.5 erstmalig unterstützt.

Außer den neuen Features brachte die 8.5er Release auch eine Umstellung der Lizenzierung für die Open Source Edition auf Lizenzmodelle gemäß den Standards der Open Source Initiative [24]. Die Serverplattform steht jetzt unter der GPL-Version 2, die Webapplikation unter der Common Public Attribution License (CPAL) in der Version 1.

In der letzten Major-Release Zimbra Collaboration 8.6, erschienen im Dezember 2014, konzentrierten sich die Entwickler funktionsseitig stark auf das Thema Accessibility, also auf die barrierefreie Bedienung des Webclients gemäß der US-Vorgabe Section 508 [25]. Die durchgängige Tastaturbedienung soll dann in Version 8.7 implementiert sein.

Zukäufe

Auch Zimbra versucht über Zukäufe von Firmen und Produkten das eigene Portfolio aufzuwerten. Im Juli 2014 kam Mezeo, ein Anbieter von Filesync- und Share-Software, hinzu. Das neue Produkt hat bereits einen Namen “Zimbra Sync and Share”, ist aber aktuell noch nicht offiziell verfügbar. Nach Aussagen des Herstellers ist geplant, mittelfristig damit auch die bisherige Datenablage von Zimbra zu ergänzen beziehungsweise ganz zu ersetzen.

Angesichts der Frequenz des Eigentümerwechsels weist das Produkt Zimbra eine überraschende Kontinuität auf. Da die großen Kunden der frühen Jahre nicht abgesprungen sind, war es dem Kernteam offensichtlich möglich, auch unter neuen Landlords ganz normal weiterzuarbeiten. Auch aus diesem Grund bildet Zimbra nach wie vor eine Lösung mit ausgereiften Installations- und Administrationswerkzeugen und zusätzlich mit einer guten und umfassenden Dokumentation.

Fazit

Nur wenig Neues gab es bei Kerio und Tine (bei beiden mal von Cal- und Carddav abgesehen). Postpath (siehe Kasten “Postpath”) ist ganz aus dem Rennen. Zarafa wackelt ein wenig, weil diverse Entwickler die Firma verließen, vor allem aber wegen der durchaus nachvollziehbaren Entscheidung, Outlook in Zukunft nicht mehr zu unterstützen. Von Scalix – man höre und staune – gibt es eine neue Version, die tatsächlich Neuerungen bringt, aber noch lange nicht das Ende der Fahnenstange sein kann.

Zimbra ist finanzstark wie eh und je, aber vor allem in den USA vertreten, was auch an der großen Kontinuität innerhalb der Software liegt. Es ist gut möglich, dass sich dieser Anbieter bald noch etwas mehr in Richtung Open Source bewegt. Das wiederum – nämlich die Themen Open Source, Datensicherheit und auch offene Entwicklung – sind die angestammte Domäne von Kolab. Dessen Entwickler und Manager treiben die Software stetig voran. Davon konnten sich interessierte Groupware-Anwender und -Entwickler nicht zuletzt auf dem Kolab Summit 2015 ein Bild machen.

Infos

  1. Dirk Ahrnke, “Kolab, Open Xchange, Zarafa und Zimbra im Vergleich”: https://www.linux-magazin.de/Ausgaben/2011/09/Groupware-Vergleich/
  2. Studie “Unternehmenskommunikation im Wandel”: http://www.techconsult.de/index.php/component/content/article/43-uncategorised/282-mp-group
  3. Kerio: http://www.kerio.com
  4. Kolab: http://www.kolab.org
  5. Kolab: https://www.linux-magazin.de/Ausgaben/2013/03/Kolab-3/
  6. Hosted Kolab: https://www.linux-magazin.de/NEWS/My-Kolab-Hosted-Grouware-nach-Schweizer-Recht-und-Gesetz/
  7. Kolab übernimmt Red Hats Modell: https://www.linux-magazin.de/NEWS/Kolab-Enterprise-OSS-Groupware-uebernimmt-Red-Hat-Modell-fuer-Enterprise-Version/
  8. Kolab-Mailinglisten: http://lists.kolab.org
  9. Roundcube Next bei Indiegogo: https://www.indiegogo.com/projects/roundcube-next–2
  10. Open Xchange: http://www.openxchange.org
  11. Dovecot Merge: http://www.theregister.co.uk/2015/03/24/open_xchange_skype_dovecot_merger/
  12. Oxpedia: http://oxpedia.org
  13. Postpath: http://newsroom.cisco.com/dlls/2008/corp_082708.html
  14. Scalix: http://www.scalix.com
  15. Scalix 12.5: http://www.scalix.com/main/37-english/support/400-scalix-12-5-release-notes
  16. Tine 2.0: https://www.tine20.org
  17. Zarafa: http://www.zarafa.com
  18. Zarafa und Amazon Workmail: http://www.zarafa.com/zarafa-partners-with-aws-to-extend-product -portfolio-with-amazon-workmail/
  19. Zarafa stoppt Outlook-Weiterentwicklung: https://www.linux-magazin.de/NEWS/Zarafa-WebRTC-Webmeetings-keine-Outlook-Weiterentwicklung-ab-MSO-2015/
  20. Z-Push: http://z-push.org
  21. Yaffas: http://www.yaffas.org
  22. Kopano: http://www.zarafa.com/faq-about-kopano/
  23. Zimbra: http://www.zimbra.com
  24. OSI: http://www.opensource.org
  25. Section 508: http://www.section508.gov

Der Autor

Dirk Ahrnke beschäftigt sich seit über 15 Jahren mit dem Einsatz von Groupwareprodukten und IT-Infrastruktur-Lösungen im kommerziellen Bereich. Er ist Gründer und Geschäftsführer der Leipziger it25 GmbH.

Markus Feilner ist ein Linux-Spezialist aus Regensburg, der seit 1994 mit dem freien Betriebssystem als Autor, Trainer, Consultant und Journalist arbeitet. Der Conch-Diplomat, Minister der Universal Life Church und Jedi-Ritter leitet heute das Dokumentationsteam bei Suse in Nürnberg.

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