Aus Linux-Magazin 10/2014

20 Jahre Linux im Magazin (Seite 5)

Goldgräberstimmung

Ungeachtet der Warnungen herrscht Goldgräberstimmung: “Dieser Begriff trifft wohl wie kaum ein anderer auf die derzeitige Stimmungslage der Linux-Nation zu. Kein Wunder also, dass viele glückliche Börsianer zu sehen sind, die sich über die spektakulären Kursentwicklungen von Firmen wie Red Hat, VA Linux, Cobalt und Corel freuen und nur darauf warten, dass Caldera, Suse, Linux Care und Co. aus ihren Startlöchern hervorgeschossen kommen”, jubelt das Editorial noch im Februar 2000.

Kurssturz

Nur einen Monat später schlagen die frisch eingeführten “Business-News” andere Töne an: “Seitwärtsbewegungen, so nennt es oft derjenige, der partout nicht einsehen will, dass der Kurs einer Aktie nach unten tendiert.” Tatsächlich weisen die Märkte nach unten (Abbildung 8), auch wenn viele auf eine “Erholungsphase” oder eine gesunde Kurskorrektur hoffen.

Abbildung 8: Seitwärtsbewegungen? Wer weiß. Die News aus dem Linux-Magazin zeigt, dass die Dotcom-Krise auch einige Linux-Firmen betrifft.

Abbildung 8: Seitwärtsbewegungen? Wer weiß. Die News aus dem Linux-Magazin zeigt, dass die Dotcom-Krise auch einige Linux-Firmen betrifft.

Die meisten Firmen kaufen nun schnell andere Firmen, von denen sie glauben, dass diese reale Werte erschaffen. VA Linux schluckt Andover.net (Slashdot, Freshmeat), denn populäre Webseiten gelten zu dieser Zeit noch als Quelle zukünftigen Reichtums. Daneben erwirbt die Firma einen NAS-Hersteller (Net Attach), eine Rack-Server-Firma (Tru Solutions) sowie mit Precision Insight Expertise in Linux-Grafik. Corel, unter anderem Anbieter des benutzerfreundlichen Corel Linux, will eigentlich Inprise/Borland kaufen, scheitert allerdings mit dem Deal vor Gericht. Red Hat übernimmt Cygnus, unter dessen Dach Cygwin entsteht, und einen E-Commerce-Anbieter mit dem wenig vertrauenswürdigen Namen Hells Kitchen Systems.

Auch beim Linux-Magazin gibt es eine Übernahme: Harald Milz nimmt ab Mitte 2000 im Chefsessel von Tom Schwaller platz, der sich um die Linux-Community (Abbildung 9) kümmert, eine neue Webpräsenz der Linux New Media AG. Das Linux-Magazin soll professioneller und vor allem attraktiver für Anzeigenkunden werden, bleibt aber von der Dotcom-Blase nicht verschont (siehe Kasten “Harald Milz”).

Harald Milz

Linux-Magazin: Welche Themen haben dich in deinen Tagen beim Linux-Magazin, also ab 2000, am meisten bewegt?

Harald Milz: Tom Schwaller hat, seit er die Redaktion übernahm (davor hat das ja mehr oder weniger alles Rudi Strobl gemacht), 40 Hefte lang das Magazin praktisch allein betreut. Was aber dem Heft fehlte, war ein redaktionelles Konzept, das auch tragfähig genug war für den Anzeigenverkauf.

Mit dem Vorwissen aus dem Heise-Verlag habe ich dann einen Relaunch des Hefts von der inhaltlichen Seite begleitet, das heißt Rubriken eingeführt, ein einheitliches Layout (Spaltigkeit, Platzierung von Anzeigen), einen gestrafften Redaktionsprozess, eine Heftplanung und daraus folgend eine intensivere Zusammenarbeit mit dem Anzeigenvertrieb sowie einen komplett neuen Prozess entwickelt, wie Heftartikel in die Onlineversion zu überführen sind – das lief alles bis dato noch so ein bisschen hemdsärmelig.

Also ich denke, das Heft ist in der Zeit deutlich professioneller geworden. Was mir leider nicht gelang, das war professionellere Autoren zu rekrutieren, weil das deutlich konkurrenzfähigere Honorare gebraucht hätte, uns aber ab Mitte 2000 so langsam die Dotcom-Blase finanziell um die Ohren geflogen ist.

Abbildung 9: Auf der Webseite Linux-Community.de treffen sich seit der Jahrtausendwende Linux-Fans.

Abbildung 9: Auf der Webseite Linux-Community.de treffen sich seit der Jahrtausendwende Linux-Fans.

Selbst ein Börsenguru, der den verunsicherten Anlegern zwei Hefte lang mit beruhigenden Börsenweisheiten Trost spenden möchte, kann die schlechten Nachrichten nicht stoppen. Sun kauft das schwächelnde Cobalt Networks [24], einen Anbieter kleiner Linux-basierter Server. Suse, Turbolinux und Lineo, letztere eine Schwesterfirma von Caldera, verschieben ihre geplanten Börsengänge. Corel erleidet Umsatzeinbrüche und kündigt im Oktober 2000 eine Allianz mit Microsoft an – von den Linux-Produkten ist danach nichts mehr zu hören.

Überhaupt Microsoft: Der Konzern hört schnell damit auf, Linux zu ignorieren und zu belächeln, und geht direkt in Phase 3 über – er bekämpft es, wie das Kapitel “Die Macht aus Redmond” zeigt.

Recht heftig

In den folgen den Jahren nehmen Berichte über Gerichtsverfahren und juristische Geplänkel große Teile der vorherigen Wirtschaftsberichterstattung ein. Ab 2000/2001 fetzen sich die ehemaligen Dotcom-Unternehmen regelmäßig vor Gericht und versuchen über Patentansprüche ihre Schäfchen ins Trockene zu bekommen. Besonderes Gespür für das Komödiantische beweist die British Telekom: Ihr fällt 2001 überraschend ein, dass sie ein Patent auf Links besitzt, und sie verklagt nun einen amerikanischen Provider, zum Glück erfolglos.

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