Aus Linux-Magazin 10/2014

20 Jahre Linux im Magazin (Seite 4)

Im Juli-Heft 1996 schreibt Tom Schwaller über den Linux-Kongress: “Auch Linux und Kommerz war ein viel diskutiertes Thema, und es ist immer wieder erstaunlich, wie viele eingefleischte Linuxer sich mittlerweile in Firmen wiederfinden. Die Revolution entlässt langsam ihre Kinder.” In den Commercial News stellt das Magazin nun Unternehmen vor, die kommerzielle Linux-Produkte anbieten.

Nicht nur im IT-Bereich breitet Linux sich allmählich aus, sondern auch in der Mathematik (Maple, 04/96), bei Autoverleihern (02/97), im CAD (05/97), im High Performance Computing (08/97), in Filmproduktionen (03/98), in Krankenhäusern (05/98) oder in der Warenwirtschaft (08/98).

Im Dezember 1998 krempelt Linux-Magazin-Chef Tom Schwaller höchstpersönlich die Ärmel hoch, um einen spektakulären Versuch umzusetzen: Zusammen mit vielen freiwilligen Helfern baut er für den Fernsehsender WDR im Rahmen der Computernacht einen Beowulf-Cluster namens Clown mit 512 Linux-Knoten auf, der auf Platz 239 der Top-500-Supercomputer landet [17].

Bei der Professionalisierung hilft auch, dass die Firma Star Division 1996 ihr Star Office auf Linux portiert. Projektleiter wird der Schwede und damalige Hamburger Student Matthias Kalle Dalheimer, ein Linux-Supporter der ersten Stunde. Star Division [18] stellt ihn direkt von der Uni weg ein, später gehört er zu den ersten KDE-Entwicklern. Heute leitet er Kdab (Klarälvdalens Datakonsult AB, [19]), eine Firma, die Qt-Lösungen anbietet. Nachdem die Software AG mit Adabas D vorgelegt hat, portieren 1998 Oracle und Informix ihre Datenbanken auf Linux. Alles scheint bestens zu laufen, die Zukunft für Linux – rosig.

Die große Bühne

Ende der 90er studieren die Menschen an der Börse mit Vorliebe die Papiere am Neuen Markt, denn die steigen ohne Unterlass. Auch an Linux und dem Linux-Magazin geht der Boom nicht unbemerkt vorbei: “Jetzt geht’s richtig los mit Linux!” [20], schreibt Tom Schwaller 1998. Ein Jahr später richtet der Verlag auf der IT-Messe Systems in München den ersten Linux-Park aus. Branchengrößen wie IBM, Intel oder Oracle lassen sich gerne mit dem Schmuddelkind sehen, ganze Konzerne schmieden gerüchtweise Pläne, ihre IT in großer Breite auf Linux umzustellen.

Selbst die Cebit kommt 1999 nicht mehr an Linux vorbei. “Die unzähligen Fernseh- und Radioberichte zum Thema Linux, angefangen von den Tagesthemen, dem ZDF-Frühstücksmagazin, Sendungen auf N-TV, Arte und 3Sat bis hin zum Norddeutschen Fernsehen, sorgten zusätzlich für großes öffentliches Interesse, allerdings auch für ziemlich überzogene Vorstellungen, was Linux angeht”, berichtet das Editorial vom Mai 1999. Es sind Wildwest-Jahre für Linux, vor allem im kommerziellen Bereich. Die Distribution Caldera verkörpert diese Zeit und ihre Folgen recht anschaulich (siehe Kasten “Die Caldera-Story”).

Auf Expansionskurs

In Deutschland expandiert Suse: Die Firma verlagert den Hauptsitz von Fürth nach Nürnberg und eröffnet weltweit Filialen, unter anderem in Oakland und London. Auch das Linux-Magazin wächst: 1999 wird aus der GbR die Linux New Media AG, Rosie Schuster übernimmt den Vorstand. Das englischsprachige “Linux Magazine” erscheint, eine Redaktion in London wird gegründet. Zugleich splittet sich 2000 der “Linux User” als eigenes Heft vom Linux-Magazin ab, Zielgruppe sind fortgeschrittene Anwender. 2003 wird mit “Easy Linux” ein Heft für Einsteiger folgen.

Ein richtiges Geschäft mit Linux entsteht aber in den USA. Im August 1999 geht Red Hat an die Börse und löst eine wahre “Linux-Hysterie” aus: Der Hersteller bietet an der Nasdaq sechs Millionen Aktien zum Preis von 14 US-Dollar an, er vervielfacht sich innerhalb weniger Tage auf 90 US-Dollar. Dabei macht die Firma im Geschäftsjahr zuvor noch einen Verlust von 130000 US-Dollar bei einem Umsatz von 10 Millionen US-Dollar.

Noch beeindruckender sieht es für VA Linux [21] aus, das im Dezember 1999 den erfolgreichsten Börsenstart aller Zeiten hinlegt: Die Aktie steigt von 30 auf 239 US-Dollar und damit um mehr als 700 Prozent. Kein Wunder, dass das Linux-Magazin mit “Kohle, Kies und Konten” titelt (Abbildung 7) und neben Banking- auch eine Daytrading-Software vorstellt. Zugleich unterschlägt Ulrich Wolf in den Business-News aber auch die Kritik nicht: “Analysten halten das Papier zum Teil für ,absurd überbewertet’, da das Marktvolumen im Linux-Bereich einerseits eher gering ist und die Unternehmen noch dazu bei kleinen Umsätzen riesige Verluste machen.”

Abbildung 7: Ende der 90er Jahre wollen plötzlich alle an die Börse, Linux-Unternehmen verdienen Millionen.

Abbildung 7: Ende der 90er Jahre wollen plötzlich alle an die Börse, Linux-Unternehmen verdienen Millionen.

DIESEN ARTIKEL ALS PDF KAUFEN
EXPRESS-KAUF ALS PDFUmfang: 2 HeftseitenPreis €0,99
(inkl. 19% MwSt.)
LINUX-MAGAZIN KAUFEN
EINZELNE AUSGABE Print-Ausgaben Digitale Ausgaben
ABONNEMENTS Print-Abos Digitales Abo
TABLET & SMARTPHONE APPS Readly Logo
E-Mail Benachrichtigung
Benachrichtige mich zu:
0 Kommentare
Älteste
Neuste Beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
Nach oben