Die Caldera-Story
Die Firma gehört zur Venture-Kapital-Gruppe Canopy Group, beide sind im Besitz des Ex-Novell-CEO Ray Noorda. Der Caldera Network Desktop basiert auf einem angepassten Red Hat mit Support für IPX und einem Client für Netware. 1997 erwirbt Caldera die deutsche Firma LST Software GmbH von Ralf Flaxa und Stefan Probst. Die Entwickler bringen fortan neben der RPM-basierten LST-Distribution auch Caldera Open Linux heraus. Dessen Markenzeichen ist ein freier Linux-Kern umhüllt von zahlreichen proprietären Anwendungen, darunter Wabi von Sun, Wordperfect, Corel Draw und Partition Magic.
Nachdem Caldera noch einmal kräftig Risikokapital in Höhe von 30 Millionen US-Dollar eingesammelt hat, möchte die Firma im Januar 2000 an die Börse. Fünf Millionen Aktien zu je 14 US-Dollar gibt das Unternehmen schließlich im März heraus und sammelt am Ende 70 Millionen US-Dollar ein. Den enormen Kursgewinn von 110 Prozent gleich am ersten Tag halten die inzwischen erfolgsverwöhnten Börsianer dennoch für schwach.
Trotz des Krisenjahrs 2001 übernimmt Caldera (Jahresumsatz rund 4 Millionen US-Dollar) die Betriebssystemsparte des Unix-Anbieters SCO samt Unixware und Open Server (Jahresumsatz 143 Millionen, 600 Mitarbeiter). Da hier aber das Kaninchen die Schlange herunterwürgt, leiden die Tischsitten sichtlich: Im Juli 2002 schließt Caldera die ehemalige LST-Niederlassung in Erlangen, was jährlich 7 Millionen Euro einsparen soll.
Die Aktie bleibt auf Talfahrt und Caldera-Chef Ransom Love setzt Ende 2002 wieder SCO als Marke ein. Caldera heißt nun “The SCO Group”, kurz SCO, und vermarktet SCO Linux und SCO Unixware. Ein gefundenes Fressen für Chefredakteur Jan Kleinert, der das Linux-Magazin vom November 2000 an leitet: “Caldera beispielsweise emanzipiert sich von der Konkurrenz durch ihre langjährige Erfahrung im Umbenennen von Produkten.”
Nachdem die Strategie offensichtlich nicht aufgeht, verklagt SCO im Jahr 2003 IBM auf eine Milliarde US-Dollar Schadenersatz. Der Vorwurf: IBM soll Linux-Code verwendet haben, der SCO gehört. Die ermüdenden Details dieses Endlosprozesses, der bis Ende August 2011 andauert, lassen sich ausführlich unter [22] und auf Growklaw [23] nachlesen. Die Essenz im Twitter-Format: SCO scheitert mit seinen Klagen gegen mehrere Linux-Distributoren, da es den gestohlenen Code nie vorzeigen kann, und geht pleite.
Einer der Nebeneffekte: United Linux, eine Allianz von Caldera, Suse, Connectiva und Turbolinux unter Federführung des ehemaligen LST-Entwicklers Ralf Flaxa, bleibt in den Kinderschuhen stecken. Gemeinsam wollen die Firmen ab August 2002 auf SLES-Basis ein Linux für Unternehmenskunden schaffen. Doch die Klage von SCO, aber auch die Übernahme von Suse durch Novell Anfang 2004 beenden die Kooperation nach nur 18 Monaten.
Auch die Macher der oben erwähnten Deutschen Linux Distribution sind dem Magazin nicht unbekannt. So etwa Dirk Haaga, der 1994 zusammen mit Nils Mache und Jens Ziemann Delix gründet, DLD entwickelt und die Firma im Jahr 1999 an Red Hat verkauft. Bis zu seinem Tod bei einem Motorradunfall 2006 bleibt Haaga Geschäftsführer von Red Hat Deutschland, ist aber zugleich im Live Linux-Verband sowie in der Linux Solutions Group (Lisog) aktiv, die 2011 zur Open Source Business Alliance [14] fusionieren.
Linux als Windows-Ersatz
Distributionen machen Linux nicht nur bei Privatanwendern populär, weil sie die Installation vereinfachen. Auch einige Datei- und Druckserver in Firmen laufen schon früh auf Linux-Basis, doch Firmensupport ist kein großes Geschäft. Auch das Linux-Magazin backt zunächst kleinere Brötchen. Als Reibungsfläche bietet sich das übermächtige Windows an, entsprechend bringt das Heft zahlreiche Artikel zu Dosemu und Wine, zeigt, wie sich Windows-Rechner dank Samba ins Linux-Netz integrieren lassen, und interviewt den NTFS-Entwickler Martin von Löwis.
Artikel zu Klassikern wie Emacs, Vi, Latex und Postscript bedienen aber auch die reine Linux- und Unix-Klientel, die unter anderem an Universitäten sitzt und sich wenig für Windows interessiert. Schon Mitte 1995 sieht Optimist Strobl Linux am Ziel: “Die großen grundsätzlichen Probleme sind gelöst, von der Funktionalität überragt Linux kommerzielle Betriebssysteme sowieso schon seit Langem, was gibt es also weiter zu tun?!”
Wie sich herausstellt, noch einiges. Zum Beispiel entsteht die erste Webseite, deren früher Charme sich dank Archive.org [15] noch reanimieren lässt (Abbildung 6). 1996 entsteht die Linux-Magazin GbR, Rosie Schuster übernimmt die Geschäftsleitung, Rudi Strobl widmet sich anderem.
In Serie
Seit März 1996 betreut der Mathematiker und Linux-Fan Tom Schwaller das Magazin redaktionell. Er wählt Python als Schwerpunkt seiner Erstausgabe, das Heft wird programmierlastiger. Über das Personal Home Page Construction Kit, kurz PHP, heißt es im Juni 1996: “Längerfristige Prognosen über den Erfolg dieses Werkzeugs sind eher gewagt, da sich starke Konkurrenten am Horizont abzeichnen.” Das Heft attestiert PHP immerhin eine wachsende Fangemeinde. Es folgen Artikel zu Java (“Eine faszinierende neue Sprache”), CGI-Programmierung, aber auch zu MySQL und Perl. Überhaupt Perl: Bereits im Oktober 1997 tritt Perlmeister Mike Schilli [16] den Dienst beim Linux-Magazin an und liefert seit 17 Jahren seine Snapshots.
Artikelserien gibt es einige. Sie beschäftigen sich mit der Java Virtual Machine, Kryptographie, SQL oder TCP/IP und laufen über mehrere Ausgaben hinweg. Das ist noch heute so: Neben dem Perl-Workshop lassen sich unter anderem die Kerntechnik oder die C++11-Reihe erwähnen. Auch mit Special Effects geizen die Macher Ende der 90er Jahre nicht: Egal ob Virtual Reality, virtuelle Sternwarten, Raytracer oder Notensatzprogramme – Multimedia ist ein heißes Thema und garantiert auffällige Titelbilder.
Linux inside
Die Vielfalt zeigt auch: Linux verbreitet sich schnell. Dank Hochverfügbarkeit, Journaling-Dateisystemen und Logical Volume Management genügt es auch den technischen Ansprüchen der Zeit mehr und mehr. Das hat Folgen für die Leser des Magazins.





