Aus Linux-Magazin 04/2011

Klaus Knopper über sein neues Linux

© luchschen, 123RF.com

Die Idee hinter Knoppix [1] war und ist, den Rechner direkt vom Live-Medium zu starten und sofort arbeiten zu können, ohne sich zuvor einloggen, irgendwelche Fragen beantworten oder Konfigurationsarbeiten ausführen zu müssen (Abbildung 1).

Der Normalnutzer muss auch nicht auf Sicherheitsaspekte bei der Installation achten, denn ich habe alles sorgsam vorkonfiguriert. Beim Zusammenstellen auch dieser DVD habe ich trotzdem wieder darauf geachtet, so nah wie möglich am originalen Debian zu bleiben.

Abbildung 1: Die Applikationen von Knoppix funktionieren ohne großes Setup, hier laufen Ekiga für die Internet-Telefonie sowie Frozen Bubble.

Abbildung 1: Die Applikationen von Knoppix funktionieren ohne großes Setup, hier laufen Ekiga für die Internet-Telefonie sowie Frozen Bubble.

Highlights von Knoppix 6.5

Debians Community bringt täglich Aktualisierungen und neue Features heraus, die ich in der Vorbereitung zu einer neuen Knoppix-Version regelmäßig einpflege und durch Anpassungen der Konfiguration und des Startvorgangs dafür sorge, dass auch nach größeren Updates alles noch funktioniert. Bei Knoppix 6.5, das ich fürs Linux-Magazin zusammengestellt habe, dient Debian Squeeze mit einigen Komponenten aus Debian Testing und Debian Experimental als Basis.

Eine Liste aller Aktualisierungen von 6.4 auf 6.5 wäre lang, ich will aber einige Dinge nennen, auf die ich in diesem Microknoppix besonders Wert gelegt habe:

  • Knoppix kann jetzt auch mit einem 64-Bit-Kernel starten,
    erkennt auf diese Weise auch mehr als 4 GByte RAM und eignet sich
    so als Rescue-System für 64-Bit-Installationen per
    »chroot«. Um mit 64 Bit zu starten, muss der Benutzer
    die Bootoption »knoppix64« statt »knoppix«
    beim Start eingeben. Im 64-Bit-Modus fehlen allerdings einige
    wenige Kernelmodule, beispielsweise »broadcom-sta« und
    »psb«.
  • Dem Harddisk-Installer »0wn« habe ich ein paar
    Bugfixes verpasst. Er kommt jetzt auch mit Festplatten bis 2 TByte
    klar.
  • Der semiproprietäre Poulsbo-Treiber »psb«
    für die Intel-GMA-500-Grafik inklusive
    Compiz-Unterstützung ist ebenfalls mit Auto-Erkennung an Bord.
    Diese ursprünglich nicht von Intel erfundenen Chipsätze
    sind in einigen Net- und Notebooks verbaut und unterstützen
    trotz geringer Stromaufnahme mit wenigen Einschränkungen
    HD-Auflösung und 3-D-Beschleunigung. Zwar fehlt dem Treiber
    die »xv«-Video-Erweiterung des X.org-Grafikservers [2],
    Mplayer spielt Videos aber fließend über sein
    Open-GL-Plugin ab. Mit [3] könnte sich die Treibersituation
    künftig verbessern.
  • Ein DAISY-Player [4] ist integriert, der Audiobooks in diesem
    Format vorliest.
  • Chromium ist eine Variante des von Google propagierten Browsers
    Chrome, der als Alternative zu Firefox eine übersichtliche und
    sehr schnelle Anwenderoberfläche zum Surfen bietet. Er
    befindet sich im »Internet«-Menü. Der Browser hat
    durchaus das Potenzial, in den nächsten Knoppix-Versionen
    Firefox als Standard abzulösen (Abbildung 2). Allerdings
    fehlen noch einige Plugins wie »noscript«, die
    Einstellungsmöglichkeiten sind auch nicht so umfangreich.
Abbildung 2: Googles Chromium – hier zwar wegen eines bekannten Compiz-Effekts gerade beim Explodieren – funktioniert normalerweise sehr gut.

Abbildung 2: Googles Chromium – hier zwar wegen eines bekannten Compiz-Effekts gerade beim Explodieren – funktioniert normalerweise sehr gut.

Der Tux erscheint übrigens beim Booten nicht mehr, da er den Vesa-Framebuffer voraussetzt. Vogelfreunde, die Vesa nun beispielsweise mit »knoppix vga=791« aktivieren, bekommen dann aber das Problem, dass die KMS-DRM-Module der häufigsten Grafikkarten von Intel, AMD und Nvidia sich nicht richtig initialisieren. Das Symptom ist dann eine tote oder komplett schwarze Textkonsole, im schlimmsten Fall startet auch X.org nicht. Als kleineres Übel verzichte ich auf den Vesa-Framebuffer und damit auf den Pinguin. Dafür kann Knoppix die DRM-Module im Laufe des Bootvorgangs laden, was auch den Vorteil hat, dass der Benutzer sie per »nodrm« abschalten kann, wenn sie Probleme machen.

Wünscht euch was

Nicht aus Debian GNU/Linux stammen die folgenden Pakete, die ich auf Wunsch der Linux-Magazin-Redaktion hinzugefügt habe:

  • Den aktuellen proprietären Nvidia-Grafiktreiber habe ich
    mit einer aufwändigen automatischen Erkennung integriert
    (Abbildungen 3 und 4). Der Treiber greift in die von anderen
    Grafikkomponenten verwendeten Systembibliotheken ein, was es
    schwierig macht, ihn parallel zu den freien Treibern zu benutzen
    – das erledigt jetzt die Hardware-Erkennung “on the
    Fly”. Tipp: Um solche Nvidia-Grafikkarten, die mit dem
    proprietären Treiber nicht funktionieren, mit Nouveau oder
    Vesa zu betreiben, genügt die übliche Angabe von
    »knoppix xmodule=nouveau« beziehungsweise
    »knoppix xmodule= vesa« beim Start.
  • Adobes PDF-Reader, auch als Plugin für Firefox und Google
    Chrome.
  • Das proprietäre Plugin Adobe Flash funktioniert ebenfalls
    mit Firefox/Iceweasel und Google Chrome.
Abbildung 3: Wer Compiz dank der neuesten Treiber zum Laufen bekommt und die Maus in die rechte obere Ecke fährt, erhält diese Desktop-Übersicht.

Abbildung 3: Wer Compiz dank der neuesten Treiber zum Laufen bekommt und die Maus in die rechte obere Ecke fährt, erhält diese Desktop-Übersicht.

Abbildung 4: Taskmanager der eleganten Sorte – der bekannte transparente Compiz-Würfel gibt jedem Grafikchip einiges zu rechnen.

Abbildung 4: Taskmanager der eleganten Sorte – der bekannte transparente Compiz-Würfel gibt jedem Grafikchip einiges zu rechnen.

Aufgrund der Knoppix-typischen Sicherheitseinstellungen muss der Benutzer Flash-Inhalte auf Webseiten in Firefox allerdings erst über die No-Script-Sicherheitserweiterung (Knopf rechts unten im Browserfenster) freischalten.

Auf Festplatte installieren

Mit Knoppix wollte ich eine auf den Live-Betrieb optimierte, schnell startende und umfassend vorkonfigurierte Linux-Arbeitsumgebung schaffen. Viele Anwender, die Knoppix aber “mal eben auf Platte installieren” wollten, haben mich nach einiger Zeit davon überzeugt, einen entsprechenden Installer anzubieten. Anders als die umfangreicheren Installationsprogramme mit detaillierter Auswahl bei anderen Distributionen beschränkt sich der Knoppix-Installer darauf, das Live-DVD-System aus- und auf die Festplatte zu packen.

Dieses minimalistischen Konzepts wegen hört der Installer auf den etwas merkwürdigen Namen »0wn«, was für “Zero Work Needed”, also für “kein Aufwand” steht. Der mit Knoppix 6.5 abermals überarbeitete Installer im »Einstellungen«-Menü ist zudem eine der schnellsten Methoden, Debian gebrauchsfertig auf die Festplatte zu bekommen. Durch das Auspacken schwillt die Datenmenge von kompakten 4 GByte der Live-DVD auf 12 bis 15 GByte auf der Platte. So viel freier Platz sollte dort vorhanden sein, plus eine Swap-Partition von mindestens 1 GByte Größe. Das vom Installer verwendete Verfahren ist wirklich simpel:

  • Anlegen einer zusätzlich vorhandenen Linux-Daten- und
    einer Swap-Partition oder die Auswahl von »Ganze Festplatte
    benutzen«. Gparted aufrufen ist auch eine Option.
  • Dekomprimieren des Cloop-Container-Image (Datei
    »KNOPPIX/KNOPPIX«) auf die Linux-Partition.
  • Schließlich das Einrichten des Bootladers Grub.

Zunächst zeigt der Installer den üblichen Backup-vor-Partitionieren-Hinweis. Denn sowohl Mensch als auch Maschine könnten beim Löschen ja irren.

Windows-gewohnte Anwender berichten mir, dass die Reihenfolge von Festplatten oder Partitionen unter Linux “anders als gewohnt” sei. Das Problem ist aber nicht unbedingt technischer Natur: Linux erkennt die Festplatten in der Reihenfolge, in der sie beim Hochfahren und Laden der Controller-Module im System sichtbar werden. So kann es passieren, dass nicht die interne Festplatte, sondern das USB-Flash, von dem Knoppix startet, »/dev/sda1« beziehungsweise »C:« wird.

Auf USB-Stick oder SD-Karte übertragen

Die Distribution auf einer Flashdisk zu installieren ist die am häufigsten genutzte und komfortabelste Art, Knoppix zu “mobilisieren”. Sie kombiniert die Vorteile der automatischen Hardware-Erkennung und der Kompression der Systemdaten mit der Möglichkeit, eigene Dateien sowie System- und Benutzereinstellungen permanent zu speichern. Das Tool »flash-knoppix« unter »Einstellungen | KNOPPIX auf Flash installieren« erwartet, dass das Zielmedium mit einer primären FAT32-Partition bereits fertig partitioniert ist (siehe Abbildung 5).

Abbildung 5: Flash-knoppix ist mit und ohne Neuformatierung in der Lage, die Knoppix-Daten und den Syslinux-Bootloader auf Datenträger zu installieren.

Abbildung 5: Flash-knoppix ist mit und ohne Neuformatierung in der Lage, die Knoppix-Daten und den Syslinux-Bootloader auf Datenträger zu installieren.

Das ist bei den USB-Flashdisks und SD-Karten frisch aus der Verpackung auch meist der Fall – allerdings partitionieren einige Betriebssysteme diese gerne im Floppy-Modus, wodurch die Partitionstabelle verloren geht. Dann funktioniert die Methode nicht und der Besitzer muss zunächst ein Partitionierungstool aufrufen, um wieder eine primäre DOS-Partition auf dem Flash zu erzeugen.

Flash-knoppix ist auch ohne Neuformatierung in der Lage, einfach nur die Knoppix-Daten auf dem Datenträger hinzuzufügen und den Syslinux-Bootloader zu installieren. So können auch Besitzer von Digitalkameras oder Handys mit Micro-SD-Karte Knoppix auf deren Speicher installieren, ohne ihre Fotos zu verlieren. Es klingt kurios, aber man kann einen PC von einer Digicam booten.

Beim ersten Systemstart von Flashdisk fragt Knoppix die gewünschte Größe des persistenten Image, das die Einstellungen und persönliche Dateien speichert, in MByte ab. Einzugeben ist eine Zahl zwischen »200« und »4000«. Sind weniger als 200 MByte frei, überspringt Flash-knoppix die Abfrage allerdings. Daher sollte der USB-Stick besser 8 GByte groß sein, obwohl die Linux-Magazin-Version von Knoppix 6.5 meist auf einem 4-GByte- Flashmedium ausreichend Platz für die Installation vorfindet.

Ein kleiner schmutziger Tipp für Rechner, die das Booten vom USB-Stick nicht oder nicht richtig unterstützen: Einfach bei eingestecktem USB-Stick von der DVD starten, mit deren Hilfe der Stick installiert wurde, und – sobald Kernel und Ramdisk geladen sind – die DVD zügig auswerfen. Die geladene Mini-Ramdisk durchsucht nun alle Laufwerke und arbeitet auf dem USB-Stick weiter.

Knoppix-Support
Linux-Magazin-Käufer, die Probleme mit der DELUG-Knoppix-DVD haben, sind nicht auf sich allein gestellt: Hat der Datenträger offensichtlich einen Transport- oder Verpackungsschaden, was ab und an leider vorkommt, genügt eine Mail an [info@linux-magazin.de] mit einer kurzen Schilderung des Problems und Nennung der Postanschrift. Wenige Tage später leistet der Verlag kostenlosen Ersatz.

Bei anderen technischen Problemen hat sich Klaus Knopper dazu bereit erklärt, Fragen zu Knoppix 6.5 zu beantworten, entweder über das Kontaktformular [http://knopper.net/kontakt/?kontakt=knoppix] oder per E-Mail an [knoppix@linux-magazin.de].

Knoppix updaten

Nach erfolgreicher Installation auf Festplatte oder USB-Stick ist das Updaten des Gesamtsystems oder einzelner Pakete mit den üblichen Debian-typischen Tools ohne Weiteres möglich:

sudo aptitude update
sudo aptitude install frozen-bubble

Bei Kernelupdates ist etwas Vorsicht angezeigt, denn der Knoppix-Kern hat die Module für Festplatten und andere Laufwerke einkompiliert. Ein Kernel mit statischen Modulen macht eine Initial Ramdisk mit Controller-Modulen entbehrlich, die aber nach einer Festplatteninstallation notwendig, beim Debian-Kernel sogar Standard ist. Trotzdem Entwarnung: Normalerweise aktualisiert sich der Kernel auch bei einem System-Upgrade nicht automatisch.

Cheatcodes modifizieren den Bootvorgang

Nicht auf jedem Rechner ist eine vollständig automatische Hardware-Erkennung möglich, manchmal muss der Benutzer bereits in einem sehr frühen Zustand des Systems eine bestimmte problematische Komponente abschalten oder anders behandeln. Hierfür gebe ich den Benutzern die so genannten Knoppix-Cheatcodes an die Hand, mit denen sie zudem den Desktop oder Sprache und Tastaturbelegung umschalten dürfen.

Tabelle 1 zeigt eine Auswahl der Startoptionen, die wichtigsten sind im Boot-Bildschirm hinter den Tasten [F2] und [F3] als Kurzhilfe hinterlegt. Eine umfangreiche Liste der Knoppix-Cheatcodes ist zudem im Verzeichnis »KNOPPIX« auf der DVD zu finden. (jk)

Infos
[1] Knoppix: [http://knopper.net/knoppix/]

[2] Intel GMA 500 (Poulsbo) graphics on Linux: [http://www.happyassassin.net/2009/01/30/intel-gma-500-poulsbo-graphics-on-linux-a-precise-and-comprehensive-summary-as-to-why-youre-screwed/]

[3] Google-Code-Projekt “Intel GMA500 Poulsbo drivers”: [http://code.google.com/p/gma500/]

[4] DAISY-Player: [http://de.wikipedia.org/wiki/DAISY-H%C3%B6rbuch]

[5] Audio Desktop Reference Implementation and Networking Environment: [http://www.knopper.net/knoppix-adriane/]

Der Autor
Knoppix-Erfinder Klaus Knopper [knoppix@knopper.net], Jahrgang 1968 und Dipl.-Ing. der Elektrotechnik, arbeitet als selbstständiger IT-Berater und Entwickler, als Dozent an der FH Kaiserslautern (Softwaretechnik und Software-Engineering) und gibt Kurse zu freier Software. Angeregt durch Erfahrungen seiner blinden Ehefrau entwickelte Knopper die in Knoppix integrierte Lösung Adriane [5], die Blinden den Umgang mit Linux-PCs vereinfacht.
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