Nicht überall ticken die Uhren der IT schneller: Maus, Tastatur, Anwendungsfenster mit Menübalken – dieses Dreigestirn nutzt der Desktopanwender seit über 20 Jahren. Langsam kommt Bewegung in die Sache: Allerdings punktet schlichter Nutzwert über aufmerksamkeitsheischende Effekte .
Die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine hat sich in den vergangenen Jahren aufgehübscht (Abbildung 1). Semitransparente Menüs hie und rotierende Desktops in Truecolor da – sind sie mit der schnöden monochromen Welt von anno Dutzeback vergleichbar oder nicht? Seit Xerox dem Nutzer ein Eingabegerät namens Maus unter die Hand gab, zählt diese trotz technischer Evolution zum immer gleichen Standard in der Bedienung eines Computers. Immerhin: Dem Notebook-Boom der vergangenen Jahre ist es zu verdanken, dass die Bedienhand von Anwendern mit einem Touchpad zurechtkommt. Anfangs argwöhnisch beäugt, schätzen mittlerweile viele Anwender die kurzen Wege zur Tastatur.
Tabs und Tapsen
War das Touchpad anfangs nur ein Mausersatz mit anderen Mitteln, entstand mit den Displays der Smartphones ein ganz neues Bedienkonzept: Anwender berühren direkt die Stelle auf dem Display, die sie interessiert. Nun hat zwar nicht Apple mit seinem I-Phone das Prinzip erfunden, aber es in einer Weise umgesetzt, die es vorher auf Touchscreens nur eingeschränkt gab. Statt abstrakter – aber auch präziser – Mausbewegung implementierten die Entwickler ein Anwendungserlebnis, das realer Physik nachempfunden war: anschubsen, beschleunigen, gleiten oder abstoppen.
Auch Linux-Systeme stehen mit dem von Google angetriebenen Android, dem von Nokia eingesetzten Maemo und dem Web OS des PDA-Altmeisters Palm dabei in der vorderen Reihe. Und was den Benutzer im Kleinen freut, die von Apple als Clou des I-Phone eingeführte Multitouch-Fähigkeit (Abbildung 2), wandert zu den großen PCs zurück (siehe Artikel “Berühren und bewegen”).
Der Entwicklungsschub an Treibern und Technologie, den die interessierten Hardwarehersteller mitausgelöst haben, seit das unerwartet erfolgreiche Netbook-Segment die eine oder andere Bilanz gerettet hat, führt zu einer neuen Artenvielfalt dank auf die Bedürfnisse kleiner Displays und mobiler Nutzer angepasster Betriebssysteme wie Intels Moblin.
Fenster auf!
Ein Blick auf die Evolution der Benutzeroberflächen, ob klein oder groß, zeigt dennoch meist ein weiteres Erfolgskonzept: Die Fenstertechnologie, die für das gesamte Betriebssystem von Microsoft namengebend war und die auch Basis jedes Linux-Desktops ist, der sich grafisch bedienen lässt. Anpassbar, verschiebbar, minimierbar und in Größe und Form änderbar, haben sich das Fenster und seine Menüleiste gewissermaßen auf dem Desktop eingebrannt.
Dass die Entwickler von grafischen Bedienoberflächen meist von sich behaupten, bei der Planung den Anwender in den Mittelpunkt gestellt zu haben, darf bei der Begrenztheit dieses Baukastenzubehörs verwundern. Die Windows-Anekdote, dass es den Start-Button unten links zum Beenden braucht, ist kein ideologisch gewähltes Beispiel. Es steht für die Nutzerdressur, die darauf baut, dass jeder, der ein Menü aufklappt, schon irgendwann lernt, welche Befehle dort und in weiteren Unterrubriken warten.
Rechteckige Fenster sind dann auch der kleinste gemeinsame Nenner aktueller Desktop-Benutzeroberflächen. Zwar gab es verschiedentlich Versuche, Ecken abzurunden, andere Formen zuzulassen oder gar den Desktop selbst als Fläche für Elemente jenseits von Icons zu verwenden, aber kaum einer der Ansätze hat ernsthaft Verbreitung gefunden. So gibt es zwar sperrige Mediaplayer-Skins, die den Geist der Case-Modder-Szene atmen, oder drehbare Fenster in KDEs Plasma – doch mancher Anwender fragt sich “Wozu?”. Der von Architekturpionier Louis Sullivan formulierte Ausspruch “Form follows function” hat einen Rest Gültigkeit behalten. Dabei zeigt sich, dass es nicht einfach ist, Komfort für Anwender zu erforschen.
Anwender ergründen
Die Entwickler des funktionsbedingt menülastigen Open-Office-Pakets versuchen im Projekt Renaissance ihren Anwendern auf deren Wanderungen durch das Programm über die Schulter zu schauen [1]. Wer sich bei der Installation verpflichtet, an dem Feldversuch teilzunehmen, überträgt in gewissen Abständen seine Menü-Eingaben an die Office-Entwickler. Ziel des Projekts sei es, dass Menschen “Open Office als Produkt ihrer Wahl nehmen, weil es begeistert, nicht nur, weil sie es benötigen”, fasst Christoph Noack, ein Usability-Experte der Open-Office-Community zusammen. Dazu wolle man zum Beispiel die 332 Menü-Einträge, 40 Symbole und 37 Untermenüs von Writer überarbeiten. “Es ist tatsächlich erstaunlich, wie wenig wir bisher von unseren Anwendern wussten”, lautet Noacks Resümee nach ersten Auswertungen von zusätzlich verteilten Fragebögen.
Tu dies, tu das

Abbildung 2: Multitouch zählt bei Smartphones inzwischen zur Pflichtübung, hier an der Zoomfunktion des Linux-Handys Palm Pre zu sehen.
Mozilla hat mit Ubiquity [2] ein Projekt gestartet, das dem Nutzer – wenn auch in fernerer Zukunft – verspricht mit Stimme und Kurzbefehl als Steuermann über den Rechner ans Ruder zu dürfen, zumindest in den ruhigen Gewässern des alltäglichen Fahrwassers. Derzeit gilt es aber noch, die Befehle einzutippen.
Eine frühe Version ist lauffähig, das Konzept dahinter ist auch nicht auf den Browser oder Mailclient beschränkt. Diese Anwendungen liegen den Entwicklern naturgemäß und vom Know-how her nahe. Ein dazu versprochenes einfaches API könnte auch unbedarfte Anwender zum eigenen Befehlshaber machen, der Einfallsreichtum der Community dürfte ein Übriges tun.
Desktop der Superlative
KDE-Visionär Aaron Seigo will nichts weniger, als KDE zu einem freien Desktop der Superlative machen, und möchte KDE-Software auf möglichst vielen Geräten im Einsatz sehen. Der Bildbetrachter Gwenview beispielsweise wäre auch für Smartphones geeignet, schreibt Seigo [3]. Dabei fällt allerdings auf, dass sich gewisse Paradigmen nicht für alle Anwender so einfach übertragen lassen. Mit dem Aufkommen von Netbooks haben viele Hersteller erst einmal versucht bestehende Oberfläche zu verkleinern – und sind damit weitgehend gescheitert. Eine Textverarbeitung oder eine Tabellenkalkulation ergeben auf einem Bildschirm mit geringerer Größe oder geringerer Auflösung einfach wenig Sinn.
Das Ende von Windows?
Deshalb geht das Desktop-Team beispielsweise von Moblin [4] neue Wege und löst viele bekannte Metaphern ab. So laufen sowohl Moblin, die Sugar-Oberfläche des XO-1-PC des OLPC-Projekts als auch die meisten Smartphones immer im Vollbildmodus (Abbildung 3).

Abbildung 3: Die Oberfläche des Netbook-Betriebssystems Moblin bricht mit bestehenden Konzepten. Farbenfroher, von Icons geleitet und im Vollbildmodus sollen Nutzer ohne Vorkenntnisse mit dem PC arbeiten.
Nebenbei hat auch das Prinzip der virtuellen Desktops, das jedem Linux-Nutzer bekannt ist, dank der genannten Linux-Firmware unter den Handynutzern weltweit Anhänger gefunden. Das vom Nutzer goutierte Konzept landet damit auch in Betriebssystemen, die jahrelang ohne diese Funktion ausgekommen sind, etwa in dem inzwischen von Nokia gekauften und unter freier Lizenz an eine Stiftung überführten Symbian.
Unter der Motorhaube
So lassen sich auf dem Desktop zwei grundsätzliche Strömungen erkennen: Prozessorleistung, Grafikfähigkeiten und moderne Treiber machen einiges möglich, was vor Jahren noch Special-Effects-Ausstattern von Science-Fiction-Filmen vorbehalten war: Auf 3D-Würfel projizierte Oberflächen, diffuse Schlagschatten, blätterbare Musikalben oder Überblendungen. Bemerkenswerterweise sind jene Effekte erfolgreich, die am wenigsten nach Aufmerksamkeit heischen: Gute Kantenglättung bei Fonts erleichert das Arbeiten ungemein, kaum ein Anwender nimmt das jedoch bewusst wahr.
Vor einigen Jahren sahen manche die Spracheingabe schon als kommende Computersteuerung. Das System war damals jedoch zu kompliziert. Tatsächlich gehörten simple Ideen wie Tabbed Browsing oder MP3-Player mit nur einer Taste zu den nachhaltigsten UI-Ergebnissen der ersten Dekade im neuen Jahrtausend.
Umwölkt
Seher der Informationstechnik erblicken in ihren Kristallkugeln immer wieder Welten, in denen alles im Web abläuft. Das wolkige Prinzip des Cloud Computing predigt diese Vorstellung. Für den Desktop sind phänotypisch betrachtet erstaunliche Dinge möglich. Frameworks wie Scriptacolous, Dojo oder ZK bauen Controls und Fenster weit jenseits des schlichten Web 0.9 von einst [5].
Doch wer hinter die Fassade blickt, erschauert auch: HTML, CSS, Javascript und DOM waren nie für die Szenarien geplant, in denen sie Entwickler heute einsetzen. Flash, Moonlight oder andere Wettererscheinungen sind einigen aus Sicherheitssicht unheimlich – schlimmer wiegt, dass es kein Übereinkommen gibt, welches Format Browser und Geräte nun unterstützen sollen. Das bewirkt dann auch das Unwohlsein, das kritische Systemarchitekten haben: Durch das Aufeinanderschichten vieler Ebenen schwindet die Kontrolle über die Information.
Intuition
Ein weiterer Trend sind intuitive Bedienelemente. Eine Tastatur ist das totale Gegenteil davon, sie ist sehr genau durchspezifiziert: Es erscheint der Buchstabe, der auf der Taste aufgedruckt ist, was er im jeweiligen Kontext bedeutet, muss der Anwender im Handbuch nachlesen. Kinder nutzen ihre Gameboys, Playstations oder Wiis anders: Sie lesen kein Handbuch und sind doch in der Lage, komplexe Autorennen zu steuern, virtuelle Fußballspieler zu dirigieren oder durch Fantasiewelten zu hüpfen.
KDEs Plasma-Desktop versucht etwas Ähnliches, indem er die einzelnen Plasmoide aus dem Fensteransatz befreit. Plötzlich kann jede Fläche eine Funktion haben, es gibt keine klar erkennbaren Bedienelemente mehr.
An zehn Fingern abzählbar
Das Zehn-Finger-System, das der Grafikdesigner Clayton Miller als 10-GUI-Konzeptstudie [6] ins Web gestellt hat, setzt dagegen konsequent auf Multitouch. Statt über eine Maus, so die bislang nicht praktisch erprobte Idee, steuert der Anwender den PC über ein sensitives, in der Tastatur untergebrachtes Touchpad, das zehn Finger unterscheiden kann (siehe Abbildung 4).

Abbildung 4: Rechnersteuerung via Touchpad mit den Fingern, deren Position ist auf dem Display zu sehen.
Der zehnfache Multitouch bezieht seinen Reiz aus der Unterscheidbarkeit der einzelnen Fingertipps und lässt eine große Zahl von Kombinationen zu. Miller ist überdies der Meinung, dass der Nutzer eines PC im Büro oder daheim kaum Lust verspüren dürfte, in regelmäßigen Abständen den Monitor zu reinigen. Von der Ergonomie der Bedienung eines senkrecht vor einem stehenden Displays mit den Fingern einmal abgesehen.
Immerhin: Moderne Laptops mit Multitouchpad zeigen, was bereits mit zwei Fingern möglich ist – und dann erst mit Millers Zehn-Finger-Konzept?
| Infos |
|---|
| [1] Renaissance: [http://wiki.services.openoffice.org/wiki/Renaissance]
[2] Ubiquity:[https://mozillalabs.com/blog/2008/08/introducing-ubiquity/] [3] Aaron Seigo zu KDE:[http://aseigo.blogspot.com/2010/01/key-quest-device-spectrum.html] [4] Moblin: [http://moblin.org] [5] Daniel Steinsche, Tobias Hauser, “Koffer packen: Javascript-Frameworks für einfache Aufgaben im Vergleich”: Linux-Magazin 08/09, S. 96 [6] 10-GUI: [http://10gui.com] |






