Aus Linux-Magazin 09/2009

Aktueller Überblick über freie Software und ihre Macher

Abbildung 3: Der in Robocode eingebaute Java-Editor erleichtert Einsteigern die Roboter-Programmierung, auch fortgeschrittene Java-Entwickler können sich nach Belieben austoben.

Schnelle Verbesserung statt großer Visionen: Mit einem pragmatischen Ansatz soll der Open-PC freie Hardware der Realität näher bringen. Fantasievoller geht es dagegen bei der Roboter-Simulation zu. Als Ausgleich gibt es etwas Handfestes auf den Grill.

Für die Pioniere stellte freie Software ein Produktionsmodell für eine bessere Gesellschaft dar. Dank der Möglichkeit zur unbegrenzten und verlustfreien Vervielfältigung gibt es Mangel bei digitalen Gütern lediglich als Folge juristischer Schranken und eigens eingebauter Mechanismen zur Verhinderung der Kopie. Nennenswerte Herstellungskosten fallen bei Software nur während der Entwicklung an, die Preise für Medien – ob Daten-DVDs oder Internetserver – sind zu vernachlässigen.

Neue Geschäftsmodelle

Produzenten und Verkäufer proprietärer Software argumentieren stets, dass sie die bereits investierten Entwicklungskosten durch den Verkauf der Einzelkopien wieder hereinholen müssen, denn sonst fehle der Lohn für die professionellen Programmierer. Firmen wie Red Hat und andere setzen dem ein Geschäftsmodell entgegen, bei dem die Einzelkopie selbst keinen Umsatz erzeugt. Beides entspricht nicht der Vorstellung der utopischen Vorreiter freier Software, denn der Profit als Maxime des Handelns wird nicht abgeschafft, sondern der Prozess an die Eigenheiten der Ware “Software” angepasst: Verkauft wird nicht mehr das kopierbare Produkt als solches, sondern die Dienstleistung drumherum.

Auch wenn sich freie Software nicht als Wegweiser zu einer Gesellschaft erwiesen hat, die Mängel, materielle Not und soziale Ungleichheit überwindet, kann sie dennoch messbaren Erfolg vorweisen, der sich nicht auf das Wohl einiger Unternehmen beschränkt. Freie Software hat in den letzten Jahren zu einer Verkleinerung der digitalen Kluft zwischen Armen und Reichen beigetragen. Das sprichwörtliche afrikanische Kind könnte bald mit einem Laptop ausgestattet werden, für den unter anderem das freie und kostenlose Linux-Betriebssystem einen Preis erlaubt, den auch die Regierungen armer Länder bezahlen können [1].

Die Utopisten haben bis heute keine endgültige Antwort auf die Frage gefunden, wie man das Prinzip der freien Software auf andere Produkte übertragen könnte. Denn die meisten anderen Güter benötigen natürlich begrenzte Ressourcen, spezielle Fertigungsanlagen oder beides. Die Fortschritte im Kampf gegen die digitale Ungleichheit erscheinen im Schatten anderer materieller Nöte deshalb nur als Nischenerfolg, die großen Probleme der Menschheit bleiben davon bislang weitgehend unberührt.

“Freie Hardware” [2] überträgt die Prinzipien der freien Software auf andere Bereiche. Dass damit nicht nur Computer gemeint sind, zeigen Baupläne für ein freies Auto namens Oscar [3] und die freie Sun-CPU Opensparc [4]; deren Entwicklung verlief allerdings nach dem traditionellen geschlossenen Modell und nicht zusammen mit einer freien Community.

Der offene PC

Beim Gran Canaria Desktop Summit (GCDS) kamen im Juli Unterstützer der freien Desktopumgebungen KDE und Gnome zusammen. Auf diesem Treffen stellte der Stuttgarter Frank Karlitschek eine neue Idee vor, um die Entwicklung eines optimalen Linux-PC voranzutreiben (siehe Abbildung 1). Die Freie-Software-Gemeinschaft soll einen Community-PC entwerfen, womit allerdings lediglich die Zusammenstellung und nicht der Bau freier Einzelteile gemeint ist.

Die Idee, mit freier Soft- und Hardware eine Produktionsweise hervorzubringen, die sich statt am Profit am Bedarf der Menschen orientiert, steht beim Open-PC [5] aber nicht im Vordergrund. Karlitschek will vor allem das Problem angehen, dass der Hardwaremarkt aus Sicht der Nutzer freier Software bisher kein zufriedenstellendes Angebot bereithält. Auch die mittlerweile von einigen großen Herstellern (etwa Asus, Dell und Acer) angebotenen Linux-PCs sind mehr oder weniger auf eigens angepasste Systeme angewiesen – die Linux-typische Individualität geht damit verloren. Oft gebe es Treiberprobleme und schlechten Support zu bemängeln, so Karlitschek.

Also soll die Linux-Community ihren PC selbst zusammenstellen. Der Vorteil liegt darin, dass es sich (anders als bei den Linux-Rechnern der großen Hersteller) nicht um eine für Windows konzipierte Hardwarekompilation handelt, die zufällig auch mit Linux funktioniert. Die volle Linux-Unterstützung steht von Anfang an im Vordergrund. Später soll es Support durch die Community geben. In einem so genannten App Store finden Benutzer zusätzliche Anwendungen, die reibungslos auf ihren Open-PCs laufen.

Bestimmt die Community?

Bei Redaktionsschluss lief auf der Open-PC-Webseite noch die erste Planungsphase. In einer Umfrage soll die Community ihre Meinung zur Festplattengröße, zum akzeptablen Preisrahmen, zur bevorzugten Desktopumgebung und einigen Standardprogrammen kundtun. Der Zeitplan sieht den Start der nächsten Phase für den 15. August vor. Dann soll eine weitere Umfrage den Soft- und Hardwarebedarf im Detail ausloten.

Abbildung 1: Unter dem Namen Open-PC soll ein Computer auf den Markt kommen, der auch den hohen Ansprüchen der Linux-Community genügt.

Abbildung 1: Unter dem Namen Open-PC soll ein Computer auf den Markt kommen, der auch den hohen Ansprüchen der Linux-Community genügt.

Über die Benutzeranforderungen wird sich herauskristallisieren, welche Einzelteile sich am besten eignen. Sollte freie Hardware zur Verfügung stehen, die die Leistungsansprüche erfüllt, würde diese bei der Produktion wohl schon deshalb bevorzugt, weil sie voraussichtlich günstiger ist. Die Auswahl von Komponenten, deren Spezifikationen offen liegen, ist allerdings nicht sehr groß. Andererseits kommen Hersteller ohne Linux-Support nicht in Frage. Zwischen diesen Polen bewegen sich Produzenten, die ihren proprietären Geräten auch unter Linux Unterstützung zukommen lassen.

Nach Angaben Karlitscheks soll der Open-PC noch im kommenden Herbst in Produktion gehen. Ein bislang nicht benannter Hardwarevertrieb, der die Produktion und den Verkauf organisiert, sei schon mit im Boot. Weitere Partner werden noch gesucht. Bei seinem Vortrag nannte Karlitschek einen Preis von 300 bis 400 US-Dollar (umgerechnet etwa 200 bis 300 Euro) als Zielvorgabe. Sollte die Community in der Webumfrage allerdings andere Preisvorstellungen haben, lässt er sich möglicherweise umstimmen. Die Freie-Software-Gemeinde soll von dem Projekt zumindest finanziell profitieren, denn Karlitschek will ihr einen Teil des Erlöses spenden.

Offene Fragen

Gemessen an den einst hohen Ansprüchen der Community erscheint die Ankündigung des Open-PC geradezu unbedeutend. Das Versprechen, die ärgsten Hardwareprobleme der Linux-Nutzer noch in diesem Jahr zu lösen, klingt angesichts des an den Tag gelegten Pragmatismus dafür glaubhafter als bei so manchem anderen ambitionierten Projekt, das über Jahre hinweg nie den Sprung zu einem breit nutzbaren Produkt geschafft hat – von der besseren Gesellschaft ganz zu schweigen. Zugleich scheint das Ziel erreichbar, die Akzeptanz von Linux auf dem Desktop zu erhöhen, weil viele Laien nach wie vor Probleme mit Hardware befürchten, deren Hersteller Linux nicht unterstützen.

Offen bleibt bislang auch die Frage nach der organisatorischen Ausrichtung des Projekts. Handelt es sich um ein Geschäftsmodell, von dem die Mitglieder der Freien-Software-Community bestenfalls in einer Konsumentenrolle durch ein erweitertes Marktangebot profitieren, aber nur in Webumfragen ihre Meinung äußern können? Oder werden zentrale Entscheidungen nach dem Vorbild offener Projekte wie beispielsweise Debian oder Wikipedia getroffen?

Roboter selbst gebaut

Im Gegensatz zu Software-Entwicklern haben Hardwarebastler ganz andere Probleme: Beim kreativen Herumexperimentieren können Geräte den Geist aufgeben oder je nach Beschaffenheit bei falscher Verwendung sogar Gefahren für Mensch und Umwelt bergen. Daher streben viele Entwickler nach möglichst wirklichkeitsgetreuen Simulatoren, bei denen höchstens virtuelle Schäden entstehen.

Das Lernspiel Robocode [6] zielt weniger auf realistische Hardware ab. Vielmehr hat der Benutzer hier die Aufgabe, einen Kampfroboter zu programmieren. Er tritt in einer virtuellen Arena gegen eine oder mehrere gleichartige Maschinen an (siehe Abbildung 2). Mit Hilfe der Bordkanone und möglichst geschickter Navigation gilt es, die Gegner in den Roboterhimmel zu befördern. Zahlreiche mitgelieferte Bots dienen als erste Gegner und Beispiele; auf der Robocode-Homepage gibt es weitere zum Download.

Abbildung 2: Drehen, zielen, schießen, ausweichen: Bei Robocode programmiert der Spieler virtuelle Kampfroboter und lernt ganz nebenbei die Sprache Java.

Abbildung 2: Drehen, zielen, schießen, ausweichen: Bei Robocode programmiert der Spieler virtuelle Kampfroboter und lernt ganz nebenbei die Sprache Java.

Neue Roboter programmiert der Anwender in Java. Er versieht seine Maschine mit einer Basisroutine, die der Roboter verfolgt, wenn keiner seiner Sensoren Alarm schlägt, und ergänzt diese um Reaktionen. Jeder Roboter hat ein drehbares Radar an Bord, mit dem er Gegner ausfindig macht. Entdeckt der Roboter ein Angriffsziel, wird zum Beispiel ein »ScannedRobotEvent« ausgelöst und es bietet sich als Reaktion darauf an, einen Schuss in die entsprechende Richtung abzufeuern. Zahlreiche weitere Events geben unter anderem Auskunft darüber, ob ein Schuss getroffen hat oder nicht, ob der Roboter selbst von einem anderen getroffen wurde oder ob es zu einem Crash mit dem Spielfeldrand oder einer anderen Kampfmaschine gekommen ist.

Land der unbegrenzten Möglichkeiten

Da zahlreiche Informationen und dazu die vollständige Java-Programmiersprache zur Verfügung stehen, lassen sich Algorithmen aus dem Bereich der künstlichen Intelligenz mit hoher Komplexität implementieren. Zugleich ist der Suchtfaktor riesig: Weil sich die Roboter schon mit geringen Programmierkenntnissen zu höchst interaktiven Wesen zusammensetzen, ist es äußerst schwierig, aus dem ewigen Kreislauf zwischen eingebautem Editor (siehe Abbildung 3) und Schlachtfeld zu entkommen.

Abbildung 3: Der in Robocode eingebaute Java-Editor erleichtert Einsteigern die Roboter-Programmierung, auch fortgeschrittene Java-Entwickler können sich nach Belieben austoben.

Abbildung 3: Der in Robocode eingebaute Java-Editor erleichtert Einsteigern die Roboter-Programmierung, auch fortgeschrittene Java-Entwickler können sich nach Belieben austoben.

Robocode läuft auf allen gängigen Betriebssystemen, sofern eine Java-Laufzeitumgebung vorhanden ist. Das Programm sorgt seit mittlerweile neun Jahren für Spaß und Java-Nachwuchs – da liegt es nahe, dass auch Liebhaber anderer Sprachen das Erfolgskonzept abkupfern. Das tut jetzt auch Ruby: Der KDE-Entwickler Jordi Polo hat ein neues Projekt namens Rubots [7] ins Leben gerufen, das das Prinzip von Robocode in Ruby umsetzt und es dazu noch in eine dreidimensionale Welt transferiert. Der Entwickler möchte damit einerseits Neulingen auf spielerische Weise Ruby nahebringen, andererseits die Felder Robotik und künstliche Intelligenz für die Sprache erschließen.

Rubots setzt auf Player [8]. Zur Tool- und Bibliotheken-Sammlung gehört unter anderem die Bibliothek Stage. Sie simuliert Roboter und stellt Sensoren und Objekte zur Navigation in einer zweidimensionalen Welt zur Verfügung. Die Erweiterung Gazebo ermöglicht den Schritt in die dritte Dimension.

Wenn Rubots ähnlich erfolgreich wie das Original ist, könnte dies zu einer neuen Welle von Ruby-Liebhabern führen. Für Python gab es vor zwei Jahren bereits einen vergleichbaren Versuch namens Pyrobocode [9], der allerdings noch vor der ersten Release sang- und klanglos wieder verschwand.

Koteletts mit Biermarinade

Die Grillsaison läuft auf Hochtouren, allerdings dürften in einigen Landesteilen die Grillpartys nicht im Garten, sondern eher mit Gummistiefeln unter dem Regenschirm stattfinden. Diese Koteletts schmecken aber auch vor dem Kamin oder unter dem Vordach.

Die Zutaten für das Grillfest: 1 Knoblauchzehe, 4 Esslöffel Öl, 4 Esslöffel dunkles Bier, 1 Teelöffel mittelscharfer Senf, 1/2 Teelöffel Honig, Salz, Pfeffer, Oregano, Paprikapulver; dazu 4 Schweinenacken-Koteletts à 200 g. Den Knoblauch schälen und klein hacken, mit Öl, Bier, Senf und Honig verrühren. Die Marinade mit Salz, Pfeffer, Oregano und Paprikapulver würzen und abschmecken.

Die Koteletts trockentupfen und mindestens 4 Stunden marinieren. Fleisch aus der Marinade nehmen; diese nicht wegschütten, sondern mit zum Grill nehmen. Die Koteletts von jeder Seite grillen und dabei immer wieder mit der Marinade bestreichen. Dazu passen ein kühles Bier oder ein heißer Glühwein. (hej)

Infos

[1] One Laptop Per Child: [http://www.laptop.org]

[2] Freie Hardware: [http://de.wikipedia.org/wiki/Freie_Hardware]

[3] Oscar: [http://www.theoscarproject.org]

[4] Opensparc: [http://www.opensparc.net]

[5] Open-PC: [http://open-pc.com]

[6] Robocode: [http://robocode.sourceforge.net]

[7] Rubots: [http://www.bahasara.org/projects/rubots]

[8] The Player Project:[http://playerstage.sourceforge.net]

[9] Pyrobocode: [http://sourceforge.net/projects/pyrobocode]

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