Aus Linux-Magazin 04/2008

Don't fuck in the factory

Jeder Kerl mit durchschnittlichem Aussehen, durchschnittlichem Portmonee und durchschnittlichem Selbstbewusstsein muss sich eines Tages eingestehen: Heimlich hinstarren bringt nix. Zumindest wenn er bereits den dritten Samstag in derselben Bar auf demselben Hocker hockt und die Schönheit am anderen Ende des Tresens anstarrt. Da hilft auch kein Linux-Notebook mit KDE 4 zum cool Draufrumklappern.

Beziehungen werden nämlich nicht in Bars und Szenekneipen, sondern am Arbeitsplatz geschlossen. Was regelmäßige Teilnehmer von Betriebsweihnachtsfeiern empirisch schon immer ahnten, belegt nun eine Studie von Harris Interactive im Auftrag eines Karrierenetzwerks: 28 Prozent der Arbeitnehmer hatten im Laufe ihres Berufslebens eine Liaison mit einem Kollegen oder einer Kollegin. Zehn Prozent räumten sogar zwei oder mehr Geschichten in der Firma ein. Fast jeder Fünfte hat seine Liebelei gar geheiratet. Da wundert es nicht, dass elf Prozent der Befragten noch in diesem Jahr eine Beziehung mit einem bestimmten Kollegen oder genau jener Kollegin eingehen möchten.

Richtigen Alphatierchen unter den Weltkonzernen ist es natürlich zu popelig, im Suff die Sekretärin anzugraben. Sie wollen ganzen Firmen an die Wäsche. Im Börsensprech heißt diese Form der Befriedigung Merger. Gerade hat Nokia die Ehe mit Trolltech vollzogen. Die Qtopianer scheinen nicht unglücklich ob des starken Partners. Beobachter des Treibens fragen sich jedoch, was eine Handyfirma, die auf ihren Linux-Tablets bisher mit GTK+ hantiert, eigentlich mit der Technik will – vielleicht Mitbewerber ausbooten?

Microsofts Steve Ballmer ist in Sachen “Komm doch einfach mal rüber, Puppe!” der vielleicht breitbeinigst agierende CEO überhaupt. Die aktuell Umworbene jedoch ziert sich. Yahoo, im Schlagschatten von Googles Erfolgen etwas anämisch wirkend, wendet sich Hilfe suchend an AOL, Rupert Murdoch und sogar den Rivalen Google, was einerseits ein bisschen nuttig rüberkommt und andererseits kartellrechtlich schiefginge.

Wenn Ballmer, ein zäher Firmen-Stalker, jetzt die Mitgift weiter erhöht, wer mag dann noch für die Unschuld der Holden bürgen? Bereits im Mai 2006 erklärte er (neben Linux und Open Source) Google zum größten Konkurrenten. Sein Unternehmen habe zum Ziel, zur Nummer 1 im Markt für Onlinewerbung aufzusteigen. Passenderweise hatte die “Financial Times” zuvor über ein Angebot Microsofts an Yahoo berichtet. Der damalige Yahoo-CEO Terry Semel soll dazu gesagt haben, einen Anteil zu verkaufen sei, als würde man den rechten Arm hergeben. Also doch keine Liebe auf den ersten Blick.

Der florierende Werbemarkt im Internet und die Präpotenz Googles löst in Redmond Torschlusspanik aus. Ob die Braut 45 Milliarden Dollar wert ist, muss der Bräutigam selbst wissen. Klar: 500 Millionen User, Flickr, der Bookmarkdienst Del.icio.us, ein im Vergleich zu Google starkes Messaging und die angekündigte Mobilplattform One Connect strahlen für MSN die pure Erotik aus.

Andererseits: Den gebotenen 31 Dollar pro Aktie stehen geschätzte 50 Cent Yahoo-Jahresgewinn gegenüber. Ohne Synergieeffekte und bei konstanten Märkten bräuchte Familienoberhaupt Microsoft 50 Jahre, um die Femme fatale zu refinanzieren. So gesehen darf nicht überraschen, dass bei der Spaß-in-der-Kantine-Studie 96 Prozent der erfolgreichen Anbandler meinen, die Liebe am Arbeitsplatz habe ihre Karriere nicht vorangebracht.

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