Bietet ein Hersteller keine Linux-Treiber an, seien oft fehlendes Know-how und Unsicherheiten beim Auslegen der GPL die Ursache. Das glaubt Kernelentwickler Greg Kroah-Hartman und bietet Herstellern an, dass sein Kernel-Team die Treiber für sie entwickelt – kostenlos. Teile der Community reagieren jedoch feindlich.
Greg Kroah-Hartman ist Maintainer für eine Vielzahl von Treiber-Subsystemen im Linux-Kernel und keineswegs zu Kompromissen bereit, was proprietären Code für Linux betrifft. Was nicht der GPL entspricht, hat im Kernel nichts zu suchen, lautet sein Credo. Dafür ist er bereit auch unpopuläre Wege zu gehen. In seinen Vortrag zu den zehn populärsten Linux-Mythen [1] schreckte der bei Novell angestellte Entwickler beispielsweise nicht davor zurück, Äußerungen des Novell-Cheftechnologen Jeff Jaffe in diese Liste der Mythen aufzunehmen. Jaffe hatte die Plug&Play-Fähigkeiten von Linux im Vergleich zu Windows als unterlegen bemängelt. Irrtum, so lautete Kroah-Hartmans Antwort, Linux unterstütze mehr Hardware als jedes andere Betriebssystem.
Der jüngste Streich des Udev-Maintainers war ein Patch, das proprietären Treibern vor der Verbannung noch eine Galgenfrist bis Januar 2008 einräumte. Erst nach langwierigen Diskussionen [2] – auch mit einem aufgebracht schimpfenden Linus Torvalds – hat Kroah-Hartman das Patch zurückgezogen (Abbildung 1). Der neuerliche Vorstoß [3] des Kernel-Hackers für GPL-konforme Treiber hat dagegen ein breiteres Publikum beschäftigt. Kroah-Hartman bot Hardwareherstellern an kostenfrei Linux-Treiber zu programmieren. Kontaktaufnahme, Übermittlung von Dokumentation oder kundigen Ansprechpartnern – und schon stehe der Entwicklung eines Treibers nichts mehr im Wege, verspricht das als Free Linux-Driver Development bekannte Angebot.
Positive Reaktion
Ohne Entwicklungskosten einen Treiber zu bekommen, der im Kernel-Sourcetree Aufnahme findet, den kundige Entwickler pflegen und der damit in allen Linux-Distributionen landet, die Enterprise-Ausgaben jeweils eingeschlossen, das hört sich für Firmen verlockend an.
Und tatsächlich: Einige Wochen nach der Ankündigung kann Kroah-Hartman bereits zehn in Entwicklung befindliche Linux-Treiber aufzählen. Fünf weitere Projekte seien in der Planungsphase, lässt er das Linux-Magazin wissen. Einer der über das Angebot entwickelten Treiber stehe bereits zur Aufnahme in den Kernel an. “Jede Woche kontaktieren uns neue Firmen”, teilt Kroah-Hartman mit. Dabei haben sich nicht nur Firmen gemeldet, sondern auch Entwickler, die an dem Projekt mitarbeiten wollen – bisher 70 an der Zahl und damit mehr als Projekte anstehen.
Offenbarung
Die Resonanz der Hersteller ist also positiv. Von der Community gab es dagegen andere Töne. Insbesondere der Passus, dass auch ein Non Disclosure Agreement (NDA), also eine Vereinbarung über die Nichtveröffentlichung, zwischen Hersteller und Entwicklerteam möglich ist, sorgte für Diskussionen.
Besagte NDA-Regelung wirke nur auf jene abschreckend, die damit nicht vertraut seien, vermutet Kroah-Hartman. Die aus dem Zusammenschluss von OSDL und FSG entstandene The Linux Foundation habe eine Art NDA-Regelwerk [4] formuliert, das eine Hintertür für proprietäre oder nicht GPL-konforme Treiber wirksam verschließe.
Gegenüber dem Linux-Magazin sagte Kroah-Hartman, der entsprechende Passus sichere zu, dass ein Entwickler Informationen aus dem unter NDA gesichteten Teil nutzen kann, um einen der GPLv2 entsprechenden Treiber zu entwickeln. Dass die erforderliche Geheimhaltung die Weiterentwicklung behindere, glaubt der Kernelspezialist ebenfalls nicht. Schließlich erhalte der Entwickler Einblick in die Spezifikationen. Bei entsprechend guter Dokumentation seitens des ersten Entwicklers sei auch für andere zu erkennen, wie die Hardware funktioniere. Die bereits geleistetet Entwicklungsarbeit sei damit nicht allein auf den einen speziellen Treiber beschränkt, sondern auch für die Gemeinschaft nutzbar.
OpenBSD ist sauer
Dass das OpenBSD-Projekt ihm vorwirft, den Herstellern eine Entschuldigung dafür zu liefern, ihre Spezifikationen verschlossen zu halten, lässt Kroah-Hartman kalt. Wegen der Vorwürfe, etwa von Entwickler Stephan A. Rickauer, verweist Kroah-Hartman schlicht auf die zu seinem Treiberprojekt aufgelegte FAQ und dort auf den letzten Eintrag: Dem BSD-Projekt stehe es frei, zu tun, was es wolle, er habe darauf keinen Einfluss, heißt es dort. OpenBSD-Projektleiter Theo de Raadt reagiert ebenfalls streitbar: Das Angebot sei eine Farce und habe zur Folge, dass Code-Maintainern künftig der Zugang zu Dokumentationen verwehrt sei, nur weil jemand ein NDA unterzeichnet habe.
Dass das Angebot eine Art Geschenk für Hersteller sein könnte, die mit freier Software sonst wenig am Hut haben, hält Kroah-Hartman für abwegig. Die Mehrzahl der Linux-Treiber sei auf genau diese Weise entstanden: Eine Firma veröffentlicht aus irgendwelchen Gründen zwar keine Spezifikationen, schreibt aber funktionierende Linux-Treiber. Die Community wiederum könne dann bei der Entwicklung und bei der Fehlerbeseitigung helfen.
Gegengeschäft
Bislang sei niemand auf die Idee gekommen, diese Vorgehensweise anzuzweifeln. Von manchen Spezifikationen einmal abgesehen, seien diese Unternehmen sehr wohl der Open-Source-Bewegung verpflichtet. Er nennt IBM, Intel, HP, AMD und Dell als Beispiele. Deren Engagement zu bezweifeln, nur weil sie aus welchen Gründen auch immer die Spezifikationen von Teilen ihrer Hardware nicht preisgeben, sei unfair.
Meldet sich ein Hersteller, um einen Linux-Treiber entwickeln zu lassen, verspricht das Free Linux-Driver Development neben der Initialzündung auch die Pflege des Treibers, etwa für neue Kernelversionen oder was Sicherheitslücken betrifft. Um Support, der darüber hinausgeht, muss sich der Auftraggeber selbst kümmern. Die Community könne keinen Entwickler stellen, der unter Terminvorgaben und auf Abruf den Kunden-Support leiste. Schon aus diesem Grund sei die ganze Aktion dazu geeignet, neue Jobs für auf Linux spezialisierte Consultants und Support-Anbieter zu schaffen. Das kostenlose Entwicklungsangebot sei also kein Jobkiller.
Treibstoff für den Jobmotor
Im Gegenteil, er habe viel Zuspruch von professionellen Support-Anbietern erhalten, die ihm für diesen Vorstoß gedankt hätten, weil Linux damit bekannter werde. Eine der an Treibern interessierten Firmen habe bereits nach Entwicklern gefragt und würde sie für die Erstellung und Pflege eines Linux-Treibers einstellen. Für eine Entwicklergruppe sei eine bezahlte Stelle entstanden.
Dass ein Markt mit immer kürzeren Produktzyklen ein schnelles Verfallsdatum von Hardware mit sich bringt, muss interessierte Firmen nicht kümmern. Wer einen Treiber will, die Spezifikation liefert und im Übrigen dem NDA-Reglement entspricht, bekommt einen Treiber. So einfach ist das, lässt Kroah-Hartman wissen. Je nach Komplexität der beteiligten Hardware sei eventuell mehr Kommunikation zwischen Hersteller und Entwickler nötig. Mit einer Ablehnung muss eine Firma aber nicht rechnen. Selbst die Entwicklung von Treibern für ein nun wahrlich altes ISA-Gerät habe man übernommen.
Was allerdings nicht möglich ist, sei jegliche Art von Reverse-Engineering, teilt Kroah-Hartman unmissverständlich mit. Das Angebot sei ausschließlich für Hersteller gedacht, die über die Spezifikationen verfügen. Ansonsten gilt: Wenn sie es produzieren, schreiben wir den Treiber dafür, verspricht Kroah-Hartman. Egal ob USB-Spielzeug, PCI-Karte oder Highspeed-Netzwerkgerät.
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Infos |
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[1] Linux-Mythen: [http://www.kroah.com/log/linux/ols_2006_keynote.html] [2] Diskussion über Non-GPL-Treiber:[http://thread.gmane.org/gmane.linux.kernel/475654/focus=475824] [3] Ankündigung des Free Linux-Driver Development: [http://www.kroah.com/log/linux/free_drivers.html] [4] NDA-Programm: [http://www.linux-foundation.org/en/NDA_program] |






