Aus Linux-Magazin 09/2003

Linuxtag 2003 in Karlsruhe

Abbildung 1: Die Referenten und Aussteller konnten sich freuen, denn der Linuxtag 2003 war besser besucht als im vergangenen Jahr.

Gestiegene Besucherzahlen, gute Stimmung und interessante Kontakte – so lautet das Fazit nach der viertägigen Linux-Veranstaltung in Karlsruhe. Vor allem den kostenpflichtigen Business- und Behördenkongress am Donnerstag werteten Besucher und Veranstalter als vollen Erfolg.

Das Linuxtag-Motto “Where .com meets .org” funktioniert noch, wenngleich es aufgrund reduzierter Dotcom-Häufigkeit etwas angestaubt wirken könnte. Wo klassische Messen, die Cebits und Comdexe dieser Welt, mit Besucherrückgang kämpfen müssen, legte der Linuxtag zu – sowohl bei den Besuchern als auch an Ausstellerfläche im Messebereich.

Sicherlich trägt dazu bei, dass der Eintritt zum Linuxtag nach wie vor nichts kostet, wenn auch eine Registrierung erforderlich ist. Laut Veranstalter waren 19500 Besucher auf dem freien Teil des Kongresses, im Vergleich zu 13000 im Vorjahr ein beachtlicher Anstieg. Der Business-Kongress war mit 420 Teilnehmern ausgebucht, es sollen sogar Interessenten weggeschickt worden sein.

Desktop-Linux und vor allem die Groupware kristallisierten sich als zentrale Themen heraus. Zu Letzterem trug vor allem die Entscheidung von Skryrix bei, ihre Software unter die GPL zu stellen. Korrespondierend kündigten auch die Kolab-Entwickler ihre erste stabile Release an. Eine Zusammenarbeit zwischen beiden Projekten ist sehr wahrscheinlich.

Abbildung 1: Die Referenten und Aussteller konnten sich freuen, denn der Linuxtag 2003 war besser besucht als im vergangenen Jahr.

Abbildung 1: Die Referenten und Aussteller konnten sich freuen, denn der Linuxtag 2003 war besser besucht als im vergangenen Jahr.

Motor für künftige Geschäfte

Auf dem Business- und Behördenkongress standen – bedingt durch die Münchner Linux-Entscheidung – Migrationsthemen im Verwaltungsbereich an. Obwohl es inzwischen weniger konkrete Förderzusagen aus den Ministerien gibt und Microsoft den öffentlichen Bereich mit Kampfpreisen umwirbt, wird Linux immer attraktiver, aus strategischen wie finanziellen Gründen.

Entsprechend hoch war die Nachfrage nach konkreten technischen Inhalten zu Migrationen. Die Anzahl derer, die sich “mal über Linux informieren” wollen, nimmt hingegen ab. Das gilt ebenfalls für die zahlreichen Teilnehmer aus der Wirtschaft. Viele Linux-Firmen bewerteten den Business-Kongress in diesem Jahr als einen der wichtigsten Motoren für neue Abschlüsse.

Interna aus erster Hand

Wie im vergangenen Jahr verteilte sich der Linuxtag auf zwei Standorte: In der Gartenhalle zeigten Firmen und freie Projekte ihre neusten Entwicklungen; gegenüber in der Kongresshalle liefen in meist vier parallelen Tracks anspruchsvolle Vorträge sowie Produktpräsentationen nebeneinander.

Dort erläuterte Filesystem-Entwickler Hans Reiser beispielsweise die neuen Konzepte der vierten Generation des nach ihm benannten Dateisystems. Zu den Kernfeatures gehört ein so genannter Repacker, der über einen Scheduler gestartet wird und regelmäßig aufgrund einer semantischen Analyse und nach statistischen Daten über Dateizugriffe das Dateisystem effizienter organisiert.

Christoph Hellwig, Kernel-Developer und Entwickler bei SGI, gab einen Überblick über die Features des aktuellen Developer-Kernels und erinnerte in seinem Vortrag an die vielen Hürden, die es auf dem Weg bis zum heutigen Entwicklungsstand zu nehmen galt. Am Beispiel der IDE-Schicht zeigte er, wie wichtig zwischenmenschliche Probleme für die Entwicklung sein können.

Interna aus dem Debian-Projekt vermittelte Martin Michlmayr, frisch gewählter Debian Project Leader, bei seinem ersten großen Auftritt in Deutschland. Vor mehreren hundert Menschen erzählte Michlmayr im überfüllten Saal, wie das Projekt arbeitet, und ging auf mögliche Veränderungen ein.

Memory Debugging

Ein Leckerbissen für die Entwickler war beispielsweise Kalle Dahlheimers Vortrag über Valgrind, ein Tool zum Memory Debugging und zur Performance-Analyse, ebenso zahlreiche andere Entwickler-Vorträge. Mit Themen wie Intrusion Detection in drahtlosen Netzen, Paketfilterung, Virenabwehr oder IPSec und Net Traversal kamen auch Security-Experten auf ihre Kosten, auch wenn der Hype um dieses Thema wohl langsam abflaut.

Georg Greve war mit “Wir wählen die Freiheit” im Namen von GNU unterwegs und bewies gewohnte Entertainer-Qualitäten. Maddog Hall zeigte in seiner Keynote unter dem Titel “Why they still don’t understand”, dass nicht nur zwischen Arm und Reich, sondern auch zwischen Managern und Hackern immer noch ein digitaler Graben klafft.

Wie in den vergangenen Jahren war die Messe des Linuxtags ein Gradmesser für den Zustand von Open Source in Deutschland. Mit 111 Firmenausstellern ist die Bilanz gut, obwohl ein sehr hoher Anteil nur als Unteraussteller auftrat. Wer glaubt, dass es sich dabei im kleine Klitschen handelte, irrt sich. So waren beim HP-Stand unter anderem Oracle und BEA vertreten, Fujitsu-Siemens bei SAP, selbst IBM hielt einen eigenen Stand nicht für erforderlich und war nur mit einem Demo-Point vertreten.

Die aufwändigste Messepräsentation kam vom Konkurrenten Hewlett-Packard. Dessen deutscher Linux-Chef, Alfred Steinecker-Nehls, zeigte sich hoch zufrieden mit dem Verlauf der Veranstaltung. Sein Kommentar: “Der Anteil an Fachbesuchern übertraf unsere Erwartungen. Überraschend war das Interesse an Client-basierten Groupware-Lösungen”.

Abbildung 2: Pater Zaby (links) und Pater Weinzierl suchten auf dem Linuxtag Anschluss ans Irdische.

Abbildung 2: Pater Zaby (links) und Pater Weinzierl suchten auf dem Linuxtag Anschluss ans Irdische.

Hacking Contest

Ein Novum war der Hacking Contest, bei dem rund 20 junge Programmierer bis kurz vor fünf schwitzten. HP, Intel, SuSE und der Linuxtag selbst hatten den Wettbewerb gemeinsam ausgerichtet. Als Preis winkte täglich ein HP-Notebook. Der wollte aber ganz schön hart verdient sein. Als eine der schwierigsten Aufgaben erwies sich die Code-Optimierung für eine C++-Routine auf einer Dual-Itanium-Maschine, die in ihrem Ausgangszustand lediglich ein Prozent der Leistung bei einer Matrizenrechnung ausnutzte.

Frank Haverkamp aus Tübingen und Jörn Engel, der derzeit als Student im IBM- Standort in Böblingen arbeitet, präsentierten am Ende die schnellste Lösung. Sie erreichten mit einigen Optimierungen, aber vor allem über die Optionen des neuen Intel-Compilers eine Lösung, die mit wenig Aufwand sehr dicht an die Musterlösung heranreichte.

Michael Halbwirth von Intel und Alfred Steinecker-Nehls waren insgesamt von der Kreativität der Teams begeistert: “Wir sind immer wieder überrascht, mit welcher Kompetenz und welcher Kreativität die Teams an die Aufgaben herangehen.”

Gute Kontakte

Für die Aussteller erwies sich der Freitag als der erfolgreichste Tag der viertägigen Messe. Bei Bitbone beispielsweise häufen sich derzeit die Anfragen von Kunden, die nach einer Alternative zu RAV Antivirus suchen. Der Grund: Microsoft hatte RAV erst vor wenigen Wochen gekauft und beschlossen, die Linux-Produktreihe nicht weiterzuentwickeln.

Insgesamt sehen die meisten Unternehmen die Zukunft verhalten optimistisch. Die Umstellung in München auf freie Lösungen bewertet der ERP-Anbieter Abas positiv: Hier werde der Markt für echte Konkurrenz geöffnet. Ob ERP-Platzhirsch SAP das genauso sieht, muss dahingestellt bleiben, immerhin sehen die Walldorfer Linux schon geraume Zeit als strategische Plattform und nehmen zunehmend den Linux-Client ernst.

Abbildung 3: Accessability und neue Features demonstrierten die Mitglieder des Gnome-Projekts.

Abbildung 3: Accessability und neue Features demonstrierten die Mitglieder des Gnome-Projekts.

XBox-Hack

Die XBox-Hacker sahen ebenfalls positiv in die Zukunft. Allerdings fiebern sie eher der neuen Release der Microsoft-Spielekonsole entgegen. Während der Messe modifizierte die Gruppe aus Österreich und Deutschland rund zwanzig Boxen. Ed, der Entwickler des modifizierten Bios für die XBox, erklärt sich die Motivation so: “Die Box wird zum Kultobjekt. Außerdem stellen sich viele Leute die Hardware als Media-PC ins Wohnzimmer. Das Design passt gut zu aktuellen Hi-Fi-Anlagen.”

Auch andere der insgesamt 30 anwesenden freien Projekte konnten sich nicht über mangelndes Interesse beklagen, etwa das GnuPG-Projekt, das den ersten Prototyp einer Smartcard vorstellte, die GnuPG-Schlüssel erzeugen kann. Für Entwickler und Anwender war die Messe ein großes Familientreffen mit vielen alten und einigen neuen Gesichtern. Viele Firmen verzeichneten in diesem Jahr bessere Kontakte.

Auch die Politik schien zufrieden. Rezzo Schlauch, der als Parlamentarischer Staatssekretär im Wirtschaftsministerium den Kongress eröffnete, weckte Hoffnungen: “Die Förderung von Open-Source-Softwarelösungen bleibt in Zukunft Handlungsgrundlage der Bundesregierung.” Und er fügte etwas informeller hinzu: “Mein grünes Herz schlägt für Linux.”

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