Aus Linux-Magazin 10/2006

15 Jahre Linux: Mehr Grund zum Blick auf das Heute

Mit zehn ein properer Bube, dem die ganze IT-Welt zu Füßen zu liegen schien, mehren sich pünktlich zu Linux' 15. Wiegenfest Zweifel an der Entwicklung des gereiften Knaben. Lizenzprobleme mit Treibern und ein lahmes Endkundengeschäft halten die Eltern in Atem. Die Nachbarskinder sind aber keine Gefahr.

Just der Microsoft-Chef Steve Ballmer sorgte im Juni 2001 für den gelungenen Auftakt zu den Feierlichkeiten anlässlich von Linux\’ 10. Geburtstag. Ballmer stufte nämlich Linux als Windows\’ größte Bedrohung ein. Das konnte nicht weiter verwundern, denn Konzerne wie SAP und IBM hatten das freie Betriebssystem zuvor für sich entdeckt und portierten fleißig ihre Anwendungen.

Zu den Geburtstagpartys des feschen Kinderstars im August 2001 gab es dann genug zu feiern. Die schon etwas schlaffe Dotcom-Blase lieferte reichlich Geld aus den Börsengängen und Venture-Capital-Spritzen, während Linus Torvalds unangefochten über Community und Kernel regierte. Linux – alles super. Jetzt im August 2006, zum 15. Geburtstag, hat sich die Gemeinschaft verändert, die Firmenlandschaft sowieso und mit ihr das pubertierende Linux. So mancher verweist auf hässliche Pickel im einst so makellosen Tux-Antlitz, einzelne glauben gar Fehlentwicklungen auszumachen.

Die Treiber-Frage

Ein Hinweis auf Wachstumsschmerzen zeigte sich gerade auf dem Linux-Symposium in Ottawa. Kernelprogrammierer und Treiberspezialist Greg Kroah-Hartman lobte in seiner Eröffnungsrede [1] zwar, dass Linux aus dem Stand mehr Hardware unterstützt als Windows: Bei Technologien wie USB 2.0, Bluetooth, PCI- und CPU- und Speicher-Hotplug sieht er Linux als Vorreiter.

Doch gerade bei den Treibern prallen die freie Linux- und die proprietäre Hardware-Entwicklung aufeinander. Zu wenige Gerätehersteller arbeiten wie Intel freiwillig mit, einige andere nur nach offensiver Lobbyarbeit. (Für seine Hartnäckigkeit gegenüber Herstellern hat Theo de Raadt vom OpenBSD-Projekt 2005 zu Recht den Free Software Award erhalten.) Die Mehrheit schert sich wenig um Linux-Treiber – für sie eine Frage der Marktbedeutung, im Endeffekt aber ein Teufelskreis. Auch Kroah-Hartman gibt das indirekt zu, wenn er ein Driver Development Kit [2] erstellt (Abbildung 1), um die Treiber-Entwicklung zu fördern.

Abbildung 1: Massenweise Dokumentation: Mit diesem Driver Development Kit (DDK) möchte Greg Kroah-Hartman die Entwicklung von Linux-Treibern fördern.

Abbildung 1: Massenweise Dokumentation: Mit diesem Driver Development Kit (DDK) möchte Greg Kroah-Hartman die Entwicklung von Linux-Treibern fördern.

Umstrittene Module

Was die Gemeinde vor fünf Jahren noch feierte, nämlich dass Hardwarehersteller dem Linux-Markt Beachtung schenkten und ihre Kundschaft mit Treibern belieferten, verkehrt sich im Jahr 2006 zum überwunden geglaubten Problem. Grund ist paradoxerweise die Lizenzierung: Je nach Auslegung der GPL ist auch das Laden eines Nicht-GPL-Moduls in den Kernel ein Lizenzbruch.

Kernelentwickler wie Kroah-Hartman nehmen das ernst. Der für den hiesigen Hardwaremarkt spektakulärste Fall: Greg sperrte die kommerziellen USB-Treiber von AVM aus dem USB-Subsystem aus. Der in Deutschland bei ISDN- und DSL-Modems führende Hersteller war daraufhin deutlich verschnupft und drohte seinerseits, die Herstellung von Linux-Treibern einzustellen.

Novell schlug sich auf die Seite der Kernelentwickler und verkündete Anfang 2006 vollmundig, fortan proprietäre Treiber aus dem Kernel seiner Distributionen zu verbannen [3]. Das erwies sich als voreilig: Zunächst fehlte dem Konzern ein Konzept zur Versorgung seiner Kunden mit alternativen Treibern, da nicht für alle Geräte GPL-Treiber existieren. Schließlich holte Novell mit dem “Partner Linux Driver Process” führende Hardwarehersteller samt ihren proprietären Treiber doch zurück ins Boot und half ihnen beim Erstellen der Pakete.

Leere Regale

Ein weiteres Problem hat seinen Schauplatz nicht in den Innereien des Kernels, sondern im Elektronikmarkt um die Ecke. Dort finden Käufer – trotz allem Orakeln der letzten Jahre über Linux auf dem Desktop – noch immer keine PCs mit vorinstalliertem Linux. Die Versuche der Hersteller, einen fertigen Linux-Rechner auf den Markt zu bringen, sind so selten, dass sich Nachrichten darüber noch im Jahr 20006 wie ein Lauffeuer unter Linux-Anhängern verbreiten. Neuestes Exempel dafür ist Lenovo. Der chinesische Hersteller, der die PC-Sparte von IBM gekauft hat, machte Schlagzeilen mit einem Notebook, das Suse Linux vorinstalliert hat [4].

Aber zugleich schränkte die Meldung ein: Nur auf Nachfrage und nur für Geschäftskunden. Der Privatnutzer, der das Notebook bestellt, bekommt eine leere Festplatte sowie eine DOS-Lizenz ins Haus, um die Installation des Betriebssystems hat er sich selbst zu kümmern. Direktversender Dell sorgte anfänglich mit einem vergleichbaren Angebot für Aufmerksamkeit, das es in französischen Dell-Shops zu kaufen geben sollte. Kooperationspartner war der Distributionshersteller Mandriva. Die Hiobsbotschaft für alle Normalfranzosen war: Nur für Studenten!

Liegt\’s an der Software? Eben erst beim Erscheinen von Suse Linux Enterprise Desktop 10 (SLED) verstärkt Novell den seit Jahren anschwellenden Tux-Gesang nochmals, Linux sei nun bereit für den breiten Einsatz auf dem Desktop. Dabei scheinen die großen Linux-Distributionen wie Red Hat und Suse ihr Interesse am Desktop-Kunden eher zu verlieren. Vor zwölf Jahren, 1994, hatte Red Hat seine erste Distribution veröffentlicht. Heute verkaufen die Amerikaner keine Boxen mehr an Endanwender und haben wie inzwischen auch Novell ihre Consumer-Ausgabe zum Testfeld für die Enterprise-Produkte degradiert.

Doch bereit für den Desktop

Ernster mit dem Desktop für die Massen scheint es Ubuntu-Gründer Mark Shuttleworth zu sein. Der vermögende und fotogene Hobby-Raumfahrer wählte einen anderen Weg: Mit geschicktem Marketing, einer soliden technischen Basis aus dem Community-Projekt Debian, sozialem Touch und offener Brieftasche gelang es ihm gar, eine unbekannte Linux-Distribution in die große Publikumspresse zu bringen – und damit auf die PCs vieler Computerbenutzer. Bravo! Solche Erfolgsgeschichten schärfen bei allem Katzenjammer den Blick für die Realität: Die Zeichen für die Landung auf Desktops stehen nämlich nicht schlecht. Einer der Gründe: Auguren schätzen, dass sich die neue Version von Windows bis Mitte des Jahres 2007 verzögert.

Wer zu spät kommt: Vista als Chance

Kevin Johnson, Microsofts Co-Präsident und Chef der Platforms & Services Division, orakelte unlängst vor Analysten in puncto Termin: “Wir liefern Vista aus, wenn es fertig ist.” Lustig: Linuxer kennen derartige Sprüche aus früheren Jahren hauptsächlich vom notorisch verspäteten Debian-Projekt. Während das von der Endkunden-PC-Industrie so heiß ersehnte Windows Vista jetzt wie Godot Verspätung schiebt, können viele Linux-Anwender seit neuestem an jedem Release-Termin ihre Kalender eichen.

Einen mit Ubuntu vorinstallierten Rechner hat das Linux-Magazin dennoch auf keiner Verkaufsfläche eines Discounters oder Elektromarkts gesichtet.

Erfolge satt: Da hilft nur noch Glück wünschen

2001 herrschte Optimismus, zum 15-Jährigen gibt es einiges, was nachdenklich stimmt. Das Geburtstagskind Linux und seine Freunde lassen sich die Feier aber nicht verderben: Das Linux-Apache-Duo dominiert laut Statistiken von Netcraft [5] die Webserver-Landschaft. Die kommerziellen Server-Unixe schnappen wegen Linux nach Luft. Die Entscheidungen von Großstädten wie München [6] und Wien für Linux auf dem Desktop beweisen, dass Erfolg machbar ist.

Selbst in der Supermarktkasse, dem MP3-Player und im Mobiltelefon arbeitet Linux. Wenn sich die Community und die Industrie der verbleibenden Probleme bewusst sind und sie ernsthaft angehen, kann Linux seine Erfolgsgeschichte als Erwachsener auch in den nächsten 15 Jahren fortsetzen. (jk)

Infos

[1] Greg Kroah-Hartman, “Myths, Lies, and Truths about the Linux Kernel”:[http://www.kroah.com/log/linux/ols_2006_keynote.html]

[2] Driver Development Kit: [http://www.kernel.org/pub/linux/kernel/people/gregkh/ddk/]

[3] Andreas Jäger, “Suse Linux 10.1 Update”: [http://lists.opensuse.org/archive/opensuse-announce/2006-Feb/msg00003.html]

[4] Lenovo-Mitteilung: [http://www.lenovo.com/news/us/en/2006/08/t60p.html]

[5] Netcraft: [http://www.netcraft.com]

[6] Linux bei der Stadt München: [http://www.muenchen.de/limux]

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