Debian ist frei und seine Entwickler sind Kosmopoliten. Das Linux-Magazin berichtet regelmäßig Interna aus der Debian-Entwicklerszene und angrenzenden Projekten.
Es hat wieder gekracht bei Debian – dieses Mal wackelt der Stuhl von Debian Project Leader Anthony Towns. Den Anlass lieferte das Dunc-Tank-Projekt (Development Under Numismatic Control), für das sich Towns stark macht. Ziel des Projekts [1] ist eine pünktliche Veröffentlichung von Debian 4.0. Dafür sammelt Dunc Spenden, um die Release-Manager Steve Langasek und Andreas Barth in den Monaten Oktober und November zu bezahlen, damit sie sich ganz auf Etch konzentrieren können. Problematisch an der von Towns dafür vorgeschlagenen Vorgehensweise ist, dass Debian sich als Projekt auf freiwilliger Basis versteht (Abbildung 1).
Wackelnder Stuhl
Als Towns den Plan, die Release-Manager zu entlohnen, auf der Entwickler-Mailingliste unterbreitete, äußerten viele Bedenken. Kurzerhand lagerte er die Sache auf das externe Dunc-Projekt aus und hielt sie für erledigt. Dunc-Tank ist kein offizieller Teil von Debian und als solcher unabhängig.
Mit dem massiven Widerstand einiger Projektmitglieder hat Towns nicht gerechnet. Er versuche das bedenkliche Projekt hinterrücks durchzusetzen, warf diese Opposition ihm vor. Paket-Maintainer Denis Barbier fordert, Towns mittels Projektabstimmung [2] als Project Leader abzusetzen.
Umgehend formierten sich die Unterstützer von Towns, sie können sich aber nicht auf einen gemeinsamen Gegenvorschlag einigen – nun gibt es also zwei davon. Der eine bestätigt Towns und wertet den Dunc-Vorstoß positiv. Der andere bestätigt den Leiter, distanziert sich aber vom Dunc-Projekt. Das Resultat lag bis zum Magazin-Redaktionsschluss noch nicht vor, ist nach Ende der Stimmabgabe aber auf der Debian-Abstimmungsseite [3] einzusehen.
Abwanderung
Dass einige engagierte Entwickler Debian in den letzten Monaten verlassen haben, ist auffällig. Matthew Garrett, der sich 2005 noch als Projektleiter beworben hatte, ist ein prominentes Beispiel. Debian sei orientierungslos, beklagt Garrett und nannte ewige Diskussionen über immer gleiche Themen als Gründe für sein Ausscheiden.
Ein Gros dieser Diskussionen wirkt für Außenstehende absurd. Wenige dürften Verständnis dafür haben, dass Debian angefangen hat, unter GFDL-Lizenz stehende Dokumentation zu entfernen – und damit einen großen Teil der insgesamt vorhandenen Dokumentation.
Mit näher rückender Etch-Release kocht noch ein Dauerbrenner hoch: Soll Etch mit Treibern im Kernel ausgeliefert werden, für die keine Quellen vorliegen? Auch dieser Frage widmen sich zwei Abstimmungen. Die Befürworter fürchten, dass Benutzer es kaum akzeptieren werden, wenn die Installation von Debian vielfach misslingt, weil Treiber fehlen, die auf binärer Firmware basieren.
Zukunftsängste
Garrett hat seinen Austritt öffentlich verkündet. Andere Debianer sind stillschweigend zu Ubuntu oder anderen Projekten abgewandert. Dass Ubuntu praktisch aus dem Nichts zum beliebtesten Debian-Derivat avancierte, ist nicht verwunderlich. Das Erfolgsrezept der Distribution ist einfach: Man nehme die ordentliche Codebasis von Debian und überlasse sie einer Entwicklergruppe mit fester Hierarchie.
Die Meinung vieler: Gelingt es Debian nicht, Etch und dessen Nachfolger in absehbarer Zeit und in ordentlicher Qualität – mit Dokumentation und Kernel-Firmware – zu veröffentlichen, dürften sich die genannten Probleme zusammen mit dem Projekt selbst bald in Luft aufgelöst haben. (uba)
| Infos |
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| [1] Dunc-Tank-Projekt: [http://www.dunc-tank.org/about.html]
[2] Vorschlag von Denis Barbier:[http://lists.debian.org/debian-vote/2006/09/msg00267.html] [3] Debian-Wahl-Seite: [http://vote.debian.org] |
| Der Autor |
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| Martin Loschwitz ist Debian-GNU/Linux-Entwickler und wartet zur Zeit auf den Beginn seines Studiums. Neben Pinguinen mag er auch Äpfel. |






