Aus Linux-Magazin 02/2026

Editorial 02/26

© Computec Media GmbH

Europa will und muss auch in Sachen KI souveräner werden und plant ein eigenes LLM zu entwickeln. An die amerikanische Konkurrenz wird es aber nicht heranreichen.

Man kann sich kaum vorstellen, was es bedeutet, wenn keine amerikanische Firma mit einem mehr Geschäfte machen darf: Man könnte seinen Rechner mit Microsoft-Betriebssystem nicht mehr updaten, die Visa-Karte funktionierte nicht mehr, PayPal auch nicht, man könnte auf Amazon nichts mehr bestellen und keine Unterkunft via Airbnb buchen, Dienste wie WhatsApp, Facebook, Instagram sperrten einem den Account und so weiter. Für einige Richter und Mitarbeiter des Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag ist das bereits Realität. Donald Trump hat sie mit diesen Sanktionen belegt, nur weil ihm nicht passte, dass sie gegen den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen im Gaza-Streifen einen Haftbefehl erließen.

Was wenn ein verärgerter Trump solche Sanktionen – und sei es auch nur als Drohung – gegen einen Staat richten würde? Wo wäre Deutschland zum Beispiel ohne die amerikanischen Cloudanbieter, ohne Microsoft, Google, Amazon, oder ohne amerikanische KI-Firmen wie OpenAI? Warum die vielbeschworene digitale Souveränität eine gute und notwendige Sache ist, ist also keine Frage.

Gleichzeitig sind wir noch weit von ihr entfernt. Immerhin gibt es Schritte auf dieses Ziel hin. Dazu zählte kürzlich etwa die Gründung von SOOFI (Sovereign Open Source Foundational Models for European Intelligence), einer Initiative unter deren Führung Wissenschaftler aus sechs führenden deutschen Forschungseinrichtungen zusammenarbeiten, um souveräne europäische Alternativen zu KI-Technologien aus den USA und China zu entwickeln. Konkret soll ein europäisches LLM gebaut werden, das – sieht man einmal vom französischen Mistral ab – momentan genauso fehlt wie ein europäisches Reasoning-Modell. Die Hardware dafür soll in der Industrial AI Cloud der Deutschen Telekom beheimatet sein, die die KI-Recheninfrastruktur für das Training bereitgestellt.

SOOFI wird vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie bis Ende Juli 2026 mit einer Summe von 20 Millionen Euro gefördert. Das ist einerseits viel Geld, was sich andererseits aber schnell relativiert, wenn man dagegenhält, dass alleine OpenAI in den nächsten vier Jahren über 115 Milliarden Dollar investieren will, das ist fast das 6000-fache.

Die Frage ist auch, wie weit man damit kommt. Das neu zu entwickelnde LLM soll 100 Milliarden Parameter haben, die derzeit größten Modelle operieren aber mit ein bis zwei Billionen Parametern. Sicher ist die Anzahl an Parameter nicht alles, aber wenn man für die Zukunft etwas anstrebt, was um Größenordnungen kleiner ist als das, was es heute schon gibt, wird man sehen müssen, wie nützlich das sein kann.

Nichtsdestotrotz ist SOOFI ein Schritt hin zu einem eigenen KI-Sprachmodell, das sich frei nutzen lässt, das europäischen Werten sowie Vorgaben wie dem EU AI Act entspricht und das einen Teil der Wertschöpfung nicht mehr nur Amerikanern überlässt. Die Initiative reiht sich ein in die Anstrengungen zum Bau von europäischen Gigafactories oder dem AI Continent Action Plan, der den EU AI Act mit Investitions- und Innovationsprogrammen flankiert. Das alles ist viel besser als nichts, lässt aber gleichwohl die Frage offen, warum es nicht gelingt, mit der Kraft eines vereinten Europa eine wirklich gleichwertige Alternative zu US-Produkten zu schaffen?

Jens-Christoph Brendel

Stellv. Chefredakteur

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