Bayern rühmt sich gern, ein Freistaat zu sein und steht im Verdacht, häufig lieber sein eigenes Ding zu machen als mit nördlichen Bundesländern zu kooperieren. Drei Beispiele zeigen, wie es auch anders gehen kann.
“Die verstärkte Entwicklung und Förderung von Open-Source-Lösungen eröffnet die Möglichkeit, Abhängigkeiten beim Einsatz von Software abzubauen und Lock-in-Effekte von einzelnen Anbietern zu vermeiden. Bei öffentlichen Ausschreibungen werden wir daher gezielt auch Open-Source-Lösungen fordern und fördern.” Was wie eine Verlautbarung der Open Source Business Alliance (OSBA) klingt, stammt – man glaubt es kaum – von der bayerischen Staatsregierung. Die lässt weiter wissen: “Aus dem gleichen Grund engagiert sich der Freistaat gemeinsam mit Bund und Ländern aktiv, damit im Rahmen einer gemeinsamen Entwicklung ein souveräner Arbeitsplatz als Alternativangebot zu gängigen Office-Lösungen geschaffen wird.”
Diese ungewohnt partizipativ-kooperativ klingenden Sätze stammen aus dem 2022 veröffentlichten und vielfach kritisch [1] hinterfragten “Digitalplan Bayern” [2]. Laptop und Lederhosen, die Cloud ist weiß-blau. Da passt der aktuelle Digitalminister gut ins Bild: Dr. Fabian Mehring hat München zum “Talent Valley” [3] und “Silicon Valley” der EU ausgerufen. Er forderte jüngst, die deutsche Verwaltung solle mit einer “Push-Government”-Initiative besser werden als Siri.
Aus dem Gesetz über die Digitalisierung im Freistaat Bayern (Bayerisches Digitalgesetz, BayDiG) entsprang eine neue Anstalt des öffentlichen Rechts. Die BayKommun [4] verspricht “Digital Natives – für eure Kommune” und soll dem bisweilen angestaubt wirkenden öffentlichen Sektor neues, dynamisches, agiles Leben einhauchen. Die AöR in der gemeinsamen Trägerschaft des Freistaats Bayern und der bayerischen Kommunen ist in Art. 52 BayDiG verankert. Sie soll sich um “das Ausrollen von EfA-Leistungen, Entwicklung und Umsetzung von innovativen Lösungsansätzen, unterstützende Beratung für Kommunen (ebenfalls EfA), Rechtssicheren [Daten-]Transport (EfA) aus anderen Ländern, die Koordinierung der Bereitstellung von digitalen Verwaltungsdienstleistungen” und mehr kümmern.
Das viel diskutierte EfA-Prinzip steht für “Einer für Alle” [5] und ist Teil des Onlinezugangsgesetzes (OZG). Es beschreibt die Nachnutzung von eigens entwickelter oder beschaffter Software im öffentlichen Raum. Dabei spielt freie Software eine wichtige Rolle, erklärt der stellvertretende Geschäftsführer Felix Appel: “Open Source steht für digitale Souveränität, Sicherheit und effizienten Einsatz von Steuergeldern. Es ermöglicht uns, flexible Lösungen zu entwickeln, offene Standards zu nutzen und gemeinsam Innovationen voranzutreiben – transparent, nachhaltig und maßgeschneidert für die Bedürfnisse der Kommunen.”
Die BayKommun stellt folglich Dienste wie den Digitalmarkt zur Verfügung, der bayerischen Kommunen zukünftig ermöglichen soll, notwendige Basis- und Onlinedienste für die Umsetzung des OZG zur rechtssicheren Nachnutzung zu erwerben. Zusätzlich können sie über den Digitalmarkt weitere Produkte wie Softwarelizenzen und Verwaltungsdienste bestellen. Das Alleinstellungsmerkmal: Eine rechtssichere “Nachnutzung” der Onlinedienste ist ausschließlich über den Digitalmarkt möglich.
Die derzeit beliebtesten Dienste sind das Breitbandportal, die elektronische Wohnanmeldung und der Reisepass. Außerdem arbeitet die BayKommun an der Community BayKoNet für die bayerischen Kommunen, einem Bayerischen Kommunal-Netzwerk [6]. Hinzu kommt die Überführung seitens der Kommunen vorzugsweise als Open Source entwickelter Tools. Darunter findet sich unter anderem Rent-a-Bauhof [7], eine Art Online-Shop für bei Bauhöfen verfügbare Maschinen (Abbildung 1) aus dem oberpfälzischen Luhe-Wildenau.

Abbildung 1: Aus der Oberpfalz stammt Rent-a-Bauhof, ein Online-Shop mit Billing, Terminkalender und mehr. Er soll es Kommunen erleichtern, mit Nachbargemeinden Maschinen zu teilen, und wird sehr wahrscheinlich Open Source.
Bayern ist bekannt für seine kommunale Selbstverwaltung [8], die dort ausgeprägter scheint als in anderen Bundesländern. Norddeutsche bezeichnen die Freiheiten einer gewöhnlichen bayerischen Kommune gelegentlich als Anarchie, Bajuwaren sprechen von der Liberalitas Bavariae. Unter vielen anderen Gesichtspunkten bedeutet die Selbstverwaltung, dass Gemeinden frei darin sind, wie sie ihre Aufgaben erfüllen. Damit fällt es in Bayern schwerer, Software “von oben” vorzuschreiben, denn die Kommune hat das letzte Wort.
Städte können also theoretisch selbst über Open-Source-Strategien entscheiden. Treuchtlingen beispielsweise verfolgt eine solche bereits seit Jahrzehnten. Nicht nur betreiben die Mittelfranken seit über 20 Jahren einen eigenen Linux-Desktop samt Backend und zentral gemanagtem Homeoffice, sie haben sich auch per Stadtratsbeschluss unter dem Titel “Achtsam Digital” eine Digitalisierungsstrategie gegeben [9]. Die hat mittlerweile für zahlreiche Kommunen Vorbildcharakter entwickelt.
Rancher in Bayern
Wer in Bayern im öffentlichen Dienst mit IT zu tun hat, kennt die Anstalt für Kommunale Datenverarbeitung in Bayern [10]. Seit über 50 Jahren unterhält die AKDB Rechenzentren und stellt Software für die Kommunen zur Verfügung. Sie betreibt die Datacenter, programmiert und vermittelt Software für Fachanwendungen und vieles mehr. Mit über 1000 Mitarbeitern und knapp 200 Millionen Euro Jahresumsatz steht die altehrwürdige AöR zwar kaum im Verdacht, besonders agil oder schnell zu sein, doch auch dort hat man die Zeichen der Zeit erkannt und Open Source weit oben auf der Agenda platziert.
Als ersten Testballon landeten Frameworks und Backends von Autista, der Standesamtsfachanwendung der AKDB, in Open CoDE. Im Jahr 2021 trat man der Open Source Business Alliance (OSBA [11]) bei. Im Folgejahr veröffentlichte die AKDB ein Whitepaper zu Open Source in der öffentlichen Verwaltung [12]. Seit 2024 gibt es eine brandneue Kooperation [13] mit Suse, in deren Rahmen man Rancher und Kubernetes in die Rechenzentren der bayerischen Verwaltung bringen will.
Besonders stolz ist man bei der AKDB auf die Standardisierungen, beispielsweise bei den EfA-Diensten, die man auf Open CoDE beim ZenDiS hinterlegt habe: XFahrschule, XFahrerlaubnis, XWasser, XeWaffe, XFahrtenschreiber – alle auf Gitlab [14] veröffentlicht. Und dann ist da noch FRED [15]: Das Framework for E-Government Deployment soll beim Rollout und Management, der Analyse und dem Nutzer-Feedback von Onlinediensten unterstützen. “Wir haben bereits mehr als 5,2 Millionen Nutzungen, eine Viertelmillion Feedbacks und eine Nutzerbewertung von 4,7 von 5 möglichen Sternen [im AKDB-Store]”, erzählt Markus Keller, Vorstandsmitglied und Leiter des Berliner Büros der AKDB.
Linux in München
Ein Artikel über Open Source in Bayern wäre unvollständig ohne einen Blick auf die Landeshauptstadt München (LHM). Einst mit dem LiMUX-Projekt als Linux-Leuchtturm und Vorreiter weltweit bekannt geworden, hatte München immer wieder Höhen und Tiefen zu vermelden. Doch die Open-Source-Strategie steht, LiMUX-Desktop hin oder her. Da mischt übrigens erneut die AKDB mit, und das zum Nutzen nicht nur der bayerischen Steuerzahler: Auf Open CoDE findet sich das mit der LHM zusammen entwickelte Bayern-ID-Plugin [16] für den Authentifizierungsservice Keycloak. Daneben liegt es auch auf Github [17] und im Softwareverzeichnis für Open Source der Stadt München [18].
“Nutzen, verbessern, veröffentlichen”, lauten die drei Schlagworte, nach denen sich die Open-Source-Strategie der Münchner ausrichtet. “Ohne den Einsatz freier Software ist eine zeitgemäße Softwareentwicklung nicht mehr vorstellbar. Man findet freie Software in nahezu allen modernen Softwareprodukten. Die Bedeutung und der Einfluss der freien Software auf die Softwareentwicklung sind somit unverzichtbar und unumstritten.” Klarer geht es kaum.
Und das Bekenntnis auf der Webseite [19] geht weiter: “Wenn wirtschaftlich und technologisch oder strategisch sinnvoll, setzt die LHM priorisiert Open-Source-Lösungen ein, um insbesondere Firmenabhängigkeiten zu vermeiden. Die LHM verfolgt diesen Ansatz sowohl im Anwendungs- als auch im Infrastruktur-Bereich.” So ein klares und deutliches, in europäischen Partnerländern nicht unübliches Commitment würde man sich für ganz Deutschland wünschen.
Die Schlagworte erinnern stark an die vier Freiheiten von freier Software. Überhaupt scheint die Webseite die Four Freedoms stellenweise fast wörtlich wiederzugeben. Sogar fürs bedingungslose Veröffentlichen in Open Source habe man den Rückhalt der Politik: “Der entwickelte Quellcode wird öffentlich zugänglich gemacht und unter eine freizügige Open-Source-Lizenz (zum Beispiel EUPL, MIT) gestellt”, zitieren die Münchner aus einem Stadtratsbeschluss.
Viele Hersteller nutzen die Softwareliste der Münchner mittlerweile als Leistungsnachweis. Im Land der Bayern gibt es außerdem zahlreiche weitere, auch große OSS-Projekte: Owncloud beispielsweise versorgt 5 Millionen Schüler und Lehrer mit seiner Go-basierten OCIS-Cloud, Tausende Kommunen setzen die BayernBox desselben Anbieters ein.
Fazit: Aber …
Angesichts so vieler positiver Entwicklungen und des tiefen Verständnisses, das die mittleren und unteren Ebenen der Verwaltungsdigitalisierung an den Tag legen, fragt sich der Beobachter, wie es ins Bild passt, dass Bayern gleichzeitig noch die alte Strategie der proprietären Lizenzen mit Milliardenüberweisungen ins Nicht-EU-Ausland pflegt. Ein Aufschrei ging durch den Freistaat, als bekannt wurde, dass man sowohl Office 365 und Teams als auch die Microsoft Cloud für alle Behörden gekauft habe – auch noch inklusive Copilot. Aber derlei Gespaltenheit gehört vermutlich zur typisch bayerischen Lebensart wie der politische Aschermittwoch und derbe Sprüche. (csi)
Infos
- “Open-Source-Desktop für Behörden: Bayern dabei, Zieldatum 2023, Budget fraglich”: https://www.heise.de/news/Open-Source-Desktop-fuer-Behoerden-Bayern-dabei-Zieldatum-2023-Budget-fraglich-6670727.html
- Digitalplan Bayern: https://digitalplan.bayern/bayern/de/flexPrjList/57903/project/200
- “Talent Valley”: https://www.stmd.bayern.de/mehring-wer-silicon-valley-werden-will-muss-talent-valley-sein-digitalminister-uebernimmt-schirmherrschaft-fuer-neue-initiative-zur-foerderung-von-it-nachwuchs/
- BayKommun: https://www.baykommun.bayern/
- EfA: https://www.digitale-verwaltung.de/Webs/DV/DE/onlinezugangsgesetz/efa/efa-node.html
- BayKoNet: https://www.baykommun.bayern/baykonet.html
- Rent-a-Bauhof: https://rentabauhof.de/
- Kommunale Selbstverwaltung in Bayern: https://www.stmi.bayern.de/kub/komselbstverwaltung/index.php
- Digitalisierungsstrategie Treuchtlingen: http://digitalisierung.treuchtlingen.de
- AKDB: https://www.akdb.de
- AKDB tritt OSBA bei: https://www.akdb.de/newsroom/pressemitteilungen/akdb-tritt-der-open-source-business-alliance-bei/
- Whitepaper Open Source in der Verwaltung: https://www.akdb.de/newsroom/whitepaper/whitepaper-open-source-in-der-oeffentlichen-verwaltung/
- Suse und die AKDB: https://www.suse.com/success/akdb/
- AKDB-Dienste auf Open CoDE: https://gitlab.opencode.de/akdb/xoev/
- FRED: http://www.fred4.de
- Bayern-ID-Plugin auf Open CoDE: https://software.opencode.de/project/27
- Bayern-ID-Plugin auf Github: https://github.com/it-at-m/BayernID-Plugin
- Bayern-ID-Plugin in München: https://opensource.muenchen.de/de/software/bayernid-plugin.html
- Open Source Software im Einsatz in München: https://opensource.muenchen.de






