Im Jahr 2009 soll es den proprietären Unix-Varianten endgültig an den Kragen gehen. Das ist zumindest der Tenor, wenn man sich dieser Tage mit Mitarbeitern der Enterprise-Linux-Hersteller unterhält. "Schon jetzt ist Linux Mainstream, aber noch gilt: Für besonders große oder besonders kritische Anwendungen setzt man proprietäres Unix ein", meint beispielsweise Daniel Riek, Produktmanager von Red Hat Enterprise Linux.
Suse kommt zuerst raus
Die erste fertige Enterprise-Release des Jahres 2009 wird aber voraussichtlich von seiner Konkurrenz Novell kommen: Suse Enterprise Linux 11, im März 2008 auf der Hausmesse Brainshare avisiert und grob für “das erste Halbjahr 2009” angekündigt.
Damit sich das Enterprise-Linux im Markt des proprietären Unix durchsetzen kann, bringt es einige Features für den geschäftskritischen Einsatz mit. Novell hat in Zusammenarbeit mit Oracle das Oracle-Cluster-Filesystem OCFS2 [1] weiterentwickelt und will es im Enterprise Server 11 erstmals als generisches, vollständig Posix-konformes Dateisystem anbieten. Das lokale Standard-Dateisystem bleibt beim Enterprise-Suse Ext 3.
Hochverfügbar dank DRBD
Als High-Availability-Feature bietet der Suse Linux Enterprise Server (SLES) 11 das Distributed Replicated Block Device (DRBD, [2]) der österreichischen Firma Linbit. Das GPL-Kernelmodul verteilt ein Blockgerät auf mehrere physikalische Rechner im Netzwerk und verkraftet dabei den Ausfall einzelner Knoten (Abbildung 1). In SLES 11 kommt voraussichtlich die DRBD-Version 8 zum Einsatz, die geänderte Daten nach einer Unterbrechung ökonomischer wieder synchronisiert und so Bandbreite und Zeit spart (siehe auch Artikel zu Dateisystemen).
Linbit hat angekündigt, weitere HA-Features aus der kommerziellen Variante DRBD+ in die kommende, GPL-lizenzierte Version 8.3 einzubringen. Da diese aber noch nicht veröffentlicht sei, kommen die Neuerungen aus Zeitgründen nicht mehr in SLES 11, ließ Kai Dupke, Senior Product Manager Suse Linux Enterprise Server, das Linux-Magazin wissen. Daneben sollen OpenAES und der Heartbeat-Nachfolger Pacemaker für Hochverfügbarkeit sorgen.
Die High-Availability-Features lassen sich über eine von Novell entwickelte GUI-Anwendung verwalten, zumindest was die elementaren Features angeht. Das Programm ist allerdings noch nicht Bestandteil des Release Candidate 1, den Novell Mitte Dezember 2008 an seine Betatester schickte. Nach Auskunft des Herstellers werde es zwar Open Source, sei aber spezifisch auf den SLES-Stack angepasst.
Als weiteres Ziel für SLES 11 nennt Holger Dyroff Interoperabilität. Der Novell-Manager betont, damit sei nicht nur die Zusammenarbeit mit Microsoft-Produkten gemeint. Auch die Produkte unabhängiger Softwarehersteller (ISV) sollen zuverlässig dazu passen. Davon zeuge ein Partnerkatalog zertifizierter Anwendungen mit 2500 Einträgen [3]. Die technische Grundlage dafür ist die Spezifikation Linux Standard Base, an der sich Suse schon lange orientiert. SLES 11 soll konform zur LSB-Version 4.0 sein, die sich derzeit allerdings noch im Betastadium befindet [4]. Daneben wird es zur Release ein passendes Software Development Kit (SDK) für ISVs und selbst entwickelnde Kunden geben.
Dotnet und OOXML
Selbstverständlich bemüht sich Novell auch um Interoperabilität mit der Software des Partners Microsoft. Den kommenden Enterprise-Server sieht Dyroff auch als attraktives Angebot für Kunden, die eine Plattform für ihre ASP.net-Anwendungen suchen – das Novell-Produkt Mono mache das möglich.
Samba wird sowohl in Version 3 als auch in 4 im SLES enthalten sein, bis das Upstream-Projekt selbst die beiden Zweige vereinigt. Das Enterprise-Suse kann dank Samba-4-Bibliotheken auf Shares in einer Windows-Domain zugreifen, die bewährte Version 3 dient zum Betrieb von Datei- und Druckdiensten. Linux als Windows-Domain-Controller wird es nicht vor dem Merger geben.
Ein weiteres Detail: Die Novell-Entwickler haben den Gnome-Dateibrowser im Suse Linux Enterprise Desktop (SLED) so erweitert, dass er auf Microsofts Sharepoint-Server zugreifen kann. Open Office, das in der Novell-Edition schon länger OOXML-Dokumente öffnen kann, wird aus dem Upstream auf Version 3.0 aktualisiert.
Mit diesen Details möchte der Hersteller Kunden entgegenkommen, die wegen der Lizenzkosten bereits Arbeitsplätze mit Linux und Open Office ausgestattet haben, aber ansonsten Microsoft-Dienste und -Formate weiter betreiben. Ebenso wichtig bleibt für diese Zielgruppe der Evolution-Anschluss an Exchange. In virtualisierten Szenarien soll sich SLES als “perfekter Gast” auf VMware, Xen und Microsofts Hyper-V erweisen. In der Just-Enough-OS-Ausgabe dient es als Basis für virtuelle Appliances, die sich in Zukunft auch über den Service Suse Studio erzeugen lassen, der sich derzeit im Alphastadium befindet. Das Ziel: Suse Linux Enterprise überall. Die strategische Vorgabe “Ubiquity” bedeutet, vom Mainframe bis zum kleinen Mobilgerät soll SLES/SLED allerorten laufen. Lediglich unterhalb der Intel-basierten 7-Zoll-Netbooks zeigt Novell kein Interesse.
Warten auf den großen Entwicklungssprung
Das nächste Enterprise-Linux aus dem Hause Red Hat dagegen ist laut Produktmanager Daniel Riek wohl Anfang 2010, aber nicht mehr 2009 zu erwarten: “Eine solche Major Release muss technologisch ein wirklich großer Sprung sein.” Darunter versteht er einen neuen Memory-Manager, einen neuen Scheduler, deutlich verbessertes Powermanagement und den Einsatz einer neuen GCC-Version.
Daneben sieht Red Hat als Linux-Dateisystem der nächsten Generation Ext 4 vor. Nach der – konservativen – Einschätzung des Linux-Distributors ist die Alternative Btrfs zur geplanten Fertigstellung von RHEL 6 noch nicht produktionsreif. Auch bei den anderen Punkten wartet die Firma offenbar noch die Upstream-Entwicklung ab, bevor sie die Software in ihre nächste Major-Ausgabe packt.
In der Zwischenzeit wird Red Hat in Minor Releases aber einiges tun, um die Business-Kundschaft mit frischer Technologie zu versorgen. Als nächste Aufgabe in der Hardware-Unterstützung steht Intels neue Mikroarchitektur Nehalem an, mit der der Chiphersteller mit AMDs Barcelona-CPU gleichziehen möchte. Riek betrachtet 2009 als das Jahr, in dem 64-Bit-x86-Rechner die Features großer Unix-Server bieten. Der Nehalem-Support soll mit den RHEL-Releases 5.3 und 4.8 geliefert werden.
Als nächste Neuerung plant Red Hat den Wechsel der Virtualisierungstechnologie von Xen zu KVM (siehe Artikel zur Virtualisierung). Im Gegensatz zu Xen sei KVM “eine langfristige Architektur, die upstream von der Kernel-Community gepflegt wird”, erläutert Riek. Den Übergang soll die Bibliothek Libvirt [5] glätten. Die LGPL-Software verwaltet das Gastbetriebssystem und verdeckt dabei als Abstraktionsschicht die Implementierungsdetails der Virtualisierungslösung.
Auf dieser Basis plant Red Hat für die erste Jahreshälfte 2009 eine Betriebssystem-Release mit dem Arbeitstitel Ovirt [6]. Ziel der Entwicklung, die derzeit mit dem Community-Linux Fedora stattfindet, ist ein abgespecktes Betriebssystem-Image von rund 100 MByte, das nur als Host für KVM und Libvirt dient – für Kunden, die einfach nur virtuelle Systeme auf Hardware bringen möchten. Ovirt (Abbildung 2) ist GPL-lizenziert, eine stabile Version soll in RHEL eingehen.

Abbildung 2: Im Ovirt-Projekt entwickelt Red Hat ein schlankes Betriebssystem, das lediglich Träger für die Virtualisierungslösung und die passenden Management-Tools sein soll.
Virtualisierung ist eine Option für Kunden, die ungern eine bewährte Kombination von Anwendung und Betriebssystem-Release ändern. Da auch sie neue Hardware anschaffen, mit der ein älteres Linux nicht umgehen kann, macht Red Hat hier Angebote. Bereits jetzt erhalten RHEL-Versionen vier Jahre lang Updates der Hardware-Unterstützung. Als Neuerung gibt es eine Garantie in Sachen Virtualisierung: Eine RHEL-Release ist während ihres Lifecycle von sieben Jahren auf jedem veröffentlichten Red-Hat-Hypervisor lauffähig. Das heißt beispielsweise, RHEL 3 wird als Gast auf Ovirt funktionieren.
“Mehr Freiheit, weniger Freibier”
Daniel Riek betrachtet Libvirt als Modellbeispiel für die Open-Source-Strategie seines Arbeitgebers: “Die Entwicklung muss Upstream mit der Community stattfinden. Gibt es dort keine Akzeptanz, sollte ein Hersteller keine Alleingänge machen. Sonst hat er Lock-in und nutzt nicht die Vorteile des Open-Source-Modells.” Das lohne sich hauptsächlich im Serverbereich, wo zahlende Kunden indirekt die offene Entwicklung sponsern. Die Devise sei “kooperative Entwicklung im Upstream mit Kunden”. In Anspielung auf ein Richard Stallman zugeschriebenes Zitat formuliert Riek für 2009: “Mehr Freiheit, weniger Freibier.”
Den proprietären Unix-Varianten möchte Red Hat auf zwei Wegen das Wasser abgraben. Zum einen soll Linux technologisch größere Systeme betreiben können, Riek spricht von 2000 bis 4000 logischen Cores und Memory-Management für bis zu 256 TByte Speicher. Zum anderen soll es neue Servicelevel-Agreements für anspruchsvolle Kunden unter der Bezeichnung “Advanced Mission Critical” geben. Die Reaktionszeit in der höchsten Premium-Stufe beträgt bei Severity 1 dann nur 30 Minuten. (M. Huber)
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Infos |
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[1] OCFS2: [http://oss.oracle.com/projects/ocfs2/] [2] DRBD: [http://www.drbd.org] [3] ISV-Katalog: [http://www.novell.com/partner/isv/isvcatalog] [4] LSB 4.0 Beta: [http://www.linuxfoundation.org/en/LSB_4.0_Beta] [5] Libvirt: [http://libvirt.org] [6] Ovirt: [http://ovirt.org] |






