Aus Linux-Magazin 08/2021

Editorial LM 08/2021

Nach der abrupten Beendigung des LiMux-Projekts hat die Stadt München nun wieder eine Open-Source-Strategie beschlossen. Der Zickzackkurs kommt den Steuerzahler teuer zu stehen.

“Und weiter sah ich den Sisyphos in gewaltigen Schmerzen: wie er mit beiden Armen einen Felsblock, einen ungeheuren, fortschaffen wollte. Ja, und mit Händen und Füßen stemmend, stieß er den Block hinauf auf einen Hügel. Doch wenn er ihn über die Kuppe werfen wollte, so drehte ihn das Übergewicht zurück: Von neuem rollte dann der Block, der schamlose, ins Feld hinunter. Er aber stieß ihn immer wieder zurück, sich anspannend, und es rann der Schweiß ihm von den Gliedern, und der Staub erhob sich über sein Haupt hinaus.” (Homer: Odyssee, 11. Gesang, Verse 593-600)

Und weiter sah ich den Münchner Sisyphos ein gewaltiges IT-Projekt in Angriff nehmen, das hatte die Unabhängigkeit von einem Monopolisten zum Ziel und sollte freie Software in der Stadtverwaltung etablieren. Als nämlich der Monopolist eine ältere Betriebssystemversion abkündigte, wollte er sich seine Alleinstellung verzinsen lassen und verlangte Millionen für das Upgrade von Betriebssystem und Bürosoftware. Daraufhin sandten die Hohepriester der Verwaltung zunächst Männer aus zu erkunden, wie man sich den Fängen des Wucherers entwinden könne. Eine mögliche Alternative, das ergab eine Studie, hieß Open Source. Diesen Pfad wolle man einschlagen, beschlossen die Oberen der Gemeinde. Man schrieb das Jahr 2003.

Mit aller Kraft ging man ans Werk. Jahr um Jahr wurde einer nach dem anderen der insgesamt 15 000 PCs der Stadtverwaltung auf die eigene Linux-Distribution LiMux und OpenOffice umgestellt. Viel investierte man auch in die Entwicklung eigener Software, zum Beispiel in ein Tool für Vorlagen und Formulare, das sollte Wollmux heißen. So entstand die Software für einen kompletten Arbeitsplatz für Kommunalbeamte, ein sogenannter Basisclient, der gehegt, gepflegt und aktualisiert wurde. Tapfer widerstand die Stadt allen Versuchungen des Monopolisten, sie mit süßen Lockspeisen zu ködern und zurück in sein Lager zu ziehen. Schließlich war 2012 die Zeit gekommen, vor das Volk zu treten und zu verkünden, man habe im Vergleich zum Betrieb mit der Software des Monopolisten Kosten von über 10 Millionen Euro gespart – nicht eingerechnet den Zugewinn an Freiheit, nicht eingerechnet die Vorteile, die etwa die Konsolidierung der Makros, Formulare und Vorlagen eingebracht hatten.

Im Verborgenen aber buhlten die Ungetreuen doch schon wieder mit eines fremden Gottes Tochter. Sei es, dass der Monopolist sie trunken machte beim Tanz ums goldene Kalb, sei es, weil sie dem marktführenden Götzen verfallen waren, sie schafften es, eine allgemeine Unzufriedenheit mit der Rathaus-IT und organisatorische Mängel LiMux in die Schuhe zu schieben und einen neuen Ratschluss herbeizuführen. Der besagte diesmal: Alles, was man mit Linux und Open Source begonnen und wofür man bereits zig Millionen investiert hatte, solle wieder zurückgenommen werden, und die Zeit des Monopolisten solle um den Preis vieler weiterer Millionen ein zweites Mal anbrechen. So geschehen im Jahre des Herrn 2017. Der Fels purzelte zurück ins Tal.

Ein paar Jahre gingen ins Land. Die Alten erzählten noch oft von freier Software, und mehr und mehr sprach sich herum, dass sie große Vorzüge gehabt hätte. Und als man im Mai anno 2021 abermals abstimmte, hatte sich der Wind wieder gedreht. Erneut beschloss man jetzt eine Open-Source-Strategie. Mit demselben Ziel, das man eben erst abgewählt hatte. Nun hieß es wieder: auf zur Stärkung der digitalen Souveränität! Sicher geht man jetzt wieder mit aller Kraft ans Werk, vergießt den Schweiß der Edlen, investiert Millionen Steuergelder, stemmt sich, ungeachtet aller Mühen, mit schwerer Last bergauf, bis dann …

Aber stopp: Der Vergleich hinkt! Für den antiken Sisyphos war die end- und sinnlose Plackerei eine Strafe der Götter. In München aber war keine höhere Gewalt im Spiel. Auch entgleitet dem mythologischen Helden der Fels immer, kurz bevor er ihn auf den Gipfel hieven kann. Münchens Fels aber lag schon dort. Die Verantwortlichen sind drumherum gelaufen und haben ihn mit Vorsatz wieder hinabgestoßen. So haben sie ihr Schicksal selbst gewählt, wenn auch nicht selbst bezahlt: Die horrende Rechnung begleicht der Münchner Bürger.

Jens-Christoph Brendel

Stellv. Chefredakteur

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