Aus Linux-Magazin 05/2020

Das Defizit

Quelle: Jens-Christoph Brendel, stellv. Chefredakteur

Jens-Christoph Brendel, stellv. Chefredakteur

Computer können viel, doch ebenso vieles prinzipiell gar nicht. Auch wenn sie den Menschen aus manchen Arbeitsplätzen verdrängen, werden sie ihn nie ersetzen, selbst nicht mit hochgelobten Techniken wie Blockchain oder KI.

Der Verlag wird abgeschafft. Das ist, gottlob, keine Meldung in eigener Sache. Das Statement, das mir kürzlich unterkam, meinte außerdem jeden Verlag. Die Begründung las sich so: Die Blockchain erlaube den Urhebern ja nun eine direkte Kontrolle über Vertrieb und Abrechnung ihrer Werke. Vermittler – oder Intermediäre, wie bildungsbeflissene Blockchain-Gurus ihren Lieblingsfeind gerne nennen – seien somit überflüssig.

Das ist selbstredend Unfug. Mag sein, dass die Blockchain theoretisch den Vertrieb ersetzen könnte (praktisch hätte ich auch da meine Zweifel), aber das ist ja nur ein Bruchteil der Funktionen eines Verlags. Um ein wenig aus dem Nähkästchen zu plaudern: Der Verlag stöbert Themen auf, die seine Leser interessieren, er sucht dafür kompetente Autoren und engagiert sie, er betreut sie von der Idee bis zur Druckvorlage und Honorarabrechnung. Er sorgt für fachliche und sprachliche Qualität, er übernimmt das Marketing und – teils – den Verkauf seiner Erzeugnisse. Er knüpft ein Netz sozialer Beziehungen, in das er Leser, Informanten, Experten, Autoren und Mitarbeiter einbindet.

Der Redakteur, ein Verlagsangestellter, diskutiert mit seinem Autor, dass fünf Mal “de facto” in einem Text zu viel sind, dass sich “optimal” nicht steigern lässt, dass “granulär” und “seminal” aus dem Denglischen kommen, dass ein flapsiger Zungenschlag an dieser Stelle dem Text nicht gut tut. Und wenn der Autor zu spät abgibt, weil er am Wochenende seine Tochter trösten musste, deren Hamster gestorben war, dann legt der Redakteur eine Sonderschicht ein. Eine Blockchain dagegen hat keine Ahnung, was ihre Kunden wollen, sie besitzt weder Empathie noch Sprachgefühl und findet keine passende Abbildung zur allegorischen Überschrift. Das wird sie niemals können.

Computer sind ohne Frage überaus nützliche Werkzeuge, aber sie sind zugleich fundamental beschränkt: Sie können weder denken noch fühlen. Eine Binsenweisheit, die trotzdem manchmal in der Euphorie des Buzzword-Bingos untergeht. Rechner mögen dieses grundlegende Defizit ein kleines Stück weit überspielen, indem sie Gedanken und Gefühle simulieren, aber sie werden es zu keiner Zeit kompensieren. Mitnichten sind sie Alleskönner. Eine Partie gegen den Schachcomputer kann Spaß machen, aber geht es um Kindererziehung oder gutes Essen, Ärger mit dem Chef oder die Pflege der Oma, Fußball oder Politik, da taugen berechnete Argumente nichts. Da sind Mitgefühl, Verständnis, Zuspruch gefragt – ein Gegenüber, das das Problem aus unserer Perspektive sieht. Soziale Beziehungen sind ein menschliches Grundbedürfnis, mit Computern kann man sie nicht pflegen.

Die Blockchain wird Verlage nicht ersetzen, aber vielleicht kann sie am Ende doch nützlich sein: Indem sie dem Redakteur womöglich die Rechteverwaltung erleichtert, mag sie ihm die Zeit freischaufeln, in der er mit dem Autor bespricht, ob es einen Unterschied im Ton macht, “Manko” oder “Defizit” zu sagen.

Herzliche Grüße,

Jens-Christoph Brendel

Stellv. Chefredakteur

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