Aus Linux-Magazin 07/2005

Aktueller Überblick über freie Software und ihre Macher

Mit DVB on Mac schreibt Open-Source-Software eine neue Erfolgsgeschichte. Die neue Debian-Version Sarge rückt derweil in kleinen Schritten ihrem Ziel der Veröffentlichung näher, die OpenBSD 3.7 bereits pünktlich erreicht hat. Als Nachtisch empfehlen wir Ananaskuchen.

Abbildung 1: Das freie Projekt DVB on Mac verwandelt den Mac in einen digitalen Fernseher und Videorekorder.

Abbildung 1: Das freie Projekt DVB on Mac verwandelt den Mac in einen digitalen Fernseher und Videorekorder.

Linus Torvalds bekräftigte schon mehrfach, dass für ihn bei der Auswahl einer Software die technischen Fragen vor den ethischen stehen. So argumentierte er auch bei der Entscheidung für das proprietäre Programm Bitkeeper als Verwaltungssystem für den Linux-Kernel. Inzwischen hat der Hersteller aber beschlossen, keine kostenlose Version des Clients mehr anzubieten. Die Gemeinde der Kernelentwickler steht deshalb vor einem erneuten Wechsel.

Spezialisierte Versionskontrolle

Also machte Linus Torvalds selbst den Anfang für ein neues freies Versionskontrollsystems namens Git [1]. Es soll speziell der Linux-Kernelentwicklung dienen und keinen generellen Ersatz für CVS oder Subversion darstellen. Die aktuelle Git-Version läuft bereits stabil und spätestens bei Kernel 2.6.12 soll das neue Programm Bitkeeper vollständig ablösen. Über Details berichten die “Kernel-News” in diesem Heft.

DVB-T auf allen Plattformen

Mac-OS-Nutzer haben beim Hardwarekauf gelegentlich dasselbe Problem wie ihre Linux-Kollegen: Den meisten Peripheriegeräten liegen keine Treiber für ihr Betriebssystem bei, denn viele Hersteller entwickeln Software ausschließlich für Windows. Standardgeräte wie Tastaturen und Mäuse kommen ohne Treiber aus, aber wenn es darüber hinausgeht, stehen Besitzer anderer Systeme allzu oft im Regen.

So gelten unter Mac OS die DVB-Karten für digitalen Fernsehempfang als Sorgenkinder. Unter Linux funktionieren die meisten DVB-Karten dagegen problemlos. Dass auch Apple im Rahmen seines Open-Darwin-Projekts den Großteil des Quellcode seines Kernels veröffentlicht, ermöglicht es aber freien Programmierern, Kernelmodule dafür selbst zu entwickeln. So gründete John Dalgliesh als Besitzer eines Mac und einer digitalen TV-Karte das Projekt DVB on Mac [2]. Aus dem Quellcode der Linux-Treiber entwickelt er entsprechende Software für Mac OS X.

Die ersten Ausgaben des Treibers unterstützten nur die DVB-T-Karte des Autors. Doch schon bald beteiligten sich weitere Entwickler und fügten nach seinem Vorbild neue Geräte hinzu. Wenige Programmversionen später war die Zahl der betriebsbereiten Karten auf beinahe ein Dutzend gestiegen. Darunter befinden sich inzwischen neben den terrestrischen Geräten auch DVB-S-Karten für den Satellitenempfang.

Oberfläche inklusive

Wenig Sinn ergibt ein TV-Empfänger ohne Wiedergabe-Software. So entstand im Rahmen von DVB on Mac auch das Programm I-Tele. Dieses grafische Frontend (Abbildung 1) verwendet standardmäßig MPlayer zur Wiedergabe des Videostreams, greift aber auch auf andere Player zurück. I-Tele selbst bietet alternativ auch eine eigene Engine, sie funktioniert jedoch noch nicht auf allen Macs. Ältere Geräte bereiten meist noch Schwierigkeiten, aber wo er funktioniert, empfiehlt sich der Einsatz des I-Tele-eigenen Decoders wegen seines geringen Ressourcenverbrauchs.

I-Tele bringt nicht nur ein Fernsehbild auf den Monitor, sondern fungiert auch als Videorekorder und kümmert sich um die Sendersuche. Da beim digitalen Fernsehen auf einer Frequenz manchmal mehrere Sender liegen, nimmt das Programm auf Wunsch mit nur einem Empfangsgerät gleichzeitig die verschiedenen Sender auf oder gibt sie auf dem Bildschirm wieder.

DVB on Mac präsentiert sich somit als Erfolgsgeschichte eines freien Open-Source-Projekts. Selten wurde derart betriebssystemnahe Software sogar plattformübergreifend weiterentwickelt. Inzwischen ist eine so starke Dynamik entstanden, dass bereits vor dem Erscheinen der neuen Mac-OS-Version 10.4 alias Tiger freie DVB-Treiber dafür vorlagen. Einige Ansätze versprechen weitere Verbesserungen; beispielsweise gibt es auf der Projekt-Homepage einen rudimentären Video-Editor, der künftig zu einem vollständigen Schnittprogramm werden könnte.

OpenBSD

Pünktlich ihrem Halbjahreszyklus folgend haben die OpenBSD-Entwickler die Version 3.7 ihres Betriebssystems veröffentlicht [3]. Die wichtigste Neuigkeit ist die Unterstützung für zahlreiche aktuelle WLAN-Karten. Projektkoordinator Theo de Raadt kontaktierte in den letzten Monaten mehrere Hardwarehersteller und kann als erfreuliches Resultat mit Treibern für Intels Centrino ebenso wie für die aktuellen WLAN-Adapter von Atheros und Realtek aufwarten. Zwei USB-Geräte der Firma Ralink funktionieren inzwischen ebenfalls.

Abbildung 2: Die neue OpenBSD-Version 3.7 lässt sich auch auf dem Sharp Zaurus installieren.

Abbildung 2: Die neue OpenBSD-Version 3.7 lässt sich auch auf dem Sharp Zaurus installieren.

OpenBSD läuft in Version 3.7 erstmals auf dem Zaurus von Sharp und kann das auf diesem PDA vorinstallierte Linux ersetzen (Abbildung 2). Der Port für Mac-68k-Prozessoren hinkte bezüglich der Funktionsvielfalt bisher hinterher, hat nun aber in einigen Punkten gleichgezogen. Daneben unterstützt die HPPA-Variante nun 64-Bit-CPUs, die Version 3.6 nicht oder nur mangelhaft ansprach.

Sicherheit auf jedem Gerät

OpenBSD beansprucht unter den Betriebssystemen nicht weniger als den ersten Platz in Sachen Sicherheit. Das Projekt rühmt sich damit, dass in den acht Jahren seines Bestehens von OpenBSD erst eine via Netzwerk nutzbare Sicherheitslücke in der allerdings sehr sparsamen Standardinstallation auftrat. So enthält auch Version 3.7 viele Neuerungen, die die Sicherheit weiter verbessern. Der FTP-Server verfolgt ein neues Konzept und unterscheidet jetzt ähnlich wie SSH zwischen dem Prozess des Daemon, der den Port nach außen öffnet, und den einzelnen FTP-Sessions. Letztere laufen mit den Rechten des FTP-Benutzers statt mit denen des Superusers.

Hinzu kommen viele kleinere Verbesserungen. Der Paketfilter PF arbeitet in der neuen Version zuverlässiger und es besteht die Möglichkeit, den Einträgen in der Routingtabelle Namen zuzuweisen und an Hand dieser Labels Filterregeln einzurichten. SSH wurde auf Version 4.1 und damit ebenso wie die meisten anderen Programmpakete auf den neuesten Stand gebracht. Perl, Sendmail und die Standard-Daemons sind wieder up to date und XFree86 weicht zu Gunsten von X.org.

Auch die neue OpenBSD-Version wird dem Ruf eines Hochsicherheitssystems gerecht und empfiehlt sich vor allem für den Einsatz auf Servern oder Routern.

Frostige Zeiten

Was viel zu lange währt, wird scheinbar doch noch gut. Steve Langasek, Mitglied des Debian-Release-Teams, verkündete Anfang Mai auf der Mailingliste Debian-Devel-Announce, worauf viele kaum noch zu hoffen gewagt hatten: Sarge, der derzeitige Testing-Zweig von Debian, ist in den Frozen-Status übergegangen und der Release damit ein gutes Stück näher gekommen. Höchste Zeit, denn Version 3.0 namens Woody feiert bald ihren dritten Geburtstag und kann sich kaum mehr aktuell nennen.

Der Unterschied zwischen Testing und Frozen liegt vor allem darin, dass Pakete aus dem Unstable-Zweig nicht mehr automatisch hineingelangen. Programme, die trotzdem noch in den Frozen-Zweig einzufügen sind, nehmen die Release-Manager manuell auf. Anthony Towns, bis vor wenigen Monaten Amtsinhaber, ging dabei stets restriktiv vor – das nun amtierende Team wird das wahrscheinlich ähnlich handhaben. Große Veränderungen sind deshalb vor der Release wohl nicht mehr zu erwarten.

Zuletzt nannte das Release-Team als Hauptgrund für die Verzögerung, dass sich die Sicherheitsinfrastruktur noch im Aufbau befand und keine sofortigen Bugfixes garantieren konnte. Martin Schulte hat als Mitglied des Sicherheitsteams inzwischen grünes Licht gegeben, sodass die Entwickler jetzt nur noch die verbleibenden Fehler korrigieren müssen. Bei Redaktionsschluss kursierte als mögliches Release-Datum der 30. Mai. Aber allein die bis Redaktionsschluss entdeckten Bugs erfordern noch viel Arbeit, sodass sich der endgültige Termin voraussichtlich noch hinauszögert.

Treffen im Juli

Die Vorbereitungen für die Debconf 5 [4], die sechste offizielle Konferenz für alle Debian-Entwickler, laufen auf Hochtouren. Vom 10. bis zum 17. Juli soll das Treffen unter dem Motto “See You In Hel” in Helsinki stattfinden. Damit haben sich die Organisatoren einen Ort mit einer gewissen Bedeutung für die Linux-Welt ausgesucht, nämlich die Geburtsstadt von Linus Torvalds. Zugleich halten sie die Tradition aufrecht, die Debconf abwechselnd innerhalb und außerhalb Europas zu veranstalten.

Andreas Schuldei spielt bei der Organisation des diesjährigen Treffens eine Schlüsselrolle und hat dabei bereits im Vorfeld ganze Arbeit geleistet. Er holte Firmen wie HP, Nokia und IBM als Sponsoren ins Boot. Dank dieser finanziellen Unterstützung reisen auch Entwickler an, die den Flug sonst nicht hätten bezahlen können.

Auf der Konferenz-Homepage findet sich bereits das vielseitige Vortragsprogramm. Beispielsweise berichten Mitglieder des Release-Teams über ihre Arbeit und Joey Hess referiert über seine Idee, künftig auch den Testing-Zweig mit Sicherheits-Updates zu versorgen.

Jukebox

Für jeden Geschmack gibt es den passenden MP3-Player, ob schlank und übersichtlich oder Feature-geladener Alleskönner. Die meisten eint aber eine Ressourcen verschlingende Voraussetzung: ein X-Server. Den durchschnittlichen Desktop-PC stellt das nicht vor Probleme und reine Server sollen selten Musik abspielen. Inzwischen findet man aber den Linux-PC immer häufiger auch im Wohnzimmer: Als Multimedia-Terminal ersetzt er zunehmend die herkömmlichen Hi-Fi-Anlagen.

Mit Tastatur und Bildschirm möchten die wenigsten die Innenarchitektur ihres Wohnzimmers ruinieren. So steuert man solche Rechner meist über SSH von einem anderen Zimmer aus oder per Infrarot-Fernbedienung. Das verkompliziert die Bedienung eines grafischen Players.Nur für diesen Zweck eine grafische Oberfläche mit entsprechendem Ressourcenbedarf zu installieren, leuchtet kaum ein. Ein textbasierter MP3-Player löst die Aufgabe besser, trotzdem muss niemand auf Bedienkomfort verzichten.

Konsolenbenutzer haben die Wahl zwischen mehreren Playern. Die wohl verbreitetsten Programme heißen MPG 123 und MPG 321. Sie unterscheiden sich hauptsächlich in der Lizenz: Die von MPG 123 verbietet den Verkauf des Programms und schränkt die Verwendung in anderen Anwendungen ein. MPG 321 unterliegt dagegen der GPL. Wer nur Lieder abspielen möchte und keine Playlists oder sonstige Zusätze benötigt, kommt mit beiden Programmen ans Ziel.

Schlangenfraß

Abbildung 3: Pytone bietet alle Features eines modernen Audio-Players mit nur einer Curses-Oberfläche. Es arbeitet mit Playlists, führt Buch über die beliebtesten Songs und liest die Meta-Infos von MP3-Dateien.

Abbildung 3: Pytone bietet alle Features eines modernen Audio-Players mit nur einer Curses-Oberfläche. Es arbeitet mit Playlists, führt Buch über die beliebtesten Songs und liest die Meta-Infos von MP3-Dateien.

Wesentlich mehr kann Pytone [5]. Der Name deutet bereits an, dass es sich um ein Python-Programm handelt. Pytone bietet über seine Curses-Oberfläche (Abbildung 3) einen erstaunlichen Funktionsumfang. Das Hauptfenster unterteilt sich in vier Abschnitte: Links zeigt ein Datei-Browser alle gefundenen Lieder, sortiert nach Genre, Interpret oder Album. In der rechten Hälfte stehen das gerade gespielte Lied sowie eine Fortschrittsanzeige. Die darunter angeordnete Box gibt alle weiteren Informationen über den Titel wieder, etwa Genre und Name des Albums. Darunter schließlich findet sich die Wiedergabeliste, die noch abzuspielende Songs aufführt.

Bevor Pytone startet, muss der Benutzer die Konfigurationsdatei »~/.pytone/pytonerc« anlegen und darin zumindest den Pfad zur Musiksammlung auf der Festplatte angeben:

[database.main]
musicbasedir=~/mp3

Im Programm fügt die Eingabetaste ein Lied zur Playlist hinzu, nachdem man im Datei-Browser den entsprechenden Eintrag markiert hat. Die Wiedergabeliste lässt sich im von den meisten Audio-Playern unterstützten M3U-Standardformat abspeichern. Eine Möglichkeit zur Fernsteuerung bietet Pytone nicht; ein Anzeigegerät darf hier also nicht fehlen.

Meep meep

Im Unterschied zu Pytone lässt sich das noch tief in der Entwicklung befindliche Projekt Meep [5] von überall aus bedienen. Hier spielt ein Daemon die Musik ab, ein Client steuert ihn übers Netzwerk oder vom selben Rechner aus. Damit lässt sich ein ausschließlich als Abspielgerät verwendeter PC von jedem Gerät im Netz aus kontrollieren. Bislang existieren neben dem Daemon nur zwei textbasierte Meep-Clients, ein einfaches Kommandozeilenprogramm sowie eine Curses-Oberfläche namens NMeep (siehe Abbildung 4) mit den wichtigsten Basisfunktionen.

Abbildung 4: Meep überträgt das Client-Server-Prinzip auf die Wiedergabe von Audiodateien. Hier steuert einer der beiden bereits vorhandenen Clients, das Curses-Frontend NMeep, den Daemon.

Abbildung 4: Meep überträgt das Client-Server-Prinzip auf die Wiedergabe von Audiodateien. Hier steuert einer der beiden bereits vorhandenen Clients, das Curses-Frontend NMeep, den Daemon.

Die Möglichkeit, noch beliebige weitere Clients zu entwickeln, macht Meep für zahlreiche Anwendungsfälle zu einer Lösung. Ein grafisches Frontend mit vielen Features könnte den Player lokal oder von jedem Rechner im Netz aus komfortabel bedienen, ein anderer Client könnte beispielsweise mit einer Infrarot-Fernbedienung kommunizieren und somit eine bildschirm- und tastaturlose Hi-Fi-Anlage realisieren.

Ananaskuchen

Zutaten: Eine Dose Ananas (585 ml) in Stücken, 200 g Margarine, 175 g Zucker, ein Päckchen Vanillezucker, vier Eier, ein Päckchen Citroback, 250 g Mehl, 50 g Soßenbinder, ein halbes Päckchen Backpulver.

Die Ananas zunächst abtropfen lassen, den Saft auffangen. Die Margarine zusammen mit dem Zucker und dem Vanillezucker schaumig schlagen. Die Eier und das Citroback nach und nach zur schaumigen Masse hinzugeben.

Das Mehl mit dem Soßenbinder und dem Backpulver mischen, dann ebenfalls der schaumig gerührten Masse zugeben. Die Ananasstücke am Ende vorsichtig unterheben. Alles in eine Kastenform geben, den Backofen vorheizen. Den Kuchen bei 175°C auf der unteren Schiene ungefähr 60 Minuten lang backen und schließlich großzügig mit Puderzucker überziehen.

Schluss, aus…

Ende, zumindest für diesen Monat. Doch zu guter Letzt noch der obligatorische Aufruf: Wer ein gutes Programm kennt, schätzt oder vielleicht sogar selbst entwickelt hat und es in der Projekteküche vorgestellt sehen möchte, schreibe eine E-Mail an [7]. (csc)

Infos

[1] Git: [http://kernel.org/git]

[2] DVB on Mac: [http://www.defyne.org/dvb]

[3] OpenBSD: [http://www.openbsd.org]

[4] Debconf 5: [http://www.debconf.org/debconf5]

[5] Pytone: [http://www.luga.de/pytone]

[6] Meep: [http://neveragain.de/meep]

[7] Hinweise und Vorschläge: [projektekueche@linux-magazin.de]

Der Autor

Martin Loschwitz ist Schüler aus Niederkrüchten und hilft in seiner Freizeit dabei, die Debian- GNU/Linux-Distribution weiterzuentwickeln. Zurzeit arbeitet er am Debian-Desktop-Projekt.

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