Aus Linux-Magazin 10/2008

Neues bei Debian

Debian ist frei und seine Entwickler sind Kosmopoliten. Das Linux-Magazin berichtet regelmäßig Interna aus der Debian-Entwicklerszene und angrenzenden Projekten.

Pünktlich zum Redaktionsschluss hat das Debian-Projekt den Freeze seiner neuen Version 5.0 alias Lenny verkündet (Abbildung 1). Damit gelangen bloß noch sorgfältig kontrollierte Änderungen der Release-Manager in den Entwicklungszweig. Lenny verwendet den Kernel 2.6.24. Ob die Version 5.0 von Debian GNU/Linux der große Wurf oder nur ein Schrittchen ist, dem geht dieses Debianopolis nach.

Abbildung 1: Ende Juni hat das Debian-Projekt Lenny eingefroren. Der Freeze bedeutet, dass Debian 5.0 in der Hauptsache fertig ist. Für die noch zu beseitigenden Fehler ist die Zeit bis zum September aber knapp.

Abbildung 1: Ende Juni hat das Debian-Projekt Lenny eingefroren. Der Freeze bedeutet, dass Debian 5.0 in der Hauptsache fertig ist. Für die noch zu beseitigenden Fehler ist die Zeit bis zum September aber knapp.

Subversiv installieren

Das Installer-Team hat sich für die Preseeding-Funktionen mächtig ins Zeug gelegt. Beim Preseeding definiert der Administrator vor Beginn der Installation Konfigurationsparameter in einer Textdatei, die der Installer ausliest. So ist es möglich, Debian-Installationen zu automatisieren. Das konnte zwar schon Etch, neu ist aber zum Beispiel die Möglichkeit, die zu installierenden Pakete viel genauer zu definieren. Auch bauen Administratoren Einzelheiten für ihr spezielles Setup nun leichter ein, etwa die jeweils gewünschte Festplattenaufteilung.

Der neue Debian-Installer (Abbildung 2) hat außerdem ein neues Tool an Bord, das ihn aus einem laufenden Windows heraus starten kann. Dieser so genannte Win32-Loader liest Konfigurationsparameter aus bereits vorhandenen Windows-Installationen aus und übergibt sie per Preseeding an den Installer. Die Windows-Konfiguration wird so zur Grundlage des Linux-Systems. Eine ähnliche Funktion gibt es auch für Konfigurationsdateien von Red Hats Kickstart, die künftig ebenfalls als Grundlage für Debian-Installationen dienen.

Auch unter der Haube hat sich einiges verändert. Im Rescue-Modus kann der Anwender nun auf LUKS-verschlüsselte Partitionen zugreifen (Linux Unified Key Setup). Schließlich verwöhnt Lenny Benutzer von I-386 und AMD64 mit einem Schmankerl: Ein grafisches Menü ersetzt den langweiligen Syslinux-Bootscreen, sodass der Anwender den gewünschten Installationsmechanismus nun wesentlich komfortabler auswählt.

Abbildung 2: Der Debian-Installer hat in Lenny mehr Funktionen. So simpel wie neu ist zum Beispiel eine »Zurück«-Schaltfläche, die so mancher Installierende schmerzlich vermisste.

Abbildung 2: Der Debian-Installer hat in Lenny mehr Funktionen. So simpel wie neu ist zum Beispiel eine »Zurück«-Schaltfläche, die so mancher Installierende schmerzlich vermisste.

Eine Frage der Architektur

Ständig sorgt die Frage nach den Lenny-Architekturen für Verwirrung. Sicher war bei Redaktionsschluss, dass es Motorola-68000-Prozessoren nicht schaffen, da für diesen Computertyp weder genug öffentlich bekundetes Interesse noch eine ausreichende Infrastruktur vorhanden ist. Dazu zählen insbesondere Maschinen, die in angemessener Zeit Sicherheitsupdates kompilieren.

Fest steht auch, dass sich zu den Standard-Architekturen I-386 und AMD64 wieder IBMs Mainframe-Architektur S-390 und – neu in Lenny – die Mips-Architektur mit Little-Endian-Zeichenfolge (Mipsel) gesellen. Diese kommt oft in eingebetteten Systemen zum Einsatz. Als Wackelkandidaten gelten neben Alpha und ARM noch die PowerPC-Architektur von IBM sowie Suns Sparc-Prozessoren. Sie bekommen in nächster Zeit jedoch noch etwas Zuwendung vom Debian-Projekt, sodass am Ende vermutlich nur M68k-Benutzer in die Röhre schauen.

LSB-Schrittchen

Ein erklärtes Ziel der Entwicklergemeinde ist, Lenny wesentlich LSB-kompatibler zu machen als alle Vorgänger. Als großes Problem auf dem Weg dorthin erweisen sich die Init-Skripte von Debian. Laut LSB-Spezifikation muss beispielsweise jedes Init-Skript definieren, welche Services laufen müssen, oder auch, welche nicht laufen dürfen, bevor das Skript seine Arbeit verrichtet. Ein »status«-Target sucht man jedoch oft vergebens, Abhängigkeits-basiertes Starten ist nicht vorgesehen und viele Init-Skripte sind überdies stilistisch schlecht programmiert, sodass sie für die Programmierkollegen nur schwer nachzuvollziehen sind.

In Lenny gibt es hier erstmals echte Fortschritte: Die Init-Skripte zeigen sich in renovierter Gestalt. Auch der Status-Befehl hält langsam, aber sicher Einzug. Das ist besonders für jene interessant, die den Heartbeat-HA-Deamon einsetzen.

HA-dämonische Verwirrung

Dieser Deamon schaut, ob alle benötigten lokalen Programme noch arbeiten, und startet sie nötigenfalls. Dazu checkt er sie periodisch mit »/etc/init.d/postfix status«, »/etc/init.d/bind status« und so weiter. Wenn jedoch der Status-Befehl für einen Dienst gar nicht existiert, erhält der Deamon den Rückgabewert 1. Das interpretiert er als Ausfall. Er stößt dann einen Switchover an und ruft die Init-Skripte aller konfigurierten Services mit dem Start-Kommando auf.

Nun liefern jedoch die bereits laufenden Dienste ebenfalls den Rückgabewert 1 und melden “Sachte, ich arbeite schon”. Heartbeat geht dann davon aus, dass der Switchover fehlgeschlagen ist, und stoppt kurzerhand alle Dienste. Schlimmstenfalls ist ein Heartbeat-Cluster nun funktionslos. Das Ende vom Lied: Selbst in einem Setup, in dem zuvor primärer und sekundärer Knoten perfekt funktionierten, hat wegen des fehlenden Status-Targets kein Knoten mehr die Dienste am Laufen.

Die wichtigsten Dienste kennen ab Lenny den Status-Befehl. Aber insbesondere die kleineren Pakete, die ewig keiner mehr angefasst hat, hinken hinterher. Obwohl man dem Debian-Projekt gute Ansätze attestieren darf, ist die Situation noch lange nicht perfekt. Die sprichwörtlichen Leitungen mancher Entwickler scheinen in dieser Hinsicht sehr lang zu sein.

Xen und KDE alt, X.org neu

Der Kernel sorgte kurz vor dem Freeze für Kontroversen. Anlass war die Meldung eines Xen-Maintainers, dass der Standardkernel den Betrieb von Lenny als Xen-Dom-0 nicht unterstützt. Die Ursache ist so banal wie unverständlich: Derzeit steht bei Debian keine Version des Linux-Kernels zur Verfügung, in die ein Xen-Patch integriert ist.

Tatsächlich gibt es von Xen seit Kernelversion 2.6.18 kein offizielles Patch für den Dom-0-Support mehr. Andere Distributionen haben ihre Hausaufgaben gemacht und die Patches des alten Kernels auf neuere portiert. Unterdessen arbeitet das Xen-Projekt mit Hochdruck daran, Xen mit Dom-0-Support zum offiziellen Linux-Bestandteil zu machen, und peilen das für Kernelversion 2.6.28 an.

Dies wird aber ganz sicher nicht in Lenny Einzug halten. Ein Debianer, der das alte Xen-Patch von Kernel 2.6.18 auf den Lenny-Kernel portiert, fand sich nicht. So hat ein Etch-Umsteiger nur die Wahl, für Xen entweder den alten Kernel zu benutzen oder auf eine inoffizielle Lösung zurückzugreifen, die nach der Lenny-Release vermutlich wie Pilze aus dem Boden schießen werden.

Beim K Desktop Environment setzt Lenny standardmäßig auf Version 3.5.9. Zwar gibt es KDE 4.0 schon ziemlich lange, ihm haftet allerdings der Ruf an, noch nicht recht fertig zu sein. Die Debian-KDE-Entwickler übernahmen diese Version nie in Lenny: Ihrer Meinung nach genügt sie nicht den Qualitätsansprüchen des Debian-Projekts. Das bessere KDE 4.1 kam dann für Lenny zu spät. Immerhin wollen die KDE-ler bei Debian später KDE-4-Pakete für Lenny anbieten. X.org wird in Version 7.3 beiliegen, sodass Lennys X-Server erstmals mit Rand-R oder direktem Support für HAL und D-Bus aufwartet.

Online

Auf Linux-Magazin Online hat Debian-Expertin Heike Jurzik in einem Installationsworkshop den neuen Debian-Installer vorgestellt (Beta 2). Auf [https://www.linux-magazin.de] führen die Suchwörter »installer lenny« zum Ziel.

Backstage

Ein wesentlicher Unterschied zu den Vorgängerversionen besteht diesmal in den Veränderungen hinter den Kulissen. Neue Posten, insbesondere unter den FTP-Mastern, verhindern in den Augen vieler Entwickler frühere Show-Stopper. Viele Prozesse laufen nun merklich schneller ab, was das Klima im Projekt verbessert. Das hat die Debian-Entwicklerkonferenz Debconf vom 10. bis 16. August in Argentinien bewiesen.

Natürlich stand die Debconf ganz im Zeichen der Lenny-Release. Die Teilnehmer jagten vor, nach und bei den Vorträgen Release-kritische Fehler. Teilweise fliegen Pakete bereits wieder aus Lenny raus: Schon bei Etch nahmen die Entwickler ein Paket lieber heraus, als es in fehlerhaftem Zustand auszuliefern.

Da die Entwickler zum Wohle des Nutzers aber nicht jedes fehlerhafte Programm entfernen wollen, fließt noch viel Zeit ins Debugging. Release-Ziele wie IPv6 oder NFSv4 haben unerwartete Baustellen aufgeworfen, die nur mit viel Zeit und Liebe zum Detail zu bereinigen sind. Dabei handelt es sich etwa um zueinander inkompatible Programme oder scheinbar grundlos abbrechende NFS-Verbindungen. Es erscheint fraglich, alles bis zum September zu schaffen. (ake)

Der Autor

Martin Loschwitz ist Debian GNU/Linux-Entwickler und arbeitet als System Operator bei der Linbit GmbH in Wien.

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