Das W3C versucht offenbar, neben dem etablierten WHATWG-DOM einen zweiten DOM-Standard zu etablieren. Diesem W3C-DOM 4.1 hat das Konsortium im Hauruckverfahren eine Kandidatenempfehlung verschafft. Die Browserhersteller Mozilla, Microsoft, Apple und Google protestieren.
Begonnen hat die öffentliche Debatte am 18. März 2018 mit einem Call for Consensus (CfC) auf Github, um eine Kandidatenempfehlung für W3C DOM 4.1 zu erlangen.
Am 22. März kam der Widerspruch von Microsoft-Mitarbeiter Michael Champion. Der zweifelte die Sinnhaftigkeit des W3C-Schrittes an. Einen ähnlichen DOM, wie den der WHATWG-Arbeitsgruppe zu veröffentlichen, anstatt sich auf einen gemeinschaftlich genutzten DOM zu einigen, werde unnötige Schmerzen verursachen. Der Schritt würde Entwickler dazu nötigen, sich mit beiden intensiv beschäftigen und sich für einen von beiden entscheiden zu müssen. Auch Google, Apple, Mozilla und weitere Unternehmen schlossen sich der Ablehnung an.
Reingegrätscht
In seiner Antwort auf Microsoft schilderte W3C CEO Jeff Jaffe das, was seine eigene Vision zu sein scheint: Das W3C soll künftig eine Stable Recommendation veröffentlichen, die WHATWG einen “Living Standard”. Ob die WHATWG mit diesem Plan, der von Jaffe zu stammen scheint, einverstanden ist, bleibt allerdings unklar. Nach Jaffes eigener Aussage stehe man noch “in Verhandlungen”, im WHATWG arbeiten aber auch die Browserhersteller mit.
Diese Verhandlungen mit der WHATWG erst zu beenden und dann den Call for Consensus abzuhalten, forderten Google, Apple und Mozilla zwei Tage vor Ablauf des CFC. Andere W3C-Mitglieder zweifelten allerdings an, ob der bestehende DOM und die Positionen der großen Browserhersteller Konsenz unter allen W3C-Mitgliedern sei. Einige Mitglieder stimmten dem W3C-CfC-Vorschlag auch explizit zu.
W3C-Chef Jaffe argumentierte, es würde Parteien geben, die in der DOM-Implementierung des W3C interessiert seien. Auf die Frage, worin denn die Kritik am WHATWG-DOM bestehe, wollte er allerdings keine konkrete Auskunft geben oder Kritiker nennen. Er verwies stattdessen auf ein vertrauliches Dokument, dass die Vertreter der Browserhersteller auch bekommen hätten.
Schließlich nahm das W3C die Einwände der Browserhersteller zwar zur Kenntnis, ohne allerdings vom eigenen Kurs abzuweichen, die technischen Einwände der Kritiker seien zu schwach.
Formaler Einspruch
Als Reaktion erhoben Apple, Microsoft, Google und Mozilla formalen Einspruch und begründeten dies unter anderem mit Verstößen gegen die vom W3C selbst festgelegten Prozesse. Demnach seien die Kritiker und ihre Kritikpunkte zu wenig berücksichtigt worden und hätte es eine Abstimmung geben müssen, ein CfC sei aber keine solche Abstimmung. Sie argmentierten weiterhin mit substanziellen Gründen gegen den Vorschlag wie dem Umstand, dass der W3C DOM einfach ein Fork der WHATWG-Version sei. Zudem warf Apple-Mitarbeiter Maciej Stachowiak dem W3C-CEO Jaffe vor, keinerlei Belege für angebliche Interessenten geliefert zu haben, die sich für den W3C-DOM interessieren würden. Diese seien auch nicht in dem vertraulichen Dokument genannt worden.
Fragliche Motivation
Offen bleibt, was das W3C mit dem Manöver bezweckt. Die plausibelste Erklärung wäre, dass Jaffe und das W3C die Browserhersteller dazu drängen wollen, dem Vorschlag eines Living Standards der WHATWG und einer Stable Recommendation durch das W3C zuzustimmen. Damit würde das W3C einen Fuß in der Tür behalten. Würden die Browserhersteller in der WHATWG dem Vorschlag nicht zustimmen, so die implizite Drohung, könnte das W3C die Standardisierungsbemühungen des DOM mit einem eigenen Standard torpedieren.
Eine weniger plausible Lesart wäre, dass das W3C die Macht der Browserhersteller beschneiden und einen alternativen Standard etablieren möchte. Tatsächlich verfügen Apple, Microsoft, Google und Mozilla über eine ordentliche Marktmacht. Ohne ihren Support haben Standardisierungsvorschläge für Browsertechnologien auch im W3C schlechte Karten, mit ihrem Support lassen sich auch umstrittene Standards wie EME etablieren. Dagegen spricht allerdings, dass sich das W3C bislang meist auf die Seite der Browserhersteller stellte und dass Jaffe in der Diskussion keinen alternativen Standard anzustreben schien, sondern die oben beschriebene Arbeitsteilung.
Können sich die beiden Seiten nicht einigen und die blockierenden Fragen klären, könnte laut der W3C-Policy eine Abstimmung über das weitere Vorgehen entscheiden.






