Durch das recht verwinkelte Kongresszentrum von Edinburgh schieben sich zurzeit tausende von Open-Source-Entwicklern. Sie wollen nicht nur den Open Source Summit Europe besuchen.
Nicht weniger als die Embedded Linux Conference, den Open IoT Summit, den LF Energy Summit, das KVM-Forum, den Linux Security Summit und den Linux Kernel Maintainer Summit hat die Linux Foundation parallel zum Open Source Summit anberaumt. Entsprechend rappelvoll ist die Location im schottischen Edinburgh.
So gab es zum Start gleich mehrere Keynotes. Die interessanteste hielt sicherlich LWN-Chef Jonahan Corbet. Er versuchte für die Kernel-Community unter anderem Lehren aus dem Meltdown-Spectre-Durcheinander zu ziehen. Sein Fazit: Die Geheimnistuerei rund um Spectre habe gezeigt, wie man es nicht macht.
Meltdown versus Spectre
Der Umgang mit Meltdown sei wesentlich offener gewesen, als Resultat sei die entsprechende Baustelle zum Disclosure-Termin bereits in gutem Zustand gewesen. Der zugeknöpfte Umgang mit Spectre habe hingegen zu Silos, mehr Fragmentierung und dazu geführt, dass der Code am Ende nicht im Kernel landete. Bei Entwicklern habe der Umgang mit Spectre zu Frustration und Burnout geführt, viele Kunden und Projekte wurden im Dunklen gelassen und fühlten sich ausgebootet.
Wie stabil ist der Kernel?
Ein zweites Thema für Corbet waren stabile Kernel. Er warf die Frage in den Raum, wie sinnvoll Langzeitkernel sind und hatte auch ein Beispiel parat. Zwischen Kernel 4.9 und 4.9.135 gab es etwa 10 000 Änderungen. Zwischen Kernel 4.9 und 4.19 kamen hingegen rund 136 000 Patches dazu, also eine gut zehnfache Menge an Fixes. Das macht deutlich: Viele der Verbesserungen bleiben für Langzeitkernel auf der Strecke. Eine Lösung könnte sein, alte Kernel mit dem entsprechenden Testing eben doch auf neue zu aktualisieren. Ein Problem dabei bleibe aber alte Hardware, das Thema dürfte auf dem Summit diskutiert werden.
Kernel wird durchlässiger
Auch BPF erwähnte Corbet. Die In-Kernel-Virtual-Machine erlaubt es, Userspace-Code im Kernelspace auszuführen. Sie bringt einen JIT-Compiler mit und einen Verifier, der den Userspace-Code testet. Vielen seien die Möglichkeiten von BPF noch nicht klar, erklärte Corbet. Es handele sich um einen größeren technologischen Wechsel für den Kernel. Weil es BPF erlaube, Userspace-Code im Kernel auszuführen und Kernel-Technologien in den Userspace auszulagern, werde die Grenze zwischen Kernel und Userspace transparenter.
Neuer Code of Conduct
Nicht zuletzt kam auch Corbet um die Einführung eines neuen Code of Conduct nicht herum. In der “guten alten Zeit” habe es eine Menge Dinge in der Kernel-Entwicklung nicht gegeben, darunter Sourecode-Management, automatisiertes Testing und Change-Tracking. All diese Dinge gebe es inzwischen. Die Kernel-Entwicklung sei inzwischen kein wilder Westen mehr, die technischen Probleme seien adressiert.

Jonathan Corbet ist sicher, dass der Code of Conduct Teil der Evolution des Kernel ist und die Entwicklung nicht behindern wird.
Lediglich beim Code of Conduct habe eine Aktualisierung gefehlt und die sei nun da. Er glaube nicht, dass sich mit dem Code of Conduct die Ängste einiger Entwickler erfüllen: Weder werden Leute außerhalb des Kernelprojekts die Kontrolle über das Projekt erhalten, noch werde Code akzeptiert, der eigentlich nicht in den Kernel gehöre, noch werde allgemein der Spaß an der Entwicklung verloren gehen.
Offene Energie
Ansonsten wies Jim Zemlin darauf hin, dass mittlerweile ganze Industriezweige zur Linux Foundation wechseln. Er nannte Automotive Grade Linux und die Academy Software Foundation und die Cloud Native Computing Foundation als Beispiele. Die nächste Industrie komme aber auch mit LF Energy.
LF-Energy-Chefin Shuli Goodman blieb allerdings leider eher bei Allgemeinplätzen. Klar ist: LF Energy will die Software für Energieversorgung öffnen und umstrukturieren und damit helfen, in nur 10 Jahren den Ausstoß von CO2 signifikant zu reduzieren. Dafür braucht es aber vermutlich nicht nur die 10 000 von ihr angepeilten Entwickler. Die spannenden Details zu diesem Projekt sollen ab Mittwoch folgen, auf dem LF Energy Summit.
Arjan van de Ven von Intel stellte die Open-Source-Projekte des Unternehmens vor, etwa Clear Linux und Kata Containers. Dem Betrachter stellt sich dabei unwillkürlich die Frage, ob Intel Hypervisor, Linux-Distributionen und so weiter wirklich noch einmal neu erfinden muss. Van den Ven scheint das aber zu glauben, vor allem im Hinblick auf “Software Defined Everything”, den Edge- und IoT-Bereich und die Autoindustrie.





