"Microsoft-Fan": Münchens neuer OB Reiter will in Sachen Limux "neue Lösung finden"

In einem Interview mit der in Münchener Behörden verteilten “Stadtbild” rückt Münchens neuer OB Dieter Reiter spürbar vom Limux-Projekt ab.

Es ist die vorletzte Frage in einem zweiseitigen Interview, die auf das Limux-Projekt abzielt. In dem Gespräch, das dem Linux-Magazin vorab zugespielt wurde, fragt die Redaktion der “Stadtbild”, einer Zeitschrift, die in Münchens Behörden und Institutionen verteilt wird, ganz offen, ob der OB als bekannter “Microsoft-Fan” denn jetzt wieder auf das Redmonder Betriebssystem umstellen lassen wolle. Der seit Frühjahr 2014 amtierende Oberbürgermeister widerspricht dem nicht, auch nicht dem Attribut “Fan”. Das Interview dreht sich zwar um allgemeine Frage der Neu-Organisation im Münchner Rathaus, doch klingt in Reiters Antwort auf die Linux-Frage sehr deutlich Skepsis gegenüber der in Europa zunehmend zum Behördenstandard erwachsenen freien Software durch.

“Limux hat mich überrascht”

Ihn habe die Entscheidung zu Linux “überrascht”, sagt Reiter. Man wisse doch, dass Open-Source-Software “gelegentlich den Microsoft-Anwendungen hinterher” hinke, wovon er “selbst ein Lied singen” könne. Er habe bereits mit den Kollegen aus der Münchner IT diskutiert und sei bereit, “für die Kollegen und Kolleginnen vor Ort die bestmögliche Lösung zu finden”. Er sei gespannt auf die Vorschläge.

Dieter Reiter, seit 2014 Oberbürgermeister von München. Quelle: Wikimedia, Konrad Ferterer, SPD München.

Dieter Reiter, seit 2014 Oberbürgermeister von München. Quelle: Wikimedia, Konrad Ferterer, SPD München.

Gerüchteküche München

Gewöhnlich gut informierte Insider berichten seit Längerem davon, dass man in der Stadt derzeit Argumente sammele (also Berichte über Fehler und Probleme mit Limux), die sich für eine Rück-Migration instrumentalisieren ließen. Ob es neben dem Koalitionsvertrag zwischen CSU und SPD im Rathaus weitere Absprachen bezüglich der Anschaffung von Microsoft-Software gibt, bleibt unklar – doch auch solche Gerüchte halten sich in Bayerns Hauptstadt hartnäckig. Auch, ob der Umzug des amerikanischen Konzerns in die Münchner Innenstadt mit der Neubewertung zu tun hat, ist fraglich. Microsoft hatte seine Deutschlandzentrale Ende letzten Jahres aus dem Umland (Unterschleißheim) ins Zentrum, nach Schwabing, verlagert.

Update (31.07.): Wie uns Microsoft soeben mitteilte, stimmt der letzte Satz nicht ganz: Richtig ist vielmehr: “Microsoft hat Ende letzten Jahres den Umzug von Unterschleißheim nach München-Schwabing angekündigt, der Umzug selbst ist jedoch erst für 2016 geplant, da das neue Gebäude bis dahin noch gebaut wird. Weitere Informationen dazu finden Sie auch in der Microsoft-Pressemappe.”

Teuerer und schwieriger Plan?

Ein Schwenk zurück zu Windows oder Microsoft Office dürfte jedoch schwierig und vor allem teuer werden – und widerspräche der gängigen Praxis anderer europäischer Kommunen, die Open Source, offene Standards und freie Software immer flächendeckender einsetzen, während der amerikanische Konzern den ISO-Standard für Office-Dokumente OOXML nur unzureichend umzusetzen bereit scheint. Außerdem müsste Reiter wohl Stadtrat und IT-Verantwortlichen überzeugen, was derzeit wohl kein Selbstläufer sein dürfte. Das Limux-Projekt hatte Ende 2013 Vollzug gemeldet und dabei, so der Ex-OB Ude, eine Einsparung im zweistelligen Millionenbereich erwirtschaftet. (Das Linux-Magazin berichtete, beispielsweise hier und hier)

Update (08.07.): Das Linux-Magazin hat bei der Stadt, der SPD und dem Büro des Oberbürgermeisters sowie bei der Opposition im Stadtrat um eine Stellungnahme angefragt. Bisher war nur Florian Roth, Vorsitzenden der Fraktion Die Grünen im Stadtrat zu einer Stellungnahme bereit. Er erklärt: “Die Stadt München hat mit dem Umstieg auf Linux im Vergleich zu einem Update proprietärer Betriebssysteme (Microsoft Windows) 11 Mio. € gespart, Unabhängigkeit von (Quasi-)Monopolisten erreicht und sich als Vorreiter für offene Software gezeigt. Wo es Probleme gibt, müssen diese gelöst werden und in Teilbereichen kann es auch Ausnahmen von der Open-Source-Strategie geben. Eine Rückkehr zu Microsoft wäre aber absurd und mit immensen Aufwand und unverantwortliche Kosten verbunden. Dass sich der neue Oberbürgermeister als Microsoft-Fan bezeichnen lässt und sein Unverständnis für den Umstieg auf offene Software artikuliert, halten wir als grüne Fraktion, die wir die Linux-Einführung maßgeblich betrieben haben, für ein bedenkliches Zeichen, das hoffentlich nur seiner Unerfahrenheit geschuldet ist.”

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Julian
3 Jahre her

Ich sage lieber mal nicht, welches Wort mir da zu einfällt. Aber soviel: Es fängt mit A an.

A. Meier
3 Jahre her

Na endlich! Bitte zieht dieser horrenden Verschwendung von Steuergeldern umgehend den Stecker. Linux hat sich Server seitig durchgesetzt und dominiert das Web. Solange die Hersteller von Fachverfahren aber nicht gezwungen sind unter einer OSS Lizenz zu veröffentlichen, wird das Desktop seitig nie was.

Niels Dettenbach
3 Jahre her

Damit zeigt die SPD, das sie der CSU in Selbstherrlichkeit und/oder Inkompetenz wohl kaum nachsteht. Ein Oberbürgermeister, der sich mal eben als “IT Experte” outet… Dabei ist ja kein Geheimnis, das nicht selten in der Politik landet, wer angesichts seiner Kompetenzen und Fähigkeiten auf freien Märkten eher marginale Chancen genösse…Aber ausgerechnet ein technologisch wie konzeptuell völlig überholtes Betriebssystem (oder eher: “buntes Bild zum Anklicken”?!?) a la Microsoft Windows als “fortschrittlicher” zu behaupten, grenzt schon an Sarkasmus, wobei ich nicht ausschließen würde, das er es tatsächlich ernst meint, weil er z.B. Laufwerksbuchstaben für ein “kritisches Feature” hält, die es ja bekanntlich… Mehr »

Wizant
3 Jahre her

er Herr reiter kan diese Aussagen nur durch absolute Unwissenheit entschuldigen. Er hätte die Aussage besser schon vor den Wahlen treffen sollen, dann würde das heute wohl kein Thema sein, denn er wäre dann wohl nicht im Amt.

Patrick Frantz
3 Jahre her

Übrigens hat sich die grüne OB-Kandidatin Sabine Nallinger im Kommunalwahlkampf als *einzige* der Kandidaten öffentlich zu Linux in der städtischen Verwaltung geäußert — und zwar *gegen* Linux (Quelle: http://www.heise.de/open/me…. Ich weiß nicht, was ich da jetzt für glaubwürdig halten soll.

Matthias
3 Jahre her

Es ist schon Ironie, dass Canonicals PR Abteilung genau am gleichen Tag die optimistische Fallstudie zu Limux lanciert: https://insights.ubuntu.com

Ronaldo
3 Jahre her

Die nächsten Wahlen kommen bestimmt, Herr Reiter!

Julian
3 Jahre her

Das war kein Zufall, das haben die schnell als Antwort reingeschoben :)

Enrico Knaak
3 Jahre her

Was mich mal interessieren würde, wären nachvollziehbare Fakten zu den angeblichen Problemen.Immer beschränken sich Artikel zu diesem Thema auf die stichwortartige Darstellung von nicht näher beschriebenen Problemen oder angeblich fehlenden Funktionen.Welche Probleme? Was ging oder geht nicht? Auf das Gemeckere einiger Beamter ist nicht viel zu geben. Irgendwer meckert immer über irgendwas.Meine Windows-Kiste, mit der ich diesen Kommentar schreibe, ist vor drei Monaten samt proprietärer Spezialanwendungen von einem IT- Dienstleister neu eingerichtet worden. Im Prinzip läuft es, einige Probleme aber sind nicht abstellbar. Will sagen: Probleme gibt es bei jeder Art von IT. Auch – oh ja – auf solcher… Mehr »

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