Überraschende Einsicht: Linus Torvalds entschuldigt sich für seine mangelnde Empathie in der Vergangenheit, es “tue ihm wirklich Leid”. Er nimmt vorübergehend eine Auszeit von der Kernelentwicklung.
Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung lautet ein deutsches Sprichwort. Linus Torvalds hat einen Post zur Veröffentlichung von Linux 4.19-rc4 genutzt, um Fehler in der vergangenen Kommunikation einzuräumen und sich zu entschuldigen. Der Kernel-Chef gibt zu, dass er nie besonders gut im Verstehen von Gefühlen anderer Menschen gewesen sei. Er habe über Jahre Situationen mit anderen Menschen schlecht beurteilt und zu einer unprofessionellen Arbeitsatmosphäre beigetragen. Daher werde er ein Auszeit nehmen und sich Hilfe holen, um die Emotionen von Menschen besser zu verstehen.
Auslöser für die überraschende Einsicht war offenbar die verpasste Konferenz in der letzten Woche (Linux-Magazin berichtete). Linus hatte aus Versehen einen Urlaub auf den Termin gelegt. Das Echo auf seinen Vorschlag, den Kernel Summit einfach ohne ihn abzuhalten, hatte der Linux-Chef offenbar unterschätzt. Nicht nur wurde er überstimmt. Die Diskussionen im Nachgang hätten ihm gezeigt, dass er einige Leute komplett missverstanden habe.
Eine Entschuldigung
In seiner Mail entschuldigt sich der Kernel-Chef für sein vergangenes Verhalten und seine persönlichen Angriffe in E-Mails. Er wolle sich nun Hilfe holen und habe Greg Kroah-Hartman gebeten, so lange die Geschäfte rund um den Kernel 4.19 zu führen. Einen Burnout habe er aber nicht, versichert der Kernel-Chef. Er habe nicht das Gefühl, nicht mehr weiter am Kernel arbeiten zu wollen – das Gegenteil sei der Fall.
Überraschend kommen die Einsicht und die damit verbundene Auszeit, weil der Kernel-Gründer seine persönlichen Angriffe auf Entwickler in der Vergangenheit stets verteidigt hatte. Das hat im Laufe der Kernel-Geschichte eine Reihe von fähigen Entwicklerinnen und Entwicklern vergrault. Dazu zählen zum Beispiel Matthew Garrett, Sarah Sharp und Systemd-Entwickler wie Lennart Poettering und Kai Sievers. Kürzlich hatte auch Maintainer Daniel Vetter die teils toxischen Umgangsformen der Community kritisiert. Linus Gegenargument lautete traditionell: Es sei schwierig, ohne klare Ansagen über das Internet zu kommunizieren.
Kulturelle Änderungen nötig
Offenbar entspringen Linus Schimpftiraden, anders als er es gern darstellt, nicht unbedingt einer Intention zur klaren Kommunikation. Vielmehr scheint der unter hohem Druck stehende Entwickler schlicht nicht anders zu können. Jedenfalls denkt er am Ende seiner Entschuldigungsmail über eine technische Lösung nach, um seine Kommunikation zu verbessern: Ein Filter soll es richten, der E-Mails mit Schimpfworten nicht erst raus lässt. Offenbar glaubt der gebürtige Finne nicht, seine Tiraden anders in den Griff zu bekommen.
Auch wenn die Einsicht spät kommt, ist sie womöglich eine gute Nachricht für den Kernel. Der hat auch aus den oben genannten Gründen ein Nachwuchsproblem. Die teils harsche Kommunikation über die Mailingliste schreckt insbesondere Neulinge von der Teilnahme ab.
Eine der Folgen: Es gibt es zu wenige Maintainer, die zu viel Arbeit erledigen müssen und zu wenig Dank dafür erhalten, was die Situation verschärft. Auch das eher hierarchisch aufgebaute Organisationsmodell ist nicht zukunftsträchtig (“Linus skaliert nicht”). Womöglich ist Linus Einsicht also bloß der erste Baustein, um die Kernelentwicklung organisatorisch umzukrempeln und in die Zukunft zu retten.





> Ein Filter soll es richten, der E-Mails mit Schimpfworten nicht erst raus > lässt. Offenbar glaubt der gebürtige Finne nicht, seine Tiraden anders in
> den Griff zu bekommen.
Ich habe so meine Zweifel das es der richtige Weg ist, mit technischen Mittel zwischenmenschliche Schwächen abschalten zu wollen.
Und ich frage mich dann auch ob er mit seiner Familie ebenso umgeht?
Auf jeden Fall begrüße ich die Einsicht und hoffe das er das “Problem” in den Griff bekommt – Für die Kernelentwicklung
Jetzt wird sich Linus mit einem besonders komplizierter Kernel aussetzen.
Besten wünsche auf Ihr neuen Weg und vielen Dank für das erfolgreichste Betriebsystem der Welt.