Während die Kernel-Entwicklung technisch von Erfolg zu Erfolg eilt, knirscht es an anderen Stellen bereits länger. Das im Kernel herrschende Entwicklungsmodell verhindere notwendige Änderungen am System, erklärte Daniel Vetter – seines Amtes selbst ein Maintainer – auf der Linux.conf.au.
In seinem Vortrag, der auch auf Youtube zu sehen ist, sprach Vetter über die negativen Erfahrungen in seiner Position und richtete seine Kritik unter anderem gegen die herrschende Kommunikationskultur: Die Ausfälle von Linus Torvalds gegenüber einigen Maintainern seien ein mediales Spektakel, was dazu führe, dass die beteiligten aber auch andere Entwickler und Maintainer sich nicht mehr trauen würden, den Mund aufzumachen. Einige dieser Maintainer würden dadurch gar zum Flaschenhals, weil auch ihre Manager öffentlich keine Verantwortung für den Code übernehmen wollen und sich nicht trauen, mehr Commit-Rechte zu verteilen.
Doch auch Kernel-Maintainer nutzen ihre ziemlich uneingeschränkte Macht unter Umständen aus, um Kontrolle auszuüben. Das führe zu einem Personenkult. Ziel sei es, den eigenen Fortbestand zu sichern. Während sie von den Entwicklern fordern, Diskussionen auf das “rein technische” zu beschränken, leisten sie sich selbst emotionale Ausfälle oder fordern emotionalen Support aufgrund ihrer Überlastung als Maintainer. Diskussionen, die zur Verbesserung solcher Situationen führen könnten, seien oft nicht erwünscht.
Macht und Kontrolle
Dieses Verhalten sei nicht nur historisch gewachsen, sondern auch ein Resultat der schwierigen Situation der Maintainer selbst. Ihre Arbeit werde nicht geschätzt, Fehler würden ihnen hingegen durchaus angelastet. Technischen Diskussionen würden oft in persönlicher Kritik münden. Diesen Druck geben die Maintainer nicht selten an andere Mitarbeiter und Sub-Maintainer weiter. Zugleich sitze in jedem Subsystem mindestens eine “toxische Person”, die aber über ein großes Wissen verfüge und sich daher nicht entfernen lasse.
Maintainer-Gruppen würden zwar in einigen Systemen funktionieren, ihre Macht aber in der Regel ungern teilen, was auch ihr Wissen und die verwendeten Tools einschließe. So seien die Formate für Patches an andere Subsysteme auch Kernel-Veteranen oft nicht genau bekannt, weil Dokumentation dazu fehle. Auch Tools und Tests stünden den normalen Entwicklern oft nicht vollständig zur Verfügung, wobei sich das mittlerweile verbessere.
Insgesamt sieht Vetter wenig Chancen, dass sich die Situation kurzfristig verbessern könne. Änderungsvorschläge würden meist mit dem Argument abgeschmettert, dass die Entwicklung eben so laufe und man sich damit arrangieren müsse. Das hätten auch die meisten Maintainer getan. Kritiker würden das Linux-Projekt verlassen, manche mit Ansage, andere ohne. Dabei gehe es auch anders: Im Grafiksubsystem habe man zum Beispiel einen Code of Conduct eingeführt, der erstaunlich gut funktioniere. Er erlaube es, Entwickler bei Verstößen zeitweise oder gar permanent zu verbannen.
Die Linux-Foundation hilft auch nicht
Eine Organisation, die das Problem lösen könnte, wäre die Linux-Foundation. Sie betont öffentlich immer wieder, wie wichtig die Nachwuchsförderung sei. Vetter betrachtet sie aber ebenfalls als Teil des Problems, weil durch die Anstellung der Top-Maintainer Interessenkonflikte im Zusammenspiel mit der Community entstehen würden. Laut Vetter könne es helfen, strikt zwischen der Betreuung der Projekte und dem Anstellen neuer Mitarbeiter zu trennen. Das würde verhindern, Entwickler weiter zu beschäftigen, obwohl dies der Community, die die Linux-Foundation ja vertritt, nicht dienlich sei.
Seine Bitte an die Maintainer besteht darin, mehr Demokratie zu wagen, Macht abzugeben, Privilegien aufzugeben und die Prozesse besser oder überhaupt zu dokumentieren und auch zu automatisieren. Sie sollten sich mehr als Verwalter und weniger als Besitzer betrachten. Zugleich sollten sie stets einen Exitplan haben, denn wenn sie ihren Kopf aus der Deckung nehmen, werde früher oder später darauf eingeschlagen. Am Ende räumte er dann aber auch ein, dass er keine große Hoffnung hege, dass sich die Situation kurzfristig verbessern werde. Sein Vortrag sei keine Aufforderung, alles neu zu machen, sondern vielmehr als Mahnung an die Maintainer zu verstehen, Dinge zu ändern, bevor es dafür zu spät sei.





