Ein experimentelles Feature in Chrome hat in Unternehmen weltweit zehntausende von Browser-basierten Arbeitsplätzen lahmgelegt und finanzielle Schäden verursacht. Google tut, was es bei Fehlern bevorzugt tut: Es schweigt.
Der erste Bugreport tauchte am 14. November auf und betraf Nutzer, die Terminalserver wie Citrix mit Chrome 77 und 78 verwenden. Sperrte ein Nutzer seine Browser-Session, konnte kein anderer Terminal-Nutzer mehr den Browser verwenden. Stattdessen erschien ein leeres Fenster. Das Problem betraf nicht nur einzelne Unternehmensanwender, sondern offenbar zehntausende von Nutzern. Das jedenfalls legen die Einträge in Chromiums Bugreport nahe. Vor allem in Call Centern werden gern Terminalserver und Browser-Arbeitsplätze eingesetzt, hier machten sich die Ausfälle besonders bemerkbar.
Die lapidare Antwort eines Chrome-Mitarbeiters auf die Bugmeldung: “I’ll rollback the launch of this experiment and try to figure out how to deal with Citrix.” Das war nicht unbedingt die Antwort, die wütende Admins nach ein bis zwei Tagen Fehlersuche hören wollten. Sie beschwerten sich und forderten eine offizielle Entschuldigung von Google. Vielen war offenbar nicht einmal bewusst, dass die Chrome-Entwickler in ihren gut getesteten und abgesicherten Umgebungen experimentelle Features ausrollen.
Experimente am User
Ein verärgerter Nutzer brachte das Problem für Admins auf den Punkt: “Wir sind ein großer Schulbezirk mit 2000 verwalteten Enterprise-Browsern und über 11000 Chrome-OS-Geräten. Wir führen eine Versionskontrolle über die Admin-Konsole durch und betreiben zentrale Update-Server für Anwendungen, um solche Szenarien explizit zu vermeiden. Wenn Sie Konfigurationsänderungen im Hintergrund vornehmen, anstatt sich an Software-Revisionen zu halten, um Änderungen vorzunehmen, sollten wir vielleicht unser Augenmerk auf Office 365 und einen Konkurrenzbrowser für unsere Umgebung richten.”
Dem Bug-Owner bei Google wiederum war nach eigener Aussage nicht einmal bekannt, ob sich das Feature abschalten lasse: “I don’t know if it’s currently possible”, gab er zu Protokoll. Das Feature sei 5 Monate lang getestet und dann unter anderem als Experiment an die Versionen 77 und 78 ausgerollt worden.

Die Warnung für den Nutzer erweist sich als hinfällig, wenn die Chromium-Macher Experimente aus der Ferne aktivieren.
Der Bug lässt sich beheben, wenn Nutzer Chrome mit der Option “–disable-backgrounding-occluded-windows” starten oder das entsprechende Flag auf “Disable” setzen. Über “chrome://flags” lassen sich die im eigenen Browser vorhandenen Experimente anzeigen. Einige davon scheinen automatisch aktiviert zu werden, weshalb die darüber stehende Warnung nicht einer gewissen Ironie entbehrt: “WARNUNG: EXPERIMENTELLE FUNKTIONEN! Wenn Sie diese Funktionen aktivieren, verlieren Sie unter Umständen Browserdaten oder gefährden Ihre Sicherheit oder Ihre Privatsphäre.”
Wer eine offizielle Reaktion von Google erwartet oder eine irgendwie hilfreiche Mitteilung an die Nutzer, wird allerdings enttäuscht: Weder auf Twitter noch in den Unternehmensblogs findet sich der kleinste Hinweis auf das Problem.






