AWS Summit 2019: Wolkenbildung in Berlin [Update]

Auf dem zweitägigen AWS Summit 2019, der gestern in Berlin zu Ende ging, informierten sich täglich rund 5500 Besucher über Neuigkeiten in Amazons Cloud. Das Linux-Magazin wollte mehr zum Thema Open Source erfahren.

Wären Open-Source-Projekte Einzelhändler, die Produkte verkaufen, müssten sie sich vermutlich Sorgen machen. Denn mit AWS macht Amazon genau das, was mit Amazon.com glänzend funktioniert: Eine Software (oder ein Produkt) zu nehmen, und es für alle, jederzeit, einfach verfügbar zu machen. Eine Datenbank kopieren? Mausklick genügt. Nur ein paar Klicks mehr braucht es, um Serverinstanzen aufzusetzen, die Datenflut der eigenen IoT-Flotte auszuwerten oder einen Machine-Learning-Workflow aufzusetzen.

Diese Integrationsleistung lässt sich das Unternehmen gut bezahlen. AWS ist inzwischen ein Goldesel im Amazon-Imperium. Es machte im vierten Quartal 2018 7,4 Milliarden US-Dollar Umsatz, einen Sprung von 45 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal. Der Vorteil für Unternehmen: Wer in Amazons Cloud fertige Lösungen mit ein paar Mausklicks zusammenstellen kann, braucht weniger Infrastruktur-Spezialisten. Zudem gibt es haufenweise weitere Dienste obendrauf: 165 Services bietet AWS mittlerweile an. Sie alle lassen sich zwar größtenteils kostenpflichtig, aber ohne Aufwand heranziehen, um den eigenen Dienst zu erweitern.

Der riesige Keynote-Saal der Station Berlin war auf dem AWS Summit 2019 gut gefüllt.

Dass sich die zahlreichen Angebote trotz drohendem Vendor-Lock-in großer Beliebtheit erfreuen, zeigte der Besucheransturm auf den AWS Summit 2019 (Abbildung 1). Der Inhalt der beiden zweistündigen Keynotes (Videos hier und hier) bestand im Wesentlichen darin, die unzähligen AWS-Dienste vorzustellen. Zwischendurch kamen vor allem Kunden aus Deutschland zu Wort, um ihre Cloud-Migrationen in Form von Success Stories zu präsentieren, darunter TUI, N26 und Adidas. An neuen Open-Source-Projekten stellte Amazon unter anderem Signal to Noise vor (kurz S2N), einer TLS-Implementierung, die nur 6000 Zeilen Code braucht. In den so genannten Breakout Sessions (Abbildung 2) informierten sich die Besucher über die verschiedenen verfügbaren Dienste und Best Practices sowie Erfahrungen mit Migrationen.

Open Source bei Amazon

Das AWS-Imperium lässt sich seine zahlreichen Angebote mit klingender Münze bezahlen. AWS setzt dabei in allen Bereichen und im großen Stil Open-Source-Software und Linux ein. Egal ob VMs, Container, Plattformen, Datenbanken oder Frameworks, viele der Angebote kennen Anwender aus der Open-Source-Lager. Der Machine-Learning-Workflow ist ein schönes Beispiel dafür, wie AWS tickt. Laut Amazon CTO Werner Vogels kommt für Machine Learning bei AWS in 73 Prozent der Fälle Tensorflow zum Einsatz. Amazon nimmt die von Google aus der Taufe gehobene quelloffene Software und macht sie einfach bedienbar und verknüpft sie mit anderen AWS-Technologien. Und nicht nur das: Das von Amazon optimierte Tensorflow laufe laut Vogels 25 Prozent effizienter auf GPUs als die Out-of-the-Box-Variante.

Eine der zahlreichen Breakout-Sessions beschäftigte sich beispielsweise mit Open-Source-Marketing.

Auf die Frage, was denn das sichtbarste Open-Source-Projekt von Amazon sei, das auch außerhalb von AWS eingesetzt werde, fällt Glenn Gore, Solutions Architect bei AWS, auf Anhieb jedoch kein Name ein. Er schaut auf einer Liste nach. Er würde nicht sagen, dass eines besonders hervorsteche, nennt dann aber Mxnet, Lucene und Chromium, an dem Amazon mitarbeite. Er müsste sich aber die tatsächlichen Zahlen anschauen, schiebt er hinterher, andernfalls sei es schwierig. Codebeiträge zu zählen sei ohnehin wie das Zählen von Codezeilen: Mehr Code sei nicht automatisch besser. Man sehe nicht die Qualität und die Auswirkungen des Codes.

Wenig Code im Kernel

Rein rechtlich darf der weltweit führende Cloudanbieter Freie- und Open-Source-Software natürlich nach Belieben einsetzen und muss, abhängig von der Lizenz, auch nicht unbedingt Quellcode zurückgeben. Doch verglichen mit anderen Unternehmen wie IBM, Google oder selbst Microsoft fiel Amazon bislang nicht durch Code Contributions für die Community auf. Beispiel Linux-Kernel, der ja die Grundlagen für viele der AWS-Dienste legt: Die rund 500 Linux-Kernel-Commits von Entwicklern mit Amazon-Mailadressen stammen überwiegend aus dem Jahr 2018. Im Vergleich: Von Entwicklern mit Google-Adressen stammen mittlerweile 24 000 Commits, von IBM gar 35 000.

Darauf angesprochen gibt Gore freimütig zu: Ja, man habe nicht direkt Code zum Kernel beigetragen. Amazons Techniker hätten aber den Kernel-Entwicklern im Hintergrund Feedback gegeben. Gore versichert zudem, Amazon sei stets ein “stiller Contributor” gewesen, “hinter den Kulissen”. Es gehöre auch nicht zu Amazons Geschäft, Open Source zu machen, um wahrgenommen zu werden.

Dass Wahrnehmung durchaus eine Rolle spielt, scheint aber auch Amazon mittlerweile gemerkt zu haben. Die letzten Kernel-Commits zeigen, dass der weltumspannende Konzern mittlerweile eine Handvoll Kernel-Entwickler beschäftigt, die Code beitragen. Seit Anfang 2019 ist AWS Platinum Sponsor der Apache Software Foundation, bereits vor anderthalb Jahren schloss sich AWS als Platinum Member der Cloud Native Computing Foundation an.

Laut Glenn Gore ist für die sich nun herauskristallisierende Open-Source-Strategie vor allem Adrian Cockcroft zuständig. Der Chef für Cloud-Architektur bei AWS habe dafür gesorgt, dass das Thema Open Source und AWS in der Öffentlichkeit stärker wahrgenommen werde. Möglich also, dass in Zukunft mehr freie und quelloffene Software von Amazon kommt, die sich auch außerhalb von AWS einsetzen lässt.

[Update, 5.3.]: Links zu den beiden Keynotes ergänzt. Amazon hat zudem die Besucherzahlen präzisiert. Demnach kamen am ersten Tag 6000, am zweiten 5500 und insgesamt 7000 Besucher.

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