KI-generierte Texte fluten das Internet und verursachen an vielen Stellen Probleme. Abhilfe könnte eine Zertifizierung schaffen, die belegt, dass ein Beitrag von einem Menschen stammt.
Gewöhnlich macht man auf das Besondere aufmerksam, auf das Nicht-Alltägliche, auf die Ausnahme. Was mag es in diesem Licht bedeuten, wenn es nun ein Tool gibt, das eine Art kryptografisches Zertifikat produziert, das explizit beweisen soll: Dieser Text wurde von einem Menschen geschrieben, nicht von einer KI? Ist das inzwischen schon der kennzeichnungswürdige Sonderfall?
Besagtes Werkzeug, OKhuman [1], bewertet nicht den Wortlaut – es nimmt ihn gar nicht zur Kenntnis. Stattdessen beobachtet es den Schreibprozess: Wie ist der Text entstanden? Mit wechselnden Tempi, mal zügig, mal zögerlich, mit Korrekturen und Denkpausen – oder in einem Rutsch durch Copy & Paste? Sieht das Zustandekommen so aus, als habe ein menschlicher Schreiber mit dem Text gerungen, stellt das Tool einen Nachweis dafür aus, dass der Verfasser ein Mensch ist. Für sich genommen ist das noch kein Gütesiegel, aber immerhin belegt es: Der fragliche Text entsprang nicht einer seelenlosen Maschine, die gar nicht begreifen kann, worum es geht, geschweige denn mitdenken oder -fühlen, die alles nur simuliert und nachäfft – diesen Text verantwortet ein Mensch aus Fleisch und Blut.
Das Tool gäbe es nicht, bestünde kein Bedarf. Der wiederum erwächst aus einer Sintflut KI-generierter Texte. So stellte zum Beispiel das Science-Fiction-Literaturmagazin Clarkesworld [2] bereits 2023 die Annahme neuer Beiträge ein, weil zahlreiche Einreicher einfach die detaillierten Schreibrichtlinien des Magazins als Prompt in ein LLM eingaben und den Output als vorgeblich eigene Kurzgeschichte einsandten. Inzwischen nimmt Clarkesworld wieder Beiträge an, droht aber, jeden dauerhaft zu bannen, der auch nur versucht, einen Text unterzubringen, der von einer KI geschrieben, entwickelt, übersetzt oder auch nur assistiert wurde. Das besagte Zertifikat könnte ein Beleg dafür sein, dass sich der Autor an diese Norm gehalten hat.
Die deutsche Wikipedia verbietet ebenfalls enzyklopädische Beiträge, die nicht von Menschen verfasst wurden. Zu groß ist das Risiko für die Reputation. Auch in den Diskussionsforen der Wikipedia sind maschinell erzeugte Texte verpönt. Und da sind wir noch nicht einmal bei den bösartigen Deepfakes und Desinformationskampagnen, deren Veröffentlichung nicht selten sogar unter Strafe steht.
Der Unterschied
Ist es fair, alle Schuld der KI in die Schuhe zu schieben? Oder könnte all dieser KI-Slop, wie der digitale Müll im Jargon heißt, nicht genauso auch von Menschen stammen? Prinzipiell schon – doch nicht in dieser Menge. Und nicht derart geprägt von den Defiziten der Maschine: ihrem Unvermögen sich in andere einzufühlen, eigene Erfahrungen einzubringen, Dinge ohne Vorbild zu erfinden, ethisch zu werten, etwas ohne den Umweg über Sprache zu erfassen, dem Fehlen eines Modells vom Funktionieren der Welt im Hinterkopf.
Das alles sind umgekehrt potenzielle menschliche Stärken, die ein Computer nicht haben kann. Ein von OKhuman ausgestelltes Zertifikat belegt, dass ein Text nicht nach Maßgabe der wahrscheinlichsten Satzfortsetzung vom Rechner zusammengepuzzelt, sondern von einem Menschen formuliert wurde. Einem Menschen, der einen Zweck verfolgte, einen Willen hatte, der etwas dachte und fühlte, der etwas vor dem Hintergrund seiner eigenen Persönlichkeit mitteilen wollte, die wiederum von seinen eigenen Erfahrungen geprägt ist.
Etwas Handgemachtes hat eine eigene Qualität, obgleich es nicht so perfekt ist, wie ein industrielles Erzeugnis – oder gerade darum. Genauso besitzt auch ein menschengeschriebener Text etwas Persönliches, Individuelles, Vertrauensstiftendes, mit dem ein steriler, errechneter Text nicht glänzen kann. Das spielt nicht immer eine Rolle. Aber dort, wo es von Bedeutung ist, sollte man auf den Unterschied achten. Und sei es anhand eines Zertifikats.
Jens-Christoph Brendel
Stellv. Chefredakteur
Infos
- OKhuman: https://okhuman.com/
- Clarkesworld: https://clarkesworldmagazine.com/






