Aus Linux-Magazin 09/2025

Der Univention Corporate Server für Schulen

© Aleksei Gorodenkov / 123RF.com

Seit über zwanzig Jahren verspricht Univention, professionelle Firmen-IT in Bildungsträger zu bringen. Aus der Bremer Debian-Schmiede kommt dafür UCS@school, eine Komplettlösung für Schulen und größere Einrichtungen. Sie ist komplex und nicht immer perfekt, aber durchaus erfolgreich.

Wenn von Univention die Rede ist, denken Linuxer und Business-ITler gleich an den Corporate Server (UCS), ein auf Debian basierendes Produkt für Identity & Access Management (IAM). Quasi als eierlegende Wollmilchsau verspricht es, fast alle Dienste zu erledigen, die man in modernen, auch größeren Unternehmen so braucht. Seit über zwanzig Jahren pflegt die Mannschaft um den in Europas und Deutschlands Open-Source-Politik stets präsenten Gründer und Geschäftsführer Peter Ganten erfolgreich eine Distribution, die manch einer als “das beste Webfrontend für Active Directory” bezeichnet. Mit oder ohne Microsoft, vollständig Open Source und integriert – der UCS scheint auch dort gute Dienste zu leisten, wo es hohe Ansprüche an Sicherheit, Datenschutz und Zuverlässigkeit gibt. Und er kommt mit einem angepassten Portal (Abbildung 1) als zentrale Anlaufstelle.

Abbildung 1: Im App-Center von Univention at School installieren Administratoren Erweiterungen vom zentralen Webportal der Software aus (Univention Management Console). Quelle: Univention

Abbildung 1: Im App-Center von Univention at School installieren Administratoren Erweiterungen vom zentralen Webportal der Software aus (Univention Management Console). Quelle: Univention

Was dennoch viele nicht wissen: Mit UCS@school (UCSS) gibt es fast genau solang ein Produkt, das IAM für Schulen bereitstellt und in zahlreichen Bildungseinrichtungen läuft; in Frankfurt an der Oder [1] beispielsweise schon seit dem Jahr 2008. Dank Linux-Desktop, Netzwerkmanagement und Services konnte Univention wie so viele in der Branche von den Remote-Anforderungen der Corona-Zeit profitieren und bietet heute eine Fülle von Entscheidungshilfen und Dokumentationen auf der Firmenwebseite.

UCS@school hilft Schulen beim Verwalten und Provisioning der benötigten IT-Infrastrukturen, zum Beispiel durch die zentrale Benutzer-, Geräte- und Rechteverwaltung sowie die Integration verschiedenster Lernplattformen und digitaler Dienste. Lehrerinnen, Schülerinnen und andere Schulmitarbeiter werden zentral verwaltet. Benutzerkonten lassen sich automatisiert aus Schulverwaltungsprogrammen importieren, dazu zählen unter anderen SchILD-NRW aus Nordrhein-Westfalen und die Amtliche Schulverwaltung Bayerns (ASV).

Single Sign-on (SSO) erlaubt Anwendern, auf verbundene Dienste wie Nextcloud und Moodle, aber auch auf Konkurrenzsysteme wie die von IServ, Microsoft 365 oder dem französischen Stundenplantool WebUntis zuzugreifen. Schulträger und Länder können mehrere Schulen zentral administrieren. Rollenkonzepte erlauben abgestufte Rechte für Schulleitung, IT-Beauftragte oder Admins auf Kreisebene. UCS@school bindet bestehende Systeme ein: von Active Directory über klassische Linux-Server bis hin zu ganzen pädagogischen Netzwerken. Es unterstützt eine Vielzahl von Schnittstellen wie LDAP, SAML oder OpenID Connect.

Alle Dienste lassen sich über ein zentrales “Schulportal” steuern und bedienen – laut Hersteller eine “intuitive Benutzeroberfläche für Lehrkräfte, Schüler*innen und Admins, datenschutzfreundlich und Open Source”. Besonders am Herzen, auch in der Position gegenüber der Konkurrenz, liegt den Bremern der freie Quellcode. Er lässt sich nicht nur überprüfen und individuell anpassen, sondern entspricht damit eben auch nachweisbar sämtlichen Anforderungen der DSGVO und anderer deutscher und europäischer Regulierungen – egal, ob lokal installiert oder als gehostete Variante.

In UCSS erhalten Schüler automatisch E-Mail-Adressen, Nextcloud-Zugänge und Logins für digitale Schulbücher. Lehrer verwalten Klassenräume und integrierte Lernplattformen digital. Schulträger organisieren Hunderte Schulen zentral, ohne Turnschuhadministration vor Ort. Dementsprechend können Administratoren (Abbildung 2) auf Kreisebene mehrere Schulen zentral abdecken, das Webportal bietet Kacheln mit Direktzugriff auf alle Dienste. Plugin-Schnittstellen und APIs gestatten Erweiterungen und Anpassungen .

Abbildung 2: Die Univention-Registry-Konfiguration erlaubt detaillierte Einstellungen für Admins. Quelle: Univention

Abbildung 2: Die Univention-Registry-Konfiguration erlaubt detaillierte Einstellungen für Admins. Quelle: Univention

Konkurrenz

Auf dem Markt muss sich UCSS hauptsächlich mit zwei proprietären Konkurrenten messen: IServ [2] und Microsofts MNSpro [3]. Die IServ Schulplattform verspricht, “die DSGVO-konforme Gesamtlösung für Ihr pädagogisches Netzwerk” zu sein, und liefert über 55 Module von Schulkommunikation bis Netzwerk- und Gerätemanagement. Sie eignet sich gut für einzelne Schulen ohne IT-Personal sowie kleine und mittelgroße Schulen. Bei IServ steht eher die Pädagogik im Vordergrund.

Glaubt man Anwenderberichten im Web, ist die Integration mit Microsoft-Diensten wie MS 365 durchaus verbesserungsfähig. Bei Bildungseinrichtungen mit Microsoftzwang dürfte die Anwendung dementsprechend weniger punkten. Obendrein leidet IServ darunter, dass das proprietäre Produkt weniger anpassbar scheint als gängige Open-Source-Software. Dennoch nennt sich Iserv “die führende Schulplattform in Deutschland”, mit über 6000 Schulen, überwiegend im Nordwesten Deutschlands.

Ebenfalls dank des großen Microsoft-Ökosystems weitverbreitet ist MNSpro. Es wirbt mit dem Claim: “Einfach Digital Lernen”. Die Cloud-basierte Lösung ist selbstverständlich in erster Linie auf Microsoft-Technologien (Azure Active Directory, Office 365, Teams) zugeschnitten und daher besonders für Schulen attraktiv, die Microsoft 365 nutzen oder auf Microsoft-Produkte angewiesen sind. Laut Hersteller funktioniert MNSpro auch für kleine Schulen ohne IT-Personal. Allerdings bezahlt die Bildungseinrichtung das mit eingeschränkter Anpassbarkeit, keinerlei Affinität zum immer häufiger geforderten und zukunftsträchtigeren Open-Source-Modell und den fragwürdigen Datenschutzregelungen aus der US-Heimat des Herstellers. Wer MNSpro nutzt, gibt gänzlich die (lokale) Kontrolle über die Daten der Schüler und Schule ab und begibt sich in die (dauerhafte) Abhängigkeit eines amerikanischen Konzerns.

Funktion/Kriterium

UCS@school

IServ

MNSpro Cloud

Lizenzmodell

Open Source (kostenpflichtiger Support optional)

proprietär

proprietär (Microsoft-basiert)

zentrale Benutzerverwaltung

ja

ja

ja (MS Azure AD-basiert)

SSO/zentrale Anmeldung

ja (SAML, OpenID Connect)

eingeschränkt

ja (Microsoft Login)

Flexibilität/Erweiterbarkeit

hoch (offene APIs, Docker etc.)

gering

gering (an MS gebunden)

Datenhoheit/DSGVO

Volle Kontrolle

Hosting durch IServ

Hosting in Microsoft Cloud (USA/EU)

Portal/Oberfläche

anpassbar

vordefiniert

Microsoft Teams / Webportal

pädagogische Funktionen

Dritt-Integration (zum Beispiel Moodle)

eingebaut (Dateiaustausch, Stundenplan etc.)

eingebaut (mit Teams + MS 365)

Zielgruppe

Kommunen, Länder, große Schulen

Schulen jeder Größe

Schulen, die auf Microsoft setzen

Für wen?

Der Vergleich in der Tabelle “UCSS und Konkurrenten” zeigt: UCS@school eignet sich besonders für Schulträger oder Länder, die eine große Zahl an Schulen zentral verwalten müssen und dabei den Datenschutz ernst nehmen. Wer unabhängig von US-Plattformen bleiben will und flexibel Dienste integrieren möchte, ist bei Open Source bekanntlich immer besser aufgehoben. Wer dagegen eine schnelle Lösung von der Stange sucht, ohne Aufwände bei der Einrichtung und einfach loslegen möchte, sollte sich IServs und Microsofts Produkte anschauen, die sich primär an weniger IT-Kundige richten. Wer voll auf MS 365 aus ist, wird wohl bei MNSpro landen, was allerdings gleichzeitig die mit Abstand am wenigsten nachhaltige, sichere oder rechtskonforme Lösung sein dürfte.

Univention entwickelt seinen Corporate Server kontinuierlich weiter, was sich beispielsweise in neuen Großprojekten wie der Eigenentwicklung des neuen Nubus IAM [4] widerspiegelt. Es wirkt ungewöhnlich, dass heute ein Softwarehersteller seine eigene IAM-Lösung baut, obwohl Keycloak und Konsorten überall Einzug halten, doch am Ende profitiert auch UCSS von der Weiterentwicklung des “Plug-and-Play”-Identitätsmanagements. Nubus kommt ebenfalls in Lösungen für den öffentlichen Dienst zum Zug, etwa im ZenDiS-Projekt Opencode [5].

Neuerungen in UCSS 5.2-2

Im Juni 2025 kam UCSS Version 5.2-2 [6] mit zahlreichen Verbesserungen und neuen Funktionen heraus. Die Bremer Softwareschmiede will dabei “sowohl die Benutzererfahrung als auch die Sicherheit und Verwaltung von IT-Infrastrukturen” deutlich optimiert haben. Neue Funktionen für Nutzer und Gruppen ermöglichen detailliertere Zugriffsrechte und Benutzerattribute. Erweiterte Funktionen zur Infrastrukturverwaltung und viele neue Softwarepakete (Updates für Nextcloud, Jitsi, Egroupware, Open-Xchange, Samba u. v. m.) stehen dabei auf der Liste. Im WLAN gibt es jetzt WPA3, und auch die TLS-Konfiguration bei Mails sowie Multi-Faktor-Authentifizierung hat man überarbeitet.

Docker-Fans freuen sich über den ausgebauten Support. Des Weiteren hat der Hersteller die Synchronisation zwischen UCSS und Cloud-Anwendungen optimiert – in der Hoffnung, es Admins intuitiver und einfacher zu machen, lokale und cloudbasierte Ressourcen zu kombinieren. Das spiegelt sich auch in Optimierungen der Benutzeroberfläche mit mehr Möglichkeiten zur individuellen Anpassung und effizienteren Bedienbarkeit.

Kritik und Schwächen

UCS@school gilt als sehr mächtig, erfordert aber Fachwissen bei Installation, Anpassung, Fehlersuche und Updates. Im Gegensatz zu den anderen Lösungen klappt dabei keineswegs “Plug & Play”. Wer es einrichten möchte, kommt selten ohne Administratoren oder externe Dienstleister aus. Schulen ohne Erfahrung mit Linux-Systemen könnten größere Schwierigkeiten mit der Umstellung haben und müssen mit höheren Projektkosten rechnen.

Besonders für kleinere Schulen mit wenig oder keinem IT-Personal dürfte das umfangreiche UCSS überdimensioniert sein – die Wurzeln in größeren Unternehmensstrukturen sind allgegenwärtig. Die Konfiguration ist detailliert, aber zeitaufwendig, vor allem beim initialen Einarbeiten, etwa bei Benutzer- oder Rechtestruktur für mehrere Schulen. UCS@school teilt hier allerdings nur ein Problem mit sämtlichen Produkten dieser Komplexitätsstufe.

Ebenfalls augenfällig: UCSS übernimmt pädagogische Funktionen erwartungsgemäß durch Integration Dritter. Unterrichts-, Aufgaben- oder Stundenplanmodule wie bei IServ oder MNSpro sind zunächst nicht enthalten. Pädagogische Funktionen (Bildschirmübertragung, Aufgabenverteilung) erledigen integrierte, aber externe Apps wie Moodle oder Nextcloud.

Der Hersteller hat die Wünsche der Kunden erkannt und pädagogische Funktionen wie einen Klassenarbeitsmodus, die Verwaltung von Computerräumen sowie Schnittstellen zu Landesverzeichnisdiensten für den Import der Daten eingebaut oder deren Integration erweitert. Solche Dienste, auch Microsoft 365, WebUntis oder Moodle müssen Admins aktiv einbinden und konfigurieren. Bei Änderungen der API oder Dienste (etwa durch Microsoft) muss manuell nachgeführt werden.

Die freie Version von UCSS liegt im Quelltext vor [7] und steht damit kostenlos zur Verfügung. Für alle, die bereits UCS nutzen gibt es eine Erweiterung. Trotzdem werden Schulen und Schulträger immer auf kostenpflichtige Support-Verträge zurückgreifen müssen – laut Hersteller ab 4 Euro pro Nutzer und Jahr. Allerdings baut das Geschäftsmodell von Univention auf die (kostenpflichtige) Weiterentwicklung von Features auf, was häufig speziell bei größeren Installationen notwendig wird.

Fazit

Wichtigster Kritikpunkt an UCSS dürfte seine Abstammung sein: UCS@school ist ganz klar eine Verwaltungslösung, keine pädagogische Plattform. Anwender und Admins merken schnell, dass es aus der Welt der Unternehmens- und Behörden-IT kommt. Dabei macht es jedoch einen guten Job, vor allem, wenn es darum geht, moderne IT-Verwaltung auch in Schulen zu bringen.

Lehrkräfte, die eine integrierte, einfach bedienbare Lernumgebung ohne IT-Wissen erwarten, sollten nicht zu viel erhoffen. Für den Umstieg lohnt es sich, vorab den Fragenkatalog aus dem Kasten “Leitfaden für den Umstieg” durchzugehen oder die umfangreichen Case Studies im Univention-Blog zu lesen. Es finden sich Erfahrungsberichte aus Brandenburg [8], Lübeck [9], Oldenburg [10] oder demnächst auch zur “One-Click-IPad-Integration für alle Schüler” in der Bremer Stadtbibliothek. Der Artikel zur BIBCARD erscheint bald im Blog des Herstellers. (csi)

Leitfaden für den Umstieg

Allen Schulen und Bildungsträgern, die sich sich zwischen UCSS und der Konkurrenz entscheiden müssen, stellen sich in der Regel dieselben Fragen:

  • Wie viele Schulen sollen eingebunden werden? Nur eine Schule oder mehrere Schulen eines Schulträgers?
  • Um wie viele Benutzer geht es? Schüler, Lehrkräfte, wer noch?
  • Ist eine IT-Infrastruktur vorhanden? Wenn ja: Welcher Anbieter oder welche Plattform (IServ, MNSpro, Linux-Server, eine andere Schulserverlösung)? Soll sie abgelöst oder integriert werden?
  • Welche weiteren (Lern-)Tools sind gesetzt? Sind Moodle, Nextcloud, Microsoft 365, WebUntis, Videokonferenzen, digitale Schulbücher im Einsatz?
  • Wie wichtig ist dem Betreiber der Datenschutz, digitale Souveränität, Nachhaltigkeit und Datenhoheit?
  • Soll die Lösung auf lokaler Hardware, in einem Rechenzentrum, bei einem Provider oder in einer Cloud laufen?
  • Gibt es (vor Ort) Personal für die Systemadministration? Hat die Einrichtung eine eigene IT oder nur einen engagierten Lehrer, der sich quasi nebenbei kümmert?
  • Wie stark ist die Einrichtung auf einen externen Dienstleister angewiesen? Ist man zufrieden damit, was ist gewünscht?
  • Gibt es rechtliche Vorgaben, etwa vom Schulträger oder vom Bundesland?
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