Aus Linux-Magazin 02/2025

Entwicklerressourcen sollten sinnvollerweise in Server, Cloud und Co. fließen

© claudiodivizia / 123RF.com

Fast jedes Jahr startet der Linux-Desktop durch. Aber warum sollte er das eigentlich? Wäre es nicht sogar sinnvoller, ihn einzustampfen und die frei werdenden Entwicklerressourcen auf andere Bereiche zu lenken?

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In unserer losen Reihe “Gegen den Strich” betrachten wir die Open-Source-Welt aus einem anderen Blickwinkel. Daraus ergeben sich manchmal neue Lösungsansätze, interessante Erkenntnisse oder zumindest andere Sichtweisen.

Ein erneuter Klick auf den Knopf. Der Blick wandert mit einer Mischung aus Skepsis und Bangen nach rechts, der Atmen hält für einen kurzen Moment an. Der Drucker zieht klackernd Papier ein, schiebt es langsam ruckelnd vorwärts. Und spuckt wieder nur eine leere Seite aus (Abbildung 1). Diese oder ähnliche Situationen dürften alle Linux-Nutzer kennen, die schon einmal einen ansehnlichen Brief auf einem Markendrucker zu Papier bringen wollten. Immerhin erfordert bereits die Installation zahlreicher Druckertreiber unter Linux nicht weniger als ein abgeschlossenes Hochschulstudium. Dabei sind streikende Drucker bloß eines von vielen Problemen des Linux-Desktops. Beispielsweise schrauben selbst die großen Desktops noch an der HDR-Unterstützung und einer farbverbindlichen Bildschirmanzeige.

Abbildung 1: Drucken unter Linux ist seit jeher ein steter Quell des Missvergnügens. Wobei wir hier anmerken müssen, dass womöglich das Betriebssystem nichts dafür kann, denn: Wenn die Maschinen die Weltherrschaft an sich reißen, werden Drucker garantiert ihre Anführer sein.

Abbildung 1: Drucken unter Linux ist seit jeher ein steter Quell des Missvergnügens. Wobei wir hier anmerken müssen, dass womöglich das Betriebssystem nichts dafür kann, denn: Wenn die Maschinen die Weltherrschaft an sich reißen, werden Drucker garantiert ihre Anführer sein.

Ecken und Kanten

Trotz der unzähligen Macken mögen Linux-Anwender ihr System. Mehr noch, sie lieben es. Außerdem hegen sie längst den Wunsch, dass Plasma, Gnome und Co. endlich großflächig diese unschönen Windows-Systeme ersetzen. Dennoch halten Behörden, Büros und selbst die sonst durchaus netten Nachbarn von gegenüber an diesem verkorksten Betriebssystem aus Redmond fest.

Warum verwenden die alle noch Windows? Möglicherweise ahnen Sie die erschreckend simplen Antworten: Weil das Drucken dort auf jedem gekauften Modell auf Anhieb problemlos funktioniert, das Jonglieren von Farbprofilen kein umständliches Einrichten von weiteren Daemons erfordert und auch sonst unzählige Ecken und Kanten eines typischen Linux-Desktops schlichtweg nicht existieren.

Obendrein entwickelt die Community zahlreiche inkonsistente Desktop-Umgebungen, die wiederum auf noch mehr nicht-interoperablen GUI-Toolkits aufsetzen. Damit zum Beispiel GTK-Anwendungen wie ihre Plasma-Kollegen aussehen, mussten die KDE-Entwickler ziemlich viel Gehirnschmalz investieren. Letztendlich steckt die Linux-Community unzählige Arbeitsstunden in einen Desktop, der den Anwendern an unerhört vielen Stellen Leidensfähigkeit abverlangt und den beiden großen Konkurrenten aus Redmond und Cupertino seit den 1990er-Jahren kontinuierlich hinterherläuft.

Alles nur geklaut!

Das Augenlid des geneigten Linux-Fans mag jetzt im Sekundentakt zucken. Hat der Linux-Desktop doch einige Innovationen hervorgebracht, etwa die virtuellen Arbeitsflächen, die dann wiederum Windows 11 recht dreist kopiert hat. Allerdings muss sich hier die Linux-Community ganz stark an die eigene Nase fassen. Denn die Desktop-Umgebungen haben ebenfalls massiv geklaut: die virtuellen Arbeitsflächen (Abbildung 2) vom seligen Common Desktop Environment (CDE) [1], dann das Startmenü aus Windows (Fvwm95 [2] hat dereinst sogar Windows 95 imitiert) und schließlich das Dock aus macOS. Außerdem schielt Gnome leicht auf iOS und Android.

Abbildung 2: Wie Tim in einer Nachtschicht geklärt hat, lässt sich das Common Desktop Environment in Arch Linux und einigen anderen Distributionen weiterhin installieren – etwas Bastelgeschick vorausgesetzt.

Abbildung 2: Wie Tim in einer Nachtschicht geklärt hat, lässt sich das Common Desktop Environment in Arch Linux und einigen anderen Distributionen weiterhin installieren – etwas Bastelgeschick vorausgesetzt.

Da drängt sich die Frage förmlich auf, warum die Community mehrfach zeitaufwendig bunte Oberflächen nachbaut. Hinzu kommt, dass viele Menschen Funktionen eines Desktops im Alltag gar nicht benötigen: Anwender von 3D- und Videoschnittsoftware nutzen sie meist im Vollbildmodus, Administratoren lassen sich von einem einfachen Tiling Window Manager ihren Bildschirm mit zahlreichen Terminals pflastern.

Überlassen wir den Desktop doch Windows und macOS. Die sind in zahlreichen Bereichen etabliert, in Zügen [3] und einigen Unternehmen läuft sogar noch Windows 3.11 [4] – und zwar erstaunlich stabil. Trotz der etwas hirnerweichenden Oberfläche (Abbildung 3). Die in Desktop-Umgebungen gesteckte Arbeitskraft ließe sich deutlich besser in Projekte investieren, in denen Linux und Open Source seine vollen Vorteile ausspielt: Server, Server-Anwendungen, IoT-Geräte, Robotik und mobile Systeme. Linux treibt unzählige Geräte an, denen man den verschluckten Pinguin zunächst nicht ansieht – wie in der Veranstaltungstechnik.

Erhebliches Potenzial könnte darüber hinaus in Echtzeitsystemen stecken, einem Segment, in dem nicht sehr viele quelloffene Betriebssysteme existieren. Die Entwickler der Echtzeitfunktionen im Linux-Kernel sind jedoch chronisch unterbesetzt und bräuchten dringend weitere Hilfe.

Abbildung 3: Carina hat aufgrund ihres Alter nie Windows 3.11 benutzt und sich die Sache vom Internet Archive emulieren lassen. Das Attribut "hirnerweichend" trifft es ihrer Ansicht nach recht gut.

Abbildung 3: Carina hat aufgrund ihres Alter nie Windows 3.11 benutzt und sich die Sache vom Internet Archive emulieren lassen. Das Attribut “hirnerweichend” trifft es ihrer Ansicht nach recht gut.

Quanta costa?

Obendrein könnte man es sich getrost sparen, umständlich bestehende Individualsoftware auf Linux zu portieren. Die Umschulung der Mitarbeiter nebst Windows-Adminstratoren entfällt – zumal das häufig vermutlich teurer zu Buche schlüge, als schlicht und mit Minimalaufwand Lizenzen für Windows einzukaufen. Große Unternehmen erneuern ihren Rechnerpark ohnehin regelmäßig, die Lizenzkosten erscheinen dort selbst bei steigenden Preisen geradezu marginal. Regelmäßige Linux-Magazin-Leser dürften sich an diesem Punkt an einen Artikel [5] von Jon Maddog Hall erinnern: In Ausgabe 12/24 hatte er vorgerechnet, dass sich Linux-Administratoren quasi kostengünstig von allein schulen.

Hundertprozentig zustimmen lässt sich dem Community-Urgestein allerdings nicht. Zumindest, wenn man sich auf Deutschland fokussiert. Hall ignoriert bei seiner Argumentation nämlich die Besonderheiten der deutschen Softwarelandschaft (kaum Veränderungsbereitschaft und Not-inveted-here-Syndrom verschmelzen zu hakeliger, dafür aber selbst programmierter Individualsoftware), der öffentlichen Verwaltung (in Deutschland!) und sämtliche Nutzer ohne Informatikstudium (dürften Millionen sein).

Eine dem Autorenduo bekannte Akademikerin bekam mit über 30 Jahren Berufserfahrung im Rücken am PC bereits Schnappatmung, als unter Windows 11 das Startmenü etwas weiter in die Mitte rutschte. Man möchte sich lieber nicht ausmalen, welche Konsequenzen die Umstellung auf Gnome nach sich gezogen hätte. Jede Änderung verursacht bei den Anwendern mindestens ein leichtes Unwohlsein bis hin zu ernsthaften Schmerzen und erfordert eine kostspielige Schulung. Nicht zu vergessen, dass bei einer Umstellung selbstverständlich einige Dinge schiefgehen.

Aussterbende Spezies

Desktop-Anwendungen wandern in hohem Tempo in die Cloud oder zumindest auf den Server. So lassen sich Administratoren ihre Metriken und Log-Daten im Browser durch Grafana aufbereiten, selbst Office-Anwendungen und Entwicklungsumgebungen laufen mittlerweile im Browser. Und auf welchem Betriebssystem der arbeitet, spielt dabei keine Rolle mehr. Oft genügen sogar Kiosk-Systeme wie Porteus Kiosk [6]. Die laufen zwar unter Linux, kommen aber ohne Benutzeroberfläche aus.

Mit der sprunghaft gestiegenen Bedeutung der Browser wirkt es etwas erschreckend, dass derzeit mehr als ein Dutzend Desktop-Umgebungen existieren, aber im Wesentlichen nur zwei relevante freie Browser: Firefox und Chromium. Letztgenannter steht maßgeblich unter der Kontrolle von Google, gegen dessen Marktmacht Mozilla tapfer ankämpft. Warum investiert die Community mehr Ressourcen in zahlreiche aufgeblähte Desktop-Umgebungen, als in diese wichtige und zentrale Software?

Außerdem, Hand aufs Herz: Greifen Sie zu Hause nach Feierabend im Wohnzimmer zu Ihrem Tablet, oder werfen Sie einen richtigen PC an? Privatanwendern reicht mittlerweile vielfach ihr Smartphone oder ein Tablet mit Bluetooth-Tastatur. Mit dem Siegeszug der Webanwendungen dürfte das Bedürfnis nach klassischen Desktop-Betriebssystemen somit weiter schrumpfen – noch ein Grund, den Linux-Desktop abzuschießen. Und die Ressourcen in die Weiterentwicklung von Confluence-Alternativen, OpenDESK und Co. zu stecken.

Fazit

Tablet und Smartphone verdrängen klassische Desktop-Systeme, während selbst individuelle Büroanwendungen in die Cloud umziehen. Die Arbeitskraft für zahlreiche verschiedene Desktop-Umgebungen, die auch noch alle ähnlich funktionieren, könnte man sich daher sparen. Sinnvoller wäre es, gemeinsam Ressourcen in die Bereiche zu pumpen, in denen Linux echte Vorteile bietet, sich etabliert hat oder noch wachsen kann: Auf dem Server, in der Cloud, an deren Rand und insbesondere im Browser – er bildet schon heute die zentrale Anwendung im Büro, in der Industrie und zu Hause.

Abschließend bleibt die Frage: Wie sehen Sie das? Lohnt sich die Weiterentwicklung des Linux-Desktops? Und wird die Einrichtung eines Druckers irgendwann endlich kinderleicht und reibungslos ablaufen?

Infos

  1. Wikipedia-Eintrag über das Common Desktop Environment: https://de.wikipedia.org/wiki/Common_Desktop_Environment
  2. Fvwm95: https://fvwm95.sourceforge.net/
  3. t3n-Fundstück, “Wisst ihr noch? Als die Bahn einen Administrator für eine 30 Jahre alte Windows-Version suchte”: https://t3n.de/news/wisst-ihr-noch-bahn-administrator-30-jahre-alte-windows-version-1604711/
  4. Windows-3.11-Emulator, Internet Archive: https://archive.org/details/win3_stock#
  5. Upgrade to Linux: Markus Feilner, “Wirklicher Fortschritt”, LM 01/2025, S. 22, https://www.lm-online.de/51376
  6. Porteus Kiosk: https://porteus-kiosk.org/
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