Das Jetzt aus Angst vor der Zukunft vergessen, das wäre vor allem denen recht, die gegenwärtige Probleme zu verantworten haben.
Dieses Verhalten zeigen vor allem bodenbrütende Vögel, zum Beispiel die Säbelschnäbler: Sobald sich ein Fressfeind dem Nest nähert, täuscht der Altvogel eine Verletzung vor, etwa einen gebrochenen Flügel, bietet sich so selber als vermeintlich leichte Beute an und lockt damit den Angreifer vom Nest weg. In größerer Entfernung gibt er die gespielte Hilflosigkeit wieder auf und fliegt davon. Die Verhaltensforschung nennt diese Taktik Verleiten. Menschen kennen Ähnliches, auch wenn sie sich damit höchstens im übertragenen Sinn davor schützen, gefressen zu werden. Wenn sie verleiten, lenken sie etwa die Aufmerksamkeit eines Beobachters weg von akuten Problemen, die für sie unangenehm sein könnten, und hin zu Fragen, die zwar spektakulär erscheinen, sich später aber in Luft auflösen.
Ein Beispiel findet man im Zusammenhang mit KI, einer Technologie, die heute mit vielen Problemen behaftet ist. Die beginnen schon beim Aufbau der Modelle: So hat beispielsweise auch OpenAI, die Firma hinter ChatGPT, Tausende Arbeiter in Afrika und Indien mit Hungerlöhnen von unter zwei Dollar die Stunde dafür abgespeist, dass sie für das Unternehmen Texte aus den schmutzigsten Ecken des Internet lasen und markierten. Denn ohne eine große Menge solcher Negativbeispiele könnte das Sprachmodell nicht vermeiden, selber derartige Sätze voller Gewalt, Brutalität, Sexismus und Menschenverachtung zu bilden. Es versteht ja nicht, was es sagt, es kennt weder Gut noch Böse und es würde gelegentlich wie ein Kinderschänder plappern, wenn nicht Billiglöhner aus der dritten Welt massenweise Kinderschänder-Originalzitate in seinen Trainingsdaten kenntlich machten.
Trotz dieser Ausbeutung ist das Training derart energie- und rechenintensiv, dass nur ganz wenige Firmen diese Kosten tragen können. So entstehen Monopole, ein weiteres akutes Problem. Ein drittes ist die fehlende Verantwortlichkeit für Betrug, Diskriminierung, Meinungsmanipulation oder Irreführung durch KI. Die Aufzählung ließe sich leicht fortsetzen – gemeinsam ist all diesen Fragen, dass die Suche nach einer Antwort mit wirtschaftlichen Interessen kollidiert.
Also verlegt man sich aufs Verleiten und malt den künftigen Untergang der Menschheit durch außer Kontrolle geratene KI an die Wand. Ein Horror-Szenario, das dem unbedarften Publikum Schauer über den Rücken jagt. So geschehen Ende März mit dem offenen Brief unter dem Titel “Pause Giant AI Experiments: An Open Letter” des US-amerikanischen Future of Life Institute und noch einmal in einem “Statement on AI Risk” des Center of AI Safety Ende Mai. Da ist von “nichtmenschlichen Geistern” die Rede, “die uns irgendwann zahlenmäßig übertreffen, überlisten, obsolet machen und ersetzen könnten”, vom Verlust der “Kontrolle über unsere Zivilisation” und so weiter.
Darüber soll man gern diskutieren – es lenkt wirkungsvoll von realen Schwierigkeiten ab und ist zugleich für absehbare Zeit irrelevant. (Eine geistesverwandte, von einigen Tech-Milliardären gesponserte Denkschule ist die des Longtermism, derzufolge etwa intergalaktische Kriege einer in der Zukunft über die Milchstraße verteilten Menschheit ein größeres Risiko seien, als die schnöde Klimakrise heute.) Wer der Hypothese von der zukünftig womöglich menschenfeindlichen KI hinterherläuft, der entfernt sich jedenfalls gleichzeitig von KI als Ursache praktischer Widrigkeiten heute und hier.
Das Statement zu KI-Risiken hat unter anderen auch Sam Altman unterschrieben, Chef von OpenAI. Spontan mag man sich fragen: Schießt der sich nicht ins Knie, wenn er vor der eigenen Technik warnt? Keine Sorge: Die Weltuntergangsnummer verpflichtet im Moment zu nichts und die Debatte darüber, zu wessen Lasten die KI-Entwicklung konkret heute geht, ist vom Tisch. Säbelschnäbler sind schlaue Tiere.
Jens-Christoph Brendel
Stellv. Chefredakteur






