Kochen ohne Kosten, dafür aber mit KI – das ist das Motto einer Küchenpostille aus dem Burda-Verlag. Selbst die Fotos sind Fake. Und der unbedarfte Leser soll als Erster herausfinden, ob das Rezept ein Reinfall war.
Bislang stand er allein auf weiter Flur, als einsamer Markstein am Schnittpunkt von Haute Cuisine und Digitalisierung: der Thermomix. Vom Hersteller eifrig als “intelligent” beworben, trat das maschinelle Küchenwunder zusammen mit dem “digitalen Rezept-Portal Cookidoo” an, um den Connaisseurs unter den Computer-Nerds himmlische Genüsse zu bereiten: Die Programmierung pochierter Eier, digital gestütztes Dünsten, Aufbackalgorithmen, mithin die Vermählung von Cooking und Computing. Kaum aber war der helle Stern des Thermomix aufgegangen, überstrahlte ihn schon der Widerschein eines nächsten, gänzlich neuen Zeitalters, der Ära der Küchen-KI.
Eine KI als Koch! Geistiger Vater dieser genialen Innovation ist der Burda-Verlag. Für das Extraheft “Lisa Kochen&Backen 99 Pasta-Rezepte” engagierte er zwei Hochkaräter der Kulinarik: Als Kenner der Küche des Mezzogiorno ChatGPT und als bildgewaltigen Food-Stylisten Midjourney. Beide beschieden sich zur Freude der Verlagsmanager mit kleinerer Münze als das vormals beschäftigte menschliche Personal und gaben sich, ganz uneitel, sogar damit zufrieden, nirgends erwähnt zu werden. Zugegeben, ein paar Kompromisse musste man schon eingehen. So kann der Koch nicht schmecken. Aber sei’s drum, das Verkosten wird überschätzt. Wenn “Kapern” im Korpus immer im Umfeld von “Königsberger Klopse” auftauchen, werden ihre Aromen schon irgendwie zusammengehören.
Was soll bei den KI-komponierten Rezepten auch passieren? Eines schlägt beispielsweise vor, angetaute Meeresfrüchte aus der Tiefkühlung in erwärmte Dosentomaten zu kippen: Fertig ist ein “köstliches Abenteuer”, wie das Heft jubelt, ein “italienischer Klassiker”, Frutti di Mare für den eiligen Gourmet. Midjourney hat dann die Aufgabe, das virtuell Zusammengerührte in Szene zu setzen. Abzubilden wäre das falsche Wort, denn in der Realität haben die vermeintlichen Gerichte ja nie existiert.
Um dieses Manko zu übertünchen, trägt die Software den Fotorealismus allerdings eine Spur zu dick auf. Auch erfindet sie zur Feier des Tages ein neuartiges Besteckteil mit Anklängen an eine Gabel, aber zusätzlich mit einer entarteten Zinke – oder geht der Griff da in eine zweckfreie Platte über? Man kannte diese Art von Lapsus bei der Bilderzeugung bislang von abnormen Extremitäten, die computergenerierte Lebewesen zuweilen ausbilden. Wie schön, dass sich auch im Küchenbereich eine Anwendung ergeben hat. Schon auf der nächsten Seite findet sich übrigens eine Variation der kostensparenden Illustration mit kaum merklichen Änderungen: Diesmal soll sie die imaginären “Spaghetti allo Scoglio” bebildern. Dafür bekommt sie ein paar Muscheln mehr spendiert, verzichtet aber auf die verkrüppelte Gabel.
Man kann nur hoffen, dass ChatGPT in seiner Trainingsphase kochbücherweise Nudelrezepte verschlungen hat, sodass das “hausgemachte Trüffel-Ravioli-Rezept” (Zitat) wenigstens semantische Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Kochvorschriften hat. Selber auslöffeln muss die KI ihre Versuche als Küchenjunge ja zumindest nicht: Der Gaumen, dem nun die erstmalige Prüfung des Resultats obliegt, ist der des gehörnten Lesers. Einen vorhergehenden Test der Redaktion in einer Versuchsküche, wie er bei den Altvorderen in grauer Vorzeit üblich gewesen sein soll, gab es jedenfalls nicht.
Eine Gaumenfreude ist – wie jede Art sinnlicher Genüsse – für ChatGPT dasselbe, was für den Blinden die Farbe ist. Das Sprachmodell dessen ungeachtet auf kulinarische Kreationen loszulassen und den unbedarften Leser nicht einmal zu warnen, das ist vor allem eines: geschmacklos.
Herzliche Grüße,
Jens-Christoph Brendel
Stellv. Chefredakteur







Danke für das schöne Editorial!
Wahrscheinlich haben alle KI-Interessierten und alle Nerds dieses Heftchen gekauft, um sich zu beömmeln, und die Verkaufszahlen sind in die Höhe geschossen.
Meiner Familie hat besonders ein Rezept gefallen, wo man Nudelwasser durch köcheln eindicken soll. Auf das Nachkochen haben wir verzichtet.
Interessanterweise hatte zeitgleich der Burda-Verlag Stellenanzeigen für KI-Fachleute, besonders für Prompt-Engineers laufen.