Ein Tastendruck auf der Fernbedienung, ein Klick, ein Sprachkommando für Alexa – das kann dem Klima doch nicht schaden? Falsch! Auch wer nur in der virtuellen Welt des Computers agiert, kann die Umwelt belasten.
Alexa, spiele “Gute Nacht, Freunde”! Die digitale Assistentin beweist Geschmack: Sie wählt eine Live-Aufnahme, bei der Reinhard Mey im Duett mit Hannes Wader singt. Gute Musik, nur eine hingeworfene Anweisung entfernt. Da man als Anwender ziemlich sicher ist, mit dem Kommando keinen menschlichen Diener auf der Suche nach dem Band durch die Archive zu scheuchen, behält man auch sein gutes Gewissen.
Doch der Schein trügt, denn in Wahrheit weckt man ein Monster. Es heißt Streaming, verschlingt Unmengen an Energie und produziert reichlich CO2. Obwohl dabei nichts unmittelbar raucht und stinkt, schadet es der Umwelt – still, aber dauerhaft. Die größten Auswirkungen hat das Streaming von Videos in allen Spielarten: Es macht bis zu 80 Prozent aller globalen Datentransfers aus, wie das Shift-Projekt 2018 schätzte, ein französischer Thinktank, der den Wandel hin zu einer kohlenstofffreien Wirtschaft fördern will. Der Datentransfer wiederum ist für mehr als die Hälfte (55 Prozent) des jährlichen Energieverbrauchs der Digitalindustrie verantwortlich. Nach Angaben des Vergleichsportals Verivox beläuft sich allein der Energieverbrauch durch Streaming auf weltweit etwa 200 Milliarden Kilowattstunden im Jahr, mit steigender Tendenz. Diese Energiemenge entspricht dem Verbrauch aller Privathaushalte in Deutschland, Polen und Italien zusammen.
Die Angaben, wie viel CO2 eine Stunde Video-Streaming verursacht, schwanken sehr stark, weil das in hohem Maße von der Auflösung des Videos und vom Endgerät abhängt, mit dem man den Stream betrachtet. Die Schätzungen reichen von 36 Gramm (International Energy Agency 2020) über 360 Gramm (Lawrence Berkeley National Laboratory 2011) bis zu 610 Gramm (BITKOM 2020, für 4K-Video auf einem 65-Zoll-Fernseher). Entscheidend aber ist in jedem Fall der unfassbar hohe Faktor, mit dem man diese Werte multiplizieren muss: Allein Youtube streamt für seine 2,2 Milliarden Nutzer in 100 Ländern in jeder einzelnen Minute 694 000 Stunden Videos. Das ist mehr als Netflix mit noch einmal 452 000 Stunden pro Minute.
In der Umweltbilanz schlagen neben dem reinen Datentransfer freilich auch die nötigen Rechenzentren zu Buche, die vielen Systeme der Netzwerkinfrastruktur und die Endgeräte, jeweils mit ihrer Produktion wie mit ihrem Betrieb. Am Ende ergibt das einen Schadstoffausstoß durch die IT-Industrie, der bereits jetzt mit dem des gesamten Flugverkehrs vergleichbar ist und der in wenigen Jahren den von Kraftfahrzeugen erreichen wird.
Damit erweist sich die Vorstellung als Illusion, dass man sich mit einem Klick nicht die Hände schmutzig machen kann, dass Immaterielles per se sauber ist, dass es die Umwelt nicht berührt, was wir auf unseren Smartphones und Rechnern treiben. Ganz im Gegenteil: Binge Watching bei Netflix kann mehr klimaschädliches CO2 in die Luft blasen als die Fahrt zum Bäcker mit dem SUV.
Was kann man tun, wenn man auf Streaming nicht ganz verzichten will? Man kann die Auflösung reduzieren. Sicher tut es Full-HD statt 4K in vielen Fällen auch – das senkt den CO2-Fußabdruck auf ein Drittel. Man kann sich die Videos auf Mobilgeräten statt auf dem großen Fernseher ansehen, wo sie deutlich mehr Strom fressen. Man kann die Autoplay-Funktion deaktivieren, die andernfalls auf vielen Plattformen einfach immer irgendein Video nachlegt, selbst wenn niemand mehr zuschaut. Man kann die Endgeräte länger nutzen und so Elektroschrott sparen helfen. Man kann seinen Konsum mäßigen und Prioritäten setzen. Noch mehr Anregungen gibt der Themenschwerpunkt dieser Ausgabe.
Man kann auch nichts von alldem tun, aber dann heißt es wirklich: “Gute Nacht, Freunde”.
Jens-Christoph Brendel
Stellv. Chefredakteur







