Aus Linux-Magazin 01/2023

Editorial 01/23

© Computec Media GmbH

Es ist ein Spiel mit Milliardeneinsatz und noch ist schwer abzusehen, wer gewinnt. Erweist sich Mark Zuckerberg am Ende als erfolgreicher Visionär oder gescheiterter Bankrotteur?

Dass man zu spät kommen kann ist sonnenklar. Greifbar wurde das zum Beispiel in den 90er Jahren beim Siegeszug der Digitalfotografie. Ihm fielen etliche Firmen zum Opfer, darunter gleich zwei Pioniere der analogen Fotografie: AgfaPhoto und Kodak. Beide hatten den Umbruch verschlafen und den rapiden Nachfrageeinbruch bei analogen Kameras sowie Filmen, Fotopapier und -chemikalien nicht vorhergesehen. Beide rutschten in die Insolvenz.

Zu früh kommen kann man aber ebenso. Und auch dafür findet sich kurioserweise ein Beispiel bei Kodak: Steven Sasson – der Erfinder der ersten portablen Digitalkamera –€“ war ein Kodak-Ingenieur. Aber die Geschäftsleitung erkannte das Potenzial seiner 3,5 Kilo schweren, 1975 entwickelten Kamera nicht, die innerhalb von 23 Sekunden ein 100×100-Pixel-Bild auf einer Kassette speicherte, das nach weiteren 30 Sekunden auf dem Bildschirm eines angeschlossenen Fernsehers erschien. Der Apparat war technisch noch nicht ausgereift und zudem seiner Zeit voraus.

So geht es immer um den richtigen Zeitpunkt: Es gilt, nicht zu zeitig zu investieren, sodass die Technik möglichst den Kinderschuhen entwachsen ist und erste Interessenten anzieht. Bei einem Frühstart droht dem voreiligen Investor sonst die Luft auszugehen. Er verschwindet vom Markt, ehe sich sein Engagement rentiert. Zu spät darf man genauso wenig sein, denn dann ist Konkurrenz uneinholbar enteilt.

Eine der spektakulärsten Pokerrunden um das richtige Timing, die es mit diesen Summen noch nie zuvor gegeben hat, erlebt die IT-Welt gerade jetzt. Auf dem Tisch lagen allein 2021 über 10 Milliarden Dollar plus zig weitere Milliarden, die Mark Zuckerberg in den nächsten paar Jahren einsetzen will, weil er glaubt, mit dem Metaverse gute Karten zu haben: Er hält das für die Zukunft des Internets. Allerdings könnte er sich dabei auch verzocken, denn bislang bleiben die Erfolge aus. Facebook hat mehr als 10 000mal so viele User wie das Metaverse. Dabei sinkt die Zahl der Metaverse-Nutzer eher, als dass sie steigt, denn die virtuelle Welt ist noch von Bugs geplagt und hat wenig zu bieten. Mehr als die Hälfte der Käufer einer nicht gerade billigen VR-Brille von Meta Quest nutzen sie einer Umfrage zufolge nach einem Jahr nicht mehr, weil sie das Interesse verlieren: Sie finden keine ansprechenden Plätze und treffen keine interessanten Leute in der häufig leeren virtuellen Welt. Selbst Meta-Mitarbeiter müssen gedrängt werden, die eigene Technik zu nutzen.

Noch werfen Facebook und Instagram genug Gewinn ab, um das Abenteuer Metaverse zu finanzieren. Andererseits stehen Massenentlassungen bei Meta an, der Aktienkurs ist im letzten Jahr um mehr als die Hälfte eingebrochen. Ein Zeichen, dass sich auch die Börsianer nicht sicher sind: Wird das Metaverse in der Versenkung verschwinden wie vor ihm Second Life? Fährt eines der nominell wertvollsten Unternehmen der Welt vor die Wand? Oder wird es in einigen Jahren doch noch Millionen in seinen Bann ziehen, die als Avatare ein virtuelles Universum bevölkern und viel Geld in die Taschen des Konzerns spülen? Matthew Ball, ein Buchautor und Metaverse-Guru, meint mit Blick auf Zuckerberg: “Es besteht das Risiko, dass fast alles, was Mark über das Metaverse gesagt hat, richtig ist – nur der Zeitpunkt ist weiter entfernt, als er sich vorgestellt hat.”

Jens-Christoph Brendel

Stellv. Chefredakteur

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