Wo eine KI eigene Bilder erschafft, da spickt sie immer bei Dritten, und es stellt sich zumindest die Frage, ob das rechtens ist. Doch handelt es sich wenigstens um Kunst? Auch das bleibt unklar.
Wird man sich dereinst statt Dürers Rasenstück oder van Goghs Sonnenblumen übers Sofa das Bildnis einer Kuh vor Bergpanorama hängen, die an einem UFO baumelt? Ein solches Bild [1] gibt es tatsächlich: Die von OpenAI entwickelte und kürzlich für jedermann freigegebene künstliche Intelligenz DALL-E [2] hat es ausgespuckt, nachdem man ihr die Stichworte “1960’s art of cow getting abducted by UFO in midwest” vorgesetzt hatte. Über den ästhetischen Wert des Werks mag man streiten, ein Hingucker ist es allemal. Trotz allem könnte man künftig davor zurückschrecken, mit so etwas die eigenen Wände zu verzieren. Und zwar weniger aus Gründen des guten Geschmacks oder wegen der fehlenden Kompatibilität mit dem Einrichtungsstil, sondern wegen rechtlicher Bedenken.
Die weltgrößte und global operierende Bildagentur Getty Images hat genau aus diesem Grund den Verkauf solcher KI-erzeugter Bilder auf ihrer Plattform bereits verboten. Denn alle visuellen Schöpfungen einer künstlichen Intelligenz sind im Kern Nachahmung und/oder Kopie. Was die KI über Personen und Dinge, Farben und Formen weiß, das kann sie nur aus unvorstellbaren Massen von Bildern wissen, mit denen sie trainiert wurde. All diese Bilder haben jeweils einen Urheber, der eventuell Rechte einfordern kann. Inzwischen gibt es sogar eine Webseite [3], mit der Sie recherchieren können, ob eines Ihrer Bilder (oder ein Bild, das Sie selbst zeigt) in einem der größten Bilder-Trainingsdatensätze steckt, dem LAION-5B mit fast sechs Milliarden Bildern.
Man mag mit fremden Bildern zum eigenen Vergnügen spielen dürfen, selbst wenn sie oft von Webseiten und aus Bilddatenbanken geklaut sind. Aber sobald man die Resultate verkauft, gerät man mindestens in einen Graubereich, in dem das Urheberrecht, aber auch das Recht am eigenen Bild oder Markenrechte Dritter tangiert sein könnten. Getty Images ist das zu heiß, die Risiken sind zu hoch, die Rechtsfolgen nicht abzuwägen. Da beugt man lieber mit dem Handelsverbot vor.
Wo die Agenturen nicht mehr mitspielen, bleibt noch der Verkauf auf eigene Faust. Im Internet gibt es etliche Marktplätze, etwa OpenSea [4] oder Mintables [5], die sich darauf spezialisiert haben, besondere Eigentumszertifikate zu handeln, die auf einer Blockchain aufbauen (meist Ethereum). Mit einem sogenannten Non-Fungible Token (NFT) erwirbt der Käufer Eigentums- oder Verwertungsrechte an einer oft rein digitalen Sache. Dabei handelt es sich häufig um eine Bilddatei, und die darf auch von einer KI generiert sein. Der Hype um das mit Digitalkunst angeblich leicht zu verdienende Einkommen für alle Kreativen hat dazu beigetragen, NFTs zu Spekulationsobjekten zu machen. Allerdings spielen nur sehr, sehr wenige hohe Summen ein. Und auch da wäre es der Anbieter, der im Zweifelsfall beweisen müsste, über die alleinigen Rechte am jeweiligen Werk zu verfügen.
Neben der Rechtsfrage tun sich noch andere Probleme auf: Kann etwas kreativ sein, das ausschließlich darauf beruht, Werke Dritter mit fixen Algorithmen zu verfremden und neu zu kombinieren? Wenn es das nämlich nicht wäre, von Menschen nur mittelbar erzeugt wurde und auch kein handwerkliches Können erfordert hat, dann wäre es womöglich keine Kunst. Dann erreicht es vielleicht aber auch nicht die Schöpfungshöhe, die es selbst als Werk schützt. Stattdessen wäre es gemeinfrei, das NFT sinnlos und ein Preis nicht zu rechtfertigen. Oder: Einen Schöpfungswillen oder eine Aussageabsicht kann ein Computer ja nicht haben, kann er dann selbst Urheber sein? Ist dann der Erfinder des Algorithmus, den der Computer umsetzt, der Urheber? Oder der Programmierer, der den Algorithmus benutzt? Oder etwa beide? Und wer hätte dann welche Rechte?
Auf keine dieser Fragen gibt es eine simple Antwort. Der ungefährlichste Weg wäre es sicher, die legale Kopie eines alten Meisters den zweifelhaft kopierten Kühen der jungen KI vorzuziehen.
Jens-Christoph Brendel
Stellv. Chefredakteur
Infos
- Bild mit Kuh:https://commons.wikipedia.org/wiki/Datei:1960%27s_art_of_cow_getting_abducted_by_UFO_in_midwest.jpg
- DALL-E:https://openai.com/dall-e-2
- Bildersuche in Trainingsdaten: https://haveibeentrained.com
- OpenSea: https://opensea.io/de-DE
- Mintables: https://www.mintables.club







