Uns wird etwas serviert, das wir nicht bestellt haben. Wir sollen uns etwas schmecken lassen, von dem am Ende nur der Koch profitiert: das Metaverse. Da lohnt ein Blick auf das Rezept.
Wer soll das bezahlen, wer hat das bestellt? Das muss man sich fragen, denn die Rechnung wird, so steht zu befürchten, so opulent wie das Mahl. Aufgetischt wird das neue Internet, die nächste disruptive Erfindung. Dabei handelt es sich beileibe nicht um Magerkost, sondern – Trommelwirbel, Tusch – um das Metaverse. In dieser virtuellen Welt agiert man in Gestalt eines Avatars und kann tun, wozu einem in der realen Welt der Mut, das Geld oder die Gelegenheit fehlt. Ins Weltall fliegen, durch Räume schweben, unter Palmen Longdrinks schlürfen, aussehen wie George Clooney oder Superkräfte haben – alles ist möglich, in Farbe und 3D. Allein: Die eine Hälfte der Versprechungen bleibt am Ende eben doch nur eine Illusion, und die andere Hälfte ist ebenso oder besser in der analogen Welt realisierbar. Warum also sollte man das bestellen? Und wenn es keiner bestellt hat: Warum gibt es das dann?
Das hat mehrere Gründe. Zahlreiche Skandale haben Facebooks Ruf ruiniert, angefangen bei Cambridge Analytica und wahrscheinlich noch nicht beendet mit den jüngsten Enthüllungen der Whistleblowerin Frances Haugen. Das nährt bei den Verantwortlichen den Wunsch, die Leute mögen nicht über Facebook reden, sondern besser über Meta, wie die Konzernmutter neuerdings heißt, und auch nicht über miesen Datenschutz oder die ungelösten Probleme mit Hassrede und Falschinformationen, sondern über die neue Glitzerwelt. Obendrein gehen dem Metaverse ja vielleicht auch ein paar Jüngere auf den Leim, während die Facebook-Gemeinde schleichend vergreist. Und nicht zuletzt: Die 2 Milliarden US-Dollar, die Facebook 2014 für den VR-Brillen-Hersteller Oculus bezahlt hat, müssen sich irgendwie amortisieren. Was liegt da näher, als eine VR-Welt aus dem Hut zu zaubern, die solche Brillen braucht?
Über ein paar Schönheitsfehler muss man da hinwegsehen. Beispielsweise hat das Metaverse nicht nur niemand bestellt, auch nach dem Servieren kann da keiner mitreden. Die Spielregeln dieser und ähnlicher Welten (Microsoft will seiner Kollaborationslösung Teams ebenfalls 3D-Avatare spendieren) haben sich ein paar amerikanische Milliardäre ausgedacht. Was denen nicht in den Kram passt, kommt in ihren Paralleluniversen erst gar nicht vor – Demokratie zum Beispiel.
Nicht zu vernachlässigen ist auch, dass das Metaverse große Portionen einer kostbaren Ressource verschlingen wird: unserer Aufmerksamkeit. Auf die haben es ja Werber, Verkäufer, Politiker, Künstler und die Medien ohnehin schon abgesehen. Wer sich nun aber zusätzlich auch noch in eine Traumwelt versenkt, der läuft Gefahr, sich fremden Einflüssen gar nicht mehr entziehen zu können und die Hoheit über die Informationen aus der Hand zu geben, die sein Weltbild prägen.
In wessen Interesse also soll diese virtuelle Welt des Metaverse entstehen? Wer will uns das schmackhaft machen? Die Antwort verbirgt sich in einer anderen Frage: Wer hat so viel Pinkepinke, wer hat so viel Geld?
Jens-Christoph Brendel
Stellv. Chefredakteur







