Die mobile Linux-Distribution PostmarketOS, ein Fork von Alpine Linux, unterstützt rund ein Dutzend Nutzeroberflächen.
Mobile Linux-Betriebssysteme erfuhren in den letzten Jahren durch die Entwicklung von Linux-Smartphones wie dem PinePhone oder dem Librem 5 enormen Aufschwung. Es gibt mittlerweile rund zwei Dutzend, die 15 wichtigsten finden Sie auf dem ISO der Multi-Distro-Demo des Entwicklers Megi zum Test vereint [1]. Die Fragmentierung in der Nische der mobilen Linux-Betriebssysteme ist relativ hoch, aber die Szene befruchtet sich gegenseitig.
Als Ansporn dient der Wunsch, dem Duopol von Android und iOS etwas entgegenzusetzen, das Open-Source-Begeisterte bedenkenlos einsetzen können. Dabei geht es auch um Nachhaltigkeit. Mobilgeräte sollen möglichst für zehn oder mehr Jahre unterstützt und damit aktuell und sicher gehalten werden, statt wie bei Android nach üblicherweise zwei Jahren aus dem Aktualisierungsprozess herauszufallen und als Sondermüll zu enden. Dabei ist Mainlining [2] ein wichtiges Stichwort, also das Ersetzen des mitgelieferten Kernels durch einen Kernel, der dem Mainline-Kernel von Kernel.org möglichst weitgehend entspricht.
Im Zentrum dieser Entwicklung steht das seit 2017 entwickelte Open-Source-Projekt PostmarketOS (PMOS [3]), ein Fork der minimalistischen Distribution Alpine Linux, die ohne Kernel nur 6 MByte belegt [4]. PMOS unterstützt verschiedene Benutzeroberflächen (Abbildung 1), darunter KDE Plasma Mobile, Unity 8 (das mittlerweile Lomiri heißt), Purisms auf GTK-Basis für das Librem 5 entwickelte Wayland-Oberfläche Phosh, den Tiling-Compositor Sway, das nach dem Suckless-Prinzip entwickelte Sxmo, Gnome, Mate und XFCE4. Auf Geräten wie dem PinePhone oder dem Librem 5 läuft von Haus aus ein Mainline-Kernel, aber auch alle Android-Geräte mit PMOS sollen langfristig möglichst damit agieren.

Abbildung 1: Plasma Mobile (links) ist eine der ältesten mobilen Umgebungen für Linux-Smartphones. Die Oberfläche Phosh (rechts) wurde von Purism für das Librem 5 entwickelt.
Neben dem PinePhone und dem Librem 5, auf denen PMOS am ehesten die Nutzbarkeit als täglicher Begleiter demonstriert, gibt es derzeit 14 Geräte, die die Community betreut und die sich in unterschiedlichen Stadien der Benutzbarkeit befinden. Dazu zählen Geräte wie das Nokia N900, Wileyfox Swift, OnePlus 6, BQ Aquaris X5 und das PineTab-Tablet von Pine64. Darüber hinaus sind rund 300 Geräte in der Lage, von einem PMOS-Abbild zu starten; rund 90 davon verfügen bereits über Mainline-Unterstützung. Sobald sich Betreuer für diese Geräte finden, steigen sie in den Rang der Community-Projekte auf. Eine Liste aller unterstützten Geräte führen die Entwickler im Wiki des Projekts [5].
Seit Kurzem arbeiten die Entwickler von PMOS zusätzlich an der Bereitstellung der Distribution für Smartwatches. Dazu integrierten sie die Bedienoberfläche des eigens für diese Gerätekategorie entwickelten, auf Qt5 und QML basierenden AsteroidOS [6] in das Repository von PMOS. Auch hier geht es hauptsächlich darum, den oft gegenüber Smartphones mit noch kurzlebigerem Software-Support versehenen proprietären Geräten fürs Handgelenk ein Betriebssystem mit langfristiger Unterstützung entgegenzusetzen. AsteroidOS unterstützt derzeit insgesamt 14 der kleinen Computer [7].
Schnell installiert
Für weniger technikaffine Zeitgenossen ist es auch nach Jahren der Entwicklung noch ein fehleranfälliges Unterfangen, ein Android-ROM wie LineageOS auf einem Android-Mobiltelefon zu installieren. Die neue Garde der Linux-Smartphones vereinfacht diesen Vorgang erheblich. Zunächst befördern Sie das Abbild mit dem Linux-Befehl Dd oder einem Werkzeug wie Etcher auf eine SD-Karte. Die stecken Sie dann etwa beim PinePhone nach Abnehmen der Gehäuserückseite in den Einschub oberhalb der SIM-Karte und booten davon. Das entspricht quasi dem Testen der Live-Version einer Distribution für den Desktop von einem USB-Stick. Dabei macht das bereits erwähnte Multi-Boot-ISO eine gute Figur, das 15 Distributionen zum Testen auf einer SD-Karte vereint.
Wenn Sie die Multi-Boot-ISO auf der SD-Card abgelegt und diese in das PinePhone oder ein anderes unterstütztes Gerät gesteckt haben, sehen Sie nach dem Start ein Auswahlmenü, das die verfügbaren Nutzeroberflächen auflistet, darunter fünf PMOS-Varianten mit Plasma Desktop, Plasma Mobile, Phosh, Gnome und Sxmo (Abbildung 2). Sie navigieren mit der Lautstärke-Wippe durch die Optionen und rufen die gewählte Oberfläche mit der Starttaste auf. Ganz oben in der Auswahl finden Sie eine eventuell im fest verbauten internen eMMC-Speicher bereits installierte Distribution. Am unteren Ende aktivieren Sie bei Bedarf einen privaten Modus, der WLAN, Kamera und Mikrofon für den Test deaktiviert.

Abbildung 2: Megis Multi-Boot-ISO ist eine gute Möglichkeit, neben Distributionen wie Mobian, Arch, Fedora und Sailfish auch PostmarketOS mit vier verschiedenen Umgebungen kennenzulernen.
Somit bietet dieses ISO den schnellsten Ausgangspunkt, um PMOS in ganzer Breite auf dem PinePhone oder anderen unterstützten Smartphones kennenzulernen. Möchten Sie die verschiedenen Varianten lieber einzeln testen oder haben sich bereits auf eine Oberfläche festgelegt, so finden Sie im PMOS-Wiki ausführliche Anleitungen und Berichte, was mit der jeweiligen Oberfläche bereits funktioniert und was noch etwas Zeit braucht [8].
Die auf dem Multi-Boot-ISO versammelten Distributionen sind zum Testen gedacht, nicht für eine Installation. Hier bieten die Abbilder der einzelnen Distributionen einige Vorteile. Dazu zählt, dass Sie unter Umständen ein aktuelleres Abbild Ihrer Wunschoberfläche erhalten, denn Sie erstellen das Abbild selbst mithilfe des zu PMOS gehörenden Pmbootstrap [9]. Außerdem erweitert diese Methode das Root-Dateisystem gleich automatisch auf den gesamten verfügbaren Platz der SD-Karte. Darüber hinaus lässt sich ein öffentlicher Schlüssel für SSH direkt im System platzieren, falls er auf dem Linux-PC liegt, von dem aus Pmbootstrap läuft.
Wenn Sie mit PMOS liebäugeln, sollte Ihnen bewusst sein, dass das Projekt sich mit PMOS auf Neuland begibt und die Distribution sich noch in der Entwicklung befindet; eine erste stabile Version wurde Anfang Juli 2021 veröffentlicht. Allerdings ergibt sich in Kombination mit dem günstigen PinePhone ein ideales Experimentierfeld, um sich mit der neuen Nische Linux-Phone vertraut zu machen. Behalten Sie das im Hinterkopf, steht einer Installation auf der internen eMMC-Speicherkarte des PinePhone nichts mehr im Weg. Das erledigen Sie entweder direkt per Pmbootstrap oder übernehmen PMOS von einer gebooteten SD-Card mit Jumpdrive [10] auf die eMMC.
PinePhone
Beim PinePhone stagnierte die Entwicklung längere Zeit beim Ruhezustand (Suspend) oder besser gesagt bei der Unfähigkeit, daraus zeitig genug aufzuwachen, wenn ein Anruf hereinkommt. Das Problem ist mittlerweile behoben, sodass Sie den Ruhezustand nutzen und Anrufe beim ersten Klingeln annehmen können. Das sorgt auch für eine annehmbare Laufzeit.
Zudem war lange Zeit die Kamera ein unnützes Bauteil, da es keine App gab, um Bilder aufzunehmen. Hier sorgte der von Fotografie begeisterte PMOS-Entwickler Martijn Braam mit seiner App Megapixels für Abhilfe. Für PMOS entwickelt, erfreut sie sich mittlerweile einer weiten Verbreitung bei anderen Mobildistributionen. Die Reise dorthin hat Braam in einer Serie von vier Blog-Einträgen beschrieben [11]. Ebenfalls von ihm stammt eine Umsetzung von Gnome Tweaks für PMOS, die dort folgerichtig den Namen PostmarketOS Tweaks führt [12].
Listing 1 fasst die Befehle zusammen, mit denen Sie PMOS auf eine SD-Card bekommen, die Sie dann im PinePhone booten. Die beim Start abgefragte PIN und die Passwörter für User und Root lauten für Megis Multi-Boot-ISO »1111«. Bei einem selbst erstellten Image legen Sie diese Angaben während des Bootstrap-Prozesses fest.
Listing 1
PMOS auf eine SD-Card installieren
### Python-Pip3 im PC installieren ### Debian: $ sudo apt install git python3-pip ### Fedora: $ sudo dnf install git python3-pip ### Pmbootstrap installieren: $ pip3 install --user pmbootstrap ### Aufsetzen einer Umgebung: $ pmbootstrap init ### Release Channel: stable oder edge ### Auswahl des Herstellers: pine64 ### Codename: pinephone ### Zeitzone, Name etc. festlegen ### Bei Bedarf SSH-Key kopieren ### Installation anstoßen. Zuvor mit ### fdisk -l überprüfen, ob mmcblk0 ### das richtige Gerät ist $ pmbootstrap install --sdcard=/dev/mmcblk0 ###
Zusätzliche Pakete installieren Sie mit der Alpine-Paketverwaltung. Um etwa Braams Foto-App zu installieren, nutzen Sie »sudo apk add megapixels«. Alpine verwendet kein Systemd, sondern RC als Init-Programm. SSH schalten Sie also mit »sudo rc-service sshd start« frei. Um SSH bei jedem Neustart zu aktivieren, schicken Sie den Befehl »sudo rc-update add sshd« hinterher. Die für SSH benötigte IP-Adresse des PinePhone finden Sie wie gewohnt mit den Befehlen »ifconfig« oder »ip a«.
Wir fanden bei unseren aktuellen Tests die Librem5-Oberfläche Phosh am ehesten geeignet, um PMOS im besten Licht zu zeigen. Die Version aus Megis ISO wurde mit Kernel 5.13-rc4 ausgeliefert. Neben der Telefonie-App, dem Chat-Modul Chatty und der Kontakte-App sind einige bereits von Gnome bekannte Programme wie Files, Software, Settings, Terminal und Tweaks installiert (Abbildung 3). Zusätzlich gibt es ein Welcome-Menü, das die verschiedenen Gesten erklärt, sowie Firefox und Megapixels.

Abbildung 3: Als Fork von Alpine Linux nutzt PMOS dessen Paketmanager Apk (links). Als Dateimanager kommt eine mobil angepasste Version der Gnome-App Files zum Einsatz (Mitte). Nicht bei allen Mobil-Distributionen ist Firefox so gut angepasst wie bei PMOS mit Phosh (rechts).
Wir installierten im Test Gnome Screenshots, Gnome Maps und Htop nach, die alle funktionieren. Der schwachen Hardware des PinePhone geschuldet, geht es allerdings recht gemächlich zu. Zudem passen noch nicht alle Apps perfekt zum Formfaktor, was dazu führt, dass Sie bei manchen Aktionen das Gerät um 90 Grad drehen müssen, um bestimmte Schalter zu erreichen.
Fazit und Ausblick
Insgesamt dürfte die derzeitige Funktionalität von PostmarketOS den wenigsten Anwendern ausreichen, um das PinePhone als alleinigen täglichen Begleiter zu nutzen. Das liegt einerseits an der beschränkten Hardware und andererseits am frühen Entwicklungsstand von PMOS selbst.
Viele Anwender sehnen sich nach einem Linux-PC in der Hosentasche, und die Tatsache, dass es so lange dauert, enttäuscht viele Enthusiasten. Aber man darf nicht vergessen, dass gerade erst die Grundlagen für eine – hoffentlich nachhaltige – Entwicklung gelegt werden. (jlu)
Infos
- Megis Image: https://linuxnews.de/2021/06/pinephone-15-distributionen-in-einem-image/
- Mainlining: https://wiki.postmarketos.org/wiki/Mainlining
- PostmarketOS: https://en.wikipedia.org/wiki/PostmarketOS
- Alpine: https://de.wikipedia.org/wiki/Alpine_Linux
- Unterstützte Geräte: https://wiki.postmarketos.org/wiki/Devices
- AsteroidOS: https://linuxnews.de/2021/05/postmarketos-integriert-asteroid-ui-fuer-smartwatches/
- Smartwatches: https://asteroidos.org/install/
- Interfaces: https://wiki.postmarketos.org/wiki/User-Interfaces
- Pmbootstrap: https://wiki.postmarketos.org/wiki/Installing_pmbootstrap
- Jumpdrive: https://github.com/dreemurrs-embedded/Jumpdrive
- Megapixels: https://blog.brixit.nl/pinephone-camera-pt4/
- PMOS-Tweaks: https://linuxnews.de/2021/04/postmarketos-mit-eigenem-tweaks-tool/






