Aus Linux-Magazin 06/2021

Editorial 05/2021

Sollen Daten, die in Zukunft auch Diagnose und Therapie von Krankheiten revolutionieren werden, als Ware gelten, die sich eventuell nicht jeder leisten kann? Oder soll man sie als Gemeingut behandeln, das allen Bedürftigen zur Verfügung steht?

Ein Computer kann zwar kein Bier verkosten, wohl aber aus Tausenden Rezepten ein neues kombinieren. Das soll er mit künstlicher Intelligenz (KI) tun – einfach, weil’s geht. Das jedenfalls ist das Motto der Schweizer Brauerei MNBrew, die eine KI auf Biere losgelassen hat. Allerdings war schon ein Brauer in der Steinzeit (ja, so lange gibt es Bier) dem Rechner weit überlegen: Er konnte nicht nur die Parameter variieren, sondern auch das Ergebnis beurteilen und den Prozess damit eigenständig optimieren. Die KI dagegen braucht einen Menschen, der ihr sagt, wenn ihre Plörre grässlich schmeckt. Aber egal: Wird nicht alles zu Gold, was man irgendwie mit KI in Verbindung bringen kann?

Bei Bier ist das noch lustig, bei der Gesundheit hört der Spaß auf. Dabei geht es hier um unvorstellbare Datenmengen. Wer einen Fitness-Tracker oder eine Smartwatch nutzt, der weiß wenigstens, dass seine Schrittzahlen, Pulsrate, EKG-Aufzeichnungen, Schlafdaten und dergleichen kontinuierlich auf irgendwelchen Servern landen. Darüber hinaus aber geht es um alle Daten, die in der Vergangenheit, jetzt oder in Zukunft irgend etwas mit unserer Gesundheit zu tun haben: alle jemals ausgewerteten Blutbilder, Urinproben, Biopsien, die Ergebnisse aller ärztlichen Untersuchungen und alle jemals bei uns diagnostizierten Krankheiten, alle verordneten Medikamente, Impfungen, das Trink- oder Rauchverhalten, Allergien oder die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe, genetische Daten, die Sehstärke, intellektuelle Fähigkeiten und so weiter. Im Jahr 2020 addierten sich derartige Daten zu weltweit rund 2314 Exabytes. Ein Exabyte sind eine Milliarde Gigabytes.

Auch hier kommt die KI als Wunderwaffe gegen die Datenflut ins Spiel. Daneben geht es um sehr viel Geld, das der verdienen kann, der diese Daten auswertet. Aber für wen werden sie damit nutzbar? Jeder ist eine potenzielle Datenquelle, doch wäre auch jeder ein Profiteur? Zahlt die PKV auch dem Rentner im Arme-Leute-Basis-Tarif eine KI-gestützte Diagnose? Falls ja, kann die KI, die seinen Arzt berät, auch aus Datensätzen lernen, die private Firmen sammeln?

Die Gefahr der Monopolisierung solcher Daten ist real. Ein Indiz unter vielen dafür ist die Übernahme von Fitbit durch Google. Mehr als zwei Milliarden Dollar legte der Tech-Gigant auf den Tisch, um den führenden Hersteller von Fitness-Trackern zu erwerben, also von Geräten, die fortlaufend Gesundheitsdaten liefern. Tatsächlich wurde Google zum Beispiel im Wissenschaftsmagazin Nature schon öffentlich kritisiert, weil der Konzern in einer KI-Studie zu Brustkrebs den Algorithmus, die verwendeten Daten und die Methodik nicht ausreichend transparent machte.

Solche Fragen brachten den ehemaligen IBM-Manager Bart de Witte dazu, eine gemeinnützige Organisation zu gründen, die Hippo AI Foundation. Ihr Ziel ist die Demokratisierung der medizinischen KI. De Witte orientiert sich explizit am Open-Source-Gedanken: Die Datensätze, das Rohmaterial für jegliches maschinelles Lernen, sollen unter einer Lizenz nach dem Vorbild der Creative Commons stehen und zum Gemeingut werden. In einem ersten konkreten Projekt – Viktoria 1.0 – macht sich die Foundation daran, die weltweit größte offene Datenbank für den Kampf gegen Brustkrebs zu schaffen.

Jens-Christoph Brendel

Stellv. Chefredakteur

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