Wer glaubt, völlig frei und unbeeinflusst selbst zusammenstellen zu können, woraus er sich informiert, könnte einer Illusion aufsitzen. Warum wollen nicht dasselbe ist wie können.
“Werte Genossen! Bei der Weiterführung der Kampagne bitten wir, in den nächsten Tagen Folgendes zu beachten: Grundsätzlich ist nicht mehr der Begriff XYZ zu verwenden.” Bis hinab auf die Ebene der Wortwahl reichten die Propaganda-Direktiven der SED für die Redaktionen ihrer Parteiorgane. Dennoch blieb deren Wirkung weitgehend Illusion, waren doch die meisten Hausantennen im ehemaligen Ostdeutschland gen Westen gerichtet. Und dort, gottlob, gab es ja die freie Presse.
Gab es die wirklich? Manche rechnen ja auch die Öffentlich-Rechtlichen zu den “Mainstream-Medien”, die – per “Zwangsabgabe” finanziert – von unsichtbarer Hand gesteuert das Volk verdummen. Muss sich der unabhängige Freigeist von heute nicht stattdessen in den “alternativen” Medien informieren, die vorgeben, freimütig das anzusprechen, was die “Lügenpresse” verschweigt? Muss er nicht zu KenFM navigieren, zu den Nachdenkseiten.de, zu Rubikon, zu MM News und wie die Sprachrohre der meist rechtslastigen Heilsverkünder alle heißen?
Oder sind auch diese Alternativen am Ende nur überflüssige Gatekeeper? Hat uns nicht das Internet eine Welt beschert, in der inzwischen jeder jede Information konsumieren (und auch wieder verbreiten) kann, die irgendwer irgendwo in Umlauf bringt? Steht nicht heute jedem eine Plattform offen, die potenziell alle erreicht? Und kommen wir nicht gut ohne Deutungshoheit zurecht?
Oder ist auch das ein Irrglaube? Schließlich kann niemand sämtliche Informationen verarbeiten oder auch nur alles im Internet lesen – unsere Kapazität genügt gerade für winzige Fragmente. Daraus folgt, dass Auswahl unvermeidlich ist. Alles, was in Googles Trefferliste oder in dessen Discovery-Newsfeed landet oder was in der Facebook-Timeline aufscheint, spiegelt aber nicht etwa die unverstellte Wirklichkeit wider, aus der wir selbst nach Gusto wählen könnten, sondern ist bereits das Ergebnis einer Filteroperation, auf die wir keinen Einfluss haben.
Google und Facebook wählen und sortieren für uns, was ihren Algorithmen passend erscheint. Die Zielfunktion dieser oft auf den jeweiligen News-Konsumenten persönlich zugeschnittenen Filter mag auf den ersten Blick eher wirtschaftlich als politisch orientiert sein, schließlich heißt der Endzweck Geld durch Werbung – aber das ändert wenig. Der Leser bekommt nur zu Gesicht, was Dritte ihm zubilligen, und baut sich daraus seine Welt.
Dabei scheinen mir Google, Facebook und Konsorten die gefährlichsten Player in diesem Spiel zu sein, gerade weil sie keine politischen Parolen vor sich hertragen. Gerade weil sie als neutrale Dienstleister erscheinen wollen, nichtsdestotrotz aber sowohl Echokammern erschaffen als auch denen eine Bühne bieten, die Hass, Verschwörungsmythen und Desinformation verbreiten. Gerade weil sie durch die Überwachung von Milliarden Nutzern riesige Mengen persönlicher Informationen sammeln und im eigenen Interesse auch nutzen. Gerade weil es wirtschaftlich übermächtige, marktbeherrschende und damit auch politisch einflussreiche Akteure sind. Gerade weil sie wie Medien wirken, ohne sich deren Verantwortung zu stellen.
Was kann man tun? Sich des Problems bewusst sein und fragen, wem etwas nutzt. Man kann die Regulierung der Tech-Giganten unterstützen, neugierig sein und skeptisch bleiben – ganz besonders denen gegenüber, die sich selbst ihrer vollkommenen, interessenlosen Objektivität wegen loben. So etwas gibt es nicht.
Jens-Christoph Brendel
Stellv. Chefredakteur








Ich habe gestern das erste Mal das Linux Magazin gekauft, weil ich mit der politischen Grundausrichtung meines bisher gekauften Computermagazin aus einem anderen Verlag immer unzufriedener war. Es wird die Propagandaausrichtung der Medien unhinterfragt übernommen und wiedergegeben. Deshalb wollte ich mich nach einem neutraleren Magazin umschauen, leider habe ich versäumt das Vorwort zu lesen. Ich verstehe zwar, worum es Ihnen geht und ihr Bogen hinzu der Manipulation durch die Grossen Internetunternehmen deuten auf Weitblick hin, aber die Einleitung, wie sie auch hier steht, ist eine nicht nachvollziehbare Stigmatisierung. Ich würde erwarten das man sich wirklich darüber informiert, über was man… Mehr »
Hallo Herr Strübig,
die Einordnung einiger Internetseiten als eher rechts ist nicht das Thema des Editorials, sondern eine Nebenaussage. Sicherlich kann man da verschiedener Meinung sein. Allerdings widersprechen Sie sich selbst, wenn sie als Streiter für Meinungsvielfalt alle Medien über einen Kamm scheren und ihnen eine angebliche Propagandaausrichtung unterstellen. Und Parolen wie “Lügenpresse”, “Staatsmedien” und dergleichen gehören nun mal zum eher rechten Vokabular.
Wenn ihre Fachartikel zu LINUX genau so falsch sind wie ihre Einschätzung der von ihnen erwähnten Internetseiten, dann ist eine technische Katastrophe vorprogrammiert.
Wie einfach doch das Leben des gemeinen Journalisten geworden ist!
Man muss nicht mehr belegen was man behauptet, sondern difammiert faktenfrei, dafür aber umso meinungsstärker was das Zeug hält.
Ich kann dem Kommentar von J.Strübung nur zustimmen.
Wer die Nachdenkseiten, Rubikon und KenFM als rechtslastig bezeichnet, beweist nur eines, dass er die Genannte nie gelesen hat.
Auch MMNews bewegt sich ganz locker auf dem Boden des Rechtsstaates, es wäre ja schlimm, wenn alle die gleiche Meinung hätten.
Eine Schande, dass jetzt auch schon Blätter mit technischer Ausrichtung zu Propagandaschleudern verkommen.
Lieber Herr Brendel, dass die politischen Ränder, links wie rechts, sich in einem “Kampf gegen die sogenannte Mainstream-Presse” wähnen, kann niemanden ernsthaft verwundern. Wer am Rand steht, der fühlt sich von der Mitte ausgegrenzt, unverstanden – und vice versa. Da in Pandemiezeiten Corona alles überlagert, finden sich naturgemäß auch da Überschneidungen bei den politischen Extrem-Polen – auch im Vokabular, sei es nun “Lügenpresse” oder “Corona-Diktatur”. Aber das ist kein valides Argument, Links und Rechts einfach gleichzusetzen und alles unter “rechtslastig” zu subsummieren. Ein typischer AfD-Wähler würde sich mit Grausen abweden, wenn er zufällig auf Rubikon oder Nachdenkseiten landet und Artikel… Mehr »
Hallo Micha,
vielen Dank für Deinen einigermaßen konstruktiven Kommentar! In der Tat war der Grund meiner Zuordnung der Nachdenkseiten die dort verbreitete Erzählung von einer angeblichen Meinungsdiktatur der “Mainstreammedien”. So wird mir jetzt dort vorgeworfen, ich plappere nach, was “die Agitatoren der westlichen Mehrheitsmeinung” verbreiten, etc. Derart pauschale Vorwürfe rücken sich selbst in die Nähe eindeutig rechter Propagandafloskeln von “Lügenpresse”, usw. Man kann darüber streiten, ob man mit einem Namen für das Gebiet auskommt, in dem sich die Enden des Spektrums berühren, oder ob man sie dennoch auseinanderhalten sollte. Das wäre eine Diskussion wert.
Lieber Jens-Christoph,
pauschale Vorwürfe? Ich denke, dass ist in diesem Fall ein ziemlich konkreter Vorwurf. Nachdenkseiten in die rechte Ecke zu stellen beweist eindeutig, dass Du Dich damit nicht mehr auseinandergesetzt hast, als vielleicht irgendwann eine Überschrift zu lesen. Ich bin aber nicht gekommen, um Dir weitere Vorwürfe zu machen, möchte dennoch sagen, dass man mehr Sympathiepunkte sammelt, wenn man einen Fehler zugeben kann. Du kannst natürlich noch ein paar weitere Sätze schreiben, die aus Deiner Sicht die Richtigkeit Deiner Aussagen bestätigen. In der Linux-Gemeinde wirst Du damit besonders viel Erfolg haben.
Viele Grüße
Hallo Jens, du hast völlig Recht, dass der Vorwurf gegen dich auf den Nachdenkenseiten zu pauschal ausfällt (die “Waschlappentheorie“). Vielleicht fühlt sich Albrecht Müller, der Herausgeber der Nachdenkseiten, als SPD-Urgestein im Bundeskanzleramt unter Willy Brandt und Helmut Schmidt, etwas beleidigt, wenn seine Webseite “rechtslastig” genannt wird. Du führst nun die Hufeisen-Theorie an, nach der politische Extreme keine Gegenpole sind, sondern sich berühren. Faktencheck: “Das Hufeisenmodell war nie zeitgemäß”. Schon immer habe es die politischen Lager “fahrlässig vereinfacht” und eine gefährliche Gleichsetzung zwischen links und rechts provoziert, so der Wissenschaftler. “Heute ist sie allerdings noch absurder als früher”. (ZDF und Wikipedia)… Mehr »
Hallo Micha, ich will es nicht über Gebühr ausdehnen, aber ich vertrete kein Hufeisenmodell im Sinne der Gleichsetzung von Linken und Rechten. Allerdings glaube ich, dass sich die Narrative beider Seiten partiell annähern. Einer dieser Punkte ist die gerade auch von den Nachdenkseiten immer wieder vertretene Sage von einer zentralgesteuerten Meinungsmanipulation. Die Behauptung, dass wir fortwährend gezielt belogen werden, ist von Lügenpresse offenbar nicht weit weg. Wenn ich auch einmal Wikipedia zitieren darf (Stichwort: Lügenpresse): “Seit Beginn des 21. Jahrhunderts wird der Ausdruck Lügenpresse – zumal in Deutschland – vorrangig von rechtsextremen und rechtspopulistischen, völkischen oder auch fremdenfeindlichen und islamophoben… Mehr »
Einverstanden, der Begriff “Lügenpresse” wird vorrangig von rechten Kreisen verwendet. Du machst aber den Umkehrschluss. Viele rechtslastige Webseiten nutzen “Lügenpresse”, aber nicht jede Webseite, die “Lügenpresse” nutzt, ist rechtslastig. Viele NeoNazis rasieren sich auch die Köpfe, aber nicht jeder Mann mit Glatze ist ein NeoNazi. Auffällig ist, dass du bei deiner Aufzählung rechtslastiger Sprachrohre nicht eine der tatsächlichen Speerspitzen rechter Propaganda benennst, wie z.B. Compact, und dass “Lügenpresse” auch das einzige Auswahlkriterium zu sein scheint. Du wirst auf Rubikon oder den Nachdenkseiten aber keine rechtspopulistischen, völkischen, fremdenfeindlichen oder islamophoben Inhalte finden! Sie erfüllen abseits von “Lügenpresse” kein Kriterium einer rechtslastigen… Mehr »
Das Du Dich als nachweislich pauschaler Diffamierer über pauschale Vorwürfe beschwerst, grenzt an Ignoranz. Was erwartest Du? Das Du z.B. gängige Begriffe wie Mainstreammedien in Anführungszeichen setzt, zeigt nur, dass Du von der Thematik keine Ahnung hast. Natürlich gibt es einen medialen Mainstream. Mit diesem Thema haben sich Wissenschaftler auseinandergesetzt und z.B. das “Propagandamodell” (https://en.wikipedia.org/wiki/Propaganda_model) entwickelt. Was Dir jetzt auf den Nachdenkseiten vorgeworfen wird, ist für mich absolut nachvollziehbar und gerechtfertigt. Was Micha zum Thema “politische Ränder” schreibt bedarf m.E. nach einer Ergänzung. Die Ränder werden in dem Maße größer, in dem die Mitte schrumpft. Dieser Schrumpfprozeß währt zwar schon… Mehr »
KenFM, Rubikon und Nachdenkseiten als rechtslastig zu bezeichnen ist entweder völlig weltfremd, schlechter Journalismus oder plumpe Meinungsmache. Damit verschwindet das Linux Magazin aus meinen Bookmarks.