Tauscht die Datenwirtschaft nur den Rohstoff aus, und ansonsten bleibt alles beim Alten? Oder stellt sie die alte Wirtschaft auf den Kopf und lässt nichts so, wie es war? Sieben Thesen zu einem Stoff ohne Vorbild.
“Daten sind das Öl unserer Zeit.” Fünf Euro ins Phrasenschwein – nein, besser zehn. Denn der Satz aus dem Parolenschatz semiorigineller PR-Strategen ist nicht nur reichlich abgegriffen, er ist darüber hinaus falsch. Tatsächlich sind Daten in vielerlei Hinsicht das direkte Gegenteil von Öl. Sieben Argumente stützen diese These.
Erstens – das mag vielleicht etwas spitzfindig klingen – es gibt das Öl, aber nicht die Daten. Das Erdöl besteht aus seit Jahrmillionen toten Algen. Aber was sind Daten? Der Stand meines Warmwasserzählers, die Corona-Statistik, die Anzahl über »eth0« gesendeter Datenpakete, TV-Einschaltquoten, die Sauerstoffsättigung im Blut, die Verkaufszahlen von Zimmermannshämmern via Amazon, der Hydraulikdruck in einer Produktionsanlage? Das alles und Abermillionen andere Werte mehr sind Daten. Soziale und technische, zugängliche und geheime, präzise und angenäherte, öffentliche und private, wichtige und unwichtige, persönliche und anonyme. Kann man sie in wirtschaftlicher Hinsicht alle über einen Kamm scheren? Wohl kaum. Daten sind divers.
Zweitens liegt ein fundamentaler Gegensatz auf der Hand: Öl ist ein Verbrauchsgut – Daten sind es nicht. Öl gibt es nur in endlicher Menge, und es ist nach seiner Nutzung nicht mehr da, denn es wird dabei in andere Stoffe oder in Energie umgewandelt. Daten dagegen verbrauchen sich im Zuge ihrer Nutzung nie, dieselben Daten sind immer wieder aufs Neue auswertbar. Öl ist endlich, Daten erschöpfen sich nicht.
Drittens: Daten lassen sich verlustlos, mit geringem Aufwand und beliebig oft kopieren, duplizieren, aber etwa auch stehlen. Selbst wenn es ihm gelänge, eine Rohölpipeline anzuzapfen, kein Kleinkrimineller könnte daraus direkt Kapital schlagen – aus einer Sammlung geklauter Kreditkartendaten aber schon. Für das Öl braucht es eine Raffinerie, für Daten reicht ein Rechner. Einmal sind für den Transport viele Fässer oder große Tanks vonnöten, im andern Fall ein fingernagelgroßer Chip. Öl ist ein physischer, Daten sind ein virtueller Rohstoff.
Viertens: Ein Fass Öl einer Sorte ist so gut wie ein anderes. Öl ist ein austauschbares Massengut. Daten dagegen, personenbezogene zumal, sind individuell. Meine und die Daten von jemand anderem unterscheiden sich und können auch verschieden wertvoll sein. Mehr noch: Meine Daten beschreiben meine Identität, alles was mich von anderen unterscheidet. Öl ist tote Materie, aber Daten können die Attribute lebendiger Menschen repräsentieren. Umso bedachtsamer sollte man mit ihnen umgehen.
Fünftens: Öl ist ein Rohstoff der Petrochemie, Daten sind ein Produktionsmittel der Plattformwirtschaft. Überall, wo sich zwei Parteien auf einem virtuellen Marktplatz treffen – Käufer und Verkäufer bei Amazon, Fahrer und Fahrgast bei Uber, Vermieter und Urlauber bei AirBnB, Hungriger und Gastronom bei Lieferando – folgen sie einem digitalen Businessplan, dessen Grundlage immer Daten sind. Mehr noch: Die Digitalisierung erschafft eine Datenökonomie mit eigenen Gesetzen, eigenen Geschäftsmodellen und eigenen Wertschöpfungsketten.
Sechstens: Gibt es mehr Öl, wird es billiger. Gibt es mehr Daten, werden sie wertvoller. Verknüpfte Daten sind meist kostbarer als ihre Teile. Das liegt daran, dass die Verknüpfung selbst zusätzliche Information generiert. Daran knüpfen sich grundlegende Fragen: Wer kann Daten sammeln und verknüpfen? Zu wessen Nutzen und welchem Zweck? Kann es noch Wettbewerb geben, wo Datenmonopole existieren?
Siebtens: Klimarettung bedeutet, auf fossile Brennstoffe zu verzichten, sprich: auch auf Öl. Die Katastrophe ist nicht abzuwenden, wenn wir weiter wie bisher Autos, Flugzeuge und Schiffe mit Ölprodukten betanken. Öl ist damit ein Stoff von gestern. Den Daten gehört die Zukunft.
Alles in allem: Öl und Daten haben nicht viel mehr gemein, als dass beiden zu ihrer Zeit eine wichtige Rolle in der Wirtschaft zukam – so wie Agrarprodukten in der Antike oder Fernhandelsgütern im späten Mittelalter. Jenseits dieser banalen Analogie gibt es kaum eine Vergleichsgrundlage. Im Gegenteil: Daten sind ein im Wortsinn unvergleichlicher Stoff, der Wirtschaft und Gesellschaft auf vollkommen neuartige Weise verbindet. Wer das verkennt, versteht die Welt nicht, in der er lebt.
Jens-Christoph Brendel
Stellv. Chefredakteur








Schon wieder ein Editorial mit politischem Einschlag?
Nunja – im Gegensatz zur GEZ werde ich nicht gezwungen, das Linux-Magazin zu bezahlen und habe nun die Kündigung an den DPV-Kundenservice gesendet . Ich verstehe es nicht, daß Sie in diesen für Printmedien schweren Zeiten einer Fachzeitschrift einen weltanschaulichen Stempel verpassen wollen. Muß ich aber auch nicht – viel Glück für den weiteren Berufsweg.
Hallo Erik,
Politikfreie Räume sind eine naive Illusion. Alle Menschen sind von Politik betroffen und in einer Demokratie auch aufgefordert, mindestens eine Meinung zu haben und die auch zu äußern. Selbstverständlich gilt das auch für Admins, Entwickler, Informatiker oder Hacker im guten Sinn. Und selbstverständlich hat es dort auch Tradition, man denke nur an den CCC. Die Forderung, niemals eine Silbe zu schreiben, der man eine politische Haltung ansehen könnte, ist schlicht unerfüllbar, weil selbst der nutzlose Versuch, sich aus allem rauszuhalten, eine politische Äußerung wäre. Insofern ist das Unverständnis gegenseitig.