Ein vereinheitlichtes Linux anstelle eines Distributionszoos könnte Linux den Durchbruch auch auf dem Desktop bescheren. Aber wird es dahin kommen?
Eines Tages gab es kein Kubuntu mehr – weil es kein KDE mehr gab. Und auch keinen Cinnamon-Desktop, kein LXDE, Mate, XFCE, Enlightenment und wie die unzähligen Desktop-Varianten unter Linux alle hießen. Nur Gnome war noch übrig. Auch die verschiedenen Paketformate waren bis auf eines verschwunden. Man raunte sich das S-Wort zu: Standardisierung. Früher hatte es auch im Kernel Mehrgleisigkeit gegeben – Xen und KVM, SELinux und AppArmor ließen grüßen. Meist setzte sich dann eine der Alternativen durch. Jetzt aber war die Idee der Vereinheitlichung auf dem Desktop angekommen. Die Distributoren sagten sich: Wo es doch nun eh kaum mehr Unterschiede gibt, wozu sollen wir uns da verkünsteln? Tun wir uns zusammen, bündeln wir die Kräfte!
Schon zuvor hatte Linux gesiegt: Es stützte landauf, landab die Infrastruktur des Internets, es lief auf allen Supercomputern, in den Weltraumraketen von SpaceX ebenso wie in Elektroautos von Tesla oder VW, auf über 90 Prozent aller Smartphones und in gigantischen Rechenzentren, darunter bei Google, Amazon oder Facebook, dazu eingebettet in zahllosen Geräten. Selbst seine ärgsten Feinde hatten sich bekehrt, integrierten es in ihre Produkte und sangen ein Loblied auf Open Source. Allein, ein weißer Fleck blieb: Auf dem Schreibtisch – ob zu Hause oder im Büro – machte Linux keinen Stich. Dort dümpelte es bei Marktanteilen im unteren einstelligen Prozentbereich vor sich hin. Jedenfalls, bis die Konsolidierung auch das Userland erfasste.
Etwas hatte sich verändert. Das hatten auch viele Software-Produzenten gemerkt. Jetzt, wo sie nicht mehr fünf Varianten programmieren und paketieren mussten, nur um die häufigsten Linux-Spielarten zu unterstützen, kamen sie auf den Geschmack. Jetzt offerierten sie ihre Software in einer einzigen Version für das einzige Linux. Die Anwender fragten sich: Wäre Linux nicht eine gute Alternative für mich, nun, wo es immer mehr Software dafür gibt? So stieg der Marktanteil. Wieder andere Hersteller von Hard- oder Software fanden: Jetzt, wo der Linux-Marktanteil steigt, lohnt es sich, unsere Geräte und Programme auch dafür anzubieten. Der alte Teufelskreis – zu wenige Angebote wegen zu geringem Marktanteil wegen zu weniger Angebote – kehrte sich um. Eine positive Rückkopplung setzte ein.
Das sprach sich auch unter den großen Distributoren herum, und sie überlegten: Vielleicht kann man auch jenseits des Server-Segments, der Cloud, von Containern und von IoT Geld verdienen? Investieren wir doch in den Desktop. Und der wurde besser: Die Zahl der Bugs nahm ab und damit auch jene der Upgrades; die leidigen Probleme mit der Kompatibilität verschwanden fast ganz. Das lockte Anwender, das erhöhte den Marktanteil. Sogar in den Verwaltungen fasste Linux jetzt überall Fuß, und die Behörden setzten durch, dass niemand mehr Dokumente einreichen durfte, die unter anderen Betriebssystemen ausgefertigt waren – die konnte ja keiner mehr lesen.
X-mal war das Jahr des Linux-Desktops ausgerufen worden – doch diesmal brach es wirklich an. Die coolsten Features implementierte man zuerst in der Linux-Version, allein schon, weil sie so den meisten Anwendern zugute kamen. Alle, die verinnerlicht hatten, dass nichts taugen kann, was nichts kostet, sahen sich eines Besseren belehrt. Auch ließ sich Linux nun nicht mehr als Nerd-Spielzeug abtun. Wer damit nicht klarkam, outete sich als Dummie. Selbst die internen Grabenkämpfe um Systemd oder den richtigen Display-Server versandeten, als es nur noch eine Linie gab.
Nostalgiker schwelgten zwar noch in Erinnerungen an Gentoo, an Arch und CentOS, an Kali, Debian oder Knoppix. Die Mannigfaltigkeit fungierte einst ja auch tatsächlich als Werkzeug der Evolution: Per Versuch und Irrtum konnte das alte Linux parallel in einer Fülle von Distributionen ausprobieren, was sich bewährte und ankam. Das neue Einheits-Linux brauchte eine andere, eine zentralistische Führung. Die wiederum konnte selbstsicherer agieren, stand doch nun eine riesige Anwendergemeinde hinter ihr. So setzte sie sich auch in den Gremien der Industrie besser durch.
Alle in der Linux-Welt hatten glücklich und zufrieden gelebt. Nur hatte es einen kleinen Schönheitsfehler gegeben: So war es nicht. Und die Frage bleibt offen: Kann es je so kommen?
Jens-Christoph Brendel
Stellv. Chefredakteur







