Aus Linux-Magazin 08/2020

Editorial 08/2020

Das Internet ist auch ein Kriegsschauplatz. Dort kämpfen von Geheimdiensten gekaufte Hacker gegeneinander und staatlich bestellte Propagandisten um die Hirne ihres Publikums.

“Kein schön’rer Tod ist in der Welt / als wer vom Feind erschlagen / auf grüner Heid’ im weiten Feld / darf nicht hör’n groß Wehklagen.” Mit diesen irrwitzigen Versen auf den Lippen zogen “unsere Feldgrauen” in die Schlachten des ersten Weltkriegs, bis sie, wie der Herausgeber des “Deutschen Lautenlieds” 1917 im Vorwort der Liedersammlung “voll Wehmut und Trauer” schreibt, “zerstreut in Europas Fluren der kühle Rasen deckt”.

Leider wurde weder aus dieser noch aus der folgenden, noch größeren Weltkriegskatastrophe ausreichend gelernt. Friedensforscher zählten im vergangenen Jahr weltweit noch immer 27 Kriege und bewaffnete Konflikte, angefangen von den Schlachten in Syrien bis hin zum Drogenkrieg in Mexiko. Zusätzlich zu diesen Ausbrüchen nackter physischer Gewalt hat sich eine unterschwellige Aggression etabliert, die selten im Fokus der Öffentlichkeit steht. Sie taucht nicht als Kampfhandlung in den Statistiken auf, zielt aber nichtsdestotrotz darauf ab, dem jeweiligen Feind massiv zu schaden. Ihr Schlachtfeld ist das Internet.

Die Waffen in dieser Konfrontation sind Sabotage und Spionage, Verleumdung und Desinformation. Man erinnert sich an so spektakuläre Beispiele wie den Stuxnet-Wurm, der 2010 die meisten iranischen Zentrifugen zur Urananreicherung zerstörte, indem er in die Siemens-Industriesteuerung eindrang und die Motordrehzahlen manipulierte. Oder an die Unterwanderung der niederländischen Root-CA DigiNotar durch einen iranischen Hacker im Jahr darauf, möglicherweise ein Racheakt. Der Vorfall brachte Holland in Not, weil man keiner SSL-Verbindung zu einem Wirtschaftsbetrieb, zu einer Institution oder Behörde mehr trauen konnte, nachdem der Angreifer fleißig über 500 Zertifikate unbefugt ausgestellt hatte. Oder daran, wie russische Hacker der Gruppe Cozy Bear E-Mails der US-Demokraten an Wikileaks weitergaben, um Hillary Clintons Wahlkampf zu sabotieren.

Gerade jetzt, in der Corona-Krise, ist eine weitere Spielart dieser Subversion in Echtzeit zu beobachten. Dafür braucht man nur einen Blick auf das Youtube-Angebot des russischen Senders RT Deutsch werfen. Da interviewt zum Beispiel eine hübsche Moderatorin den Epidemiologen Wittkowski, der behauptet, die Pandemie ginge ganz problemlos von alleine vorbei und die einschneidenden Schutzmaßnahmen seien vollkommen unnötig. (Selbst sein früherer Arbeitgeber, die Rockefeller University, distanziert sich explizit von dieser irrigen Meinung.) RT Deutsch bietet dem Kochbuchautor und Wirrkopf Attila Hildmann eine Bühne, der gegen die angeblich korrupte Regierung zu Feld zieht, die uns alle einsperrt und mundtot macht. RT berichtet einfühlsam über Corona-Demonstranten, denen die Polizei einen Platzverweis erteilte und die festgenommen wurden, als sie nicht Folge leisteten. Das sei “Sippenhaft wie in der DDR”, zitiert sie der Sender genüsslich, und weiß sich in seiner Fürsorge eins mit einschlägigen neurechten Medien. Einzeln mag so ein Beitrag mit säuerlicher Mine hinnehmbar sein, doch in der Menge wirken sie ätzend.

Die konzertierte Propaganda rahmt eine Sprecherstimme aus dem Off im seriösen Nachrichtenton. Sie will dem Zuschauer das Gefühl vermitteln, er informiere sich aus vertrauenswürdiger Quelle. Tatsächlich aber sollen Zweifel gesät werden, will man Misstrauen verstärken, irritieren, spalten. Wer öffentlichen Medien Glauben schenkt, wird als Schlafschaf denunziert, wer sich mit bizarren Hirngespinsten aufplustert, als Volksheld inszeniert. Häufig wagt sich RT Deutsch damit nicht einmal selbst ins Rampenlicht – ertappt mimt man natürlich die Unschuld vom Lande. Lieber schiebt man beispielsweise einen passenden AfD-Abgeordneten aus den Kulissen. All das zielt auf die vielen Verunsicherten, die auf “Hygiene-Demos” strömen, denen Misstrauen in die “Mainstream-Medien” eingeredet wurde und die die vorgebliche “Merkel-Diktatur” beklagen. Bewusst gießt RT Wasser auf ihre Mühlen.

Um den Heldentod geht es dabei zum Glück nicht, aber immerhin um das Überleben einer aufgeklärten Zivilgesellschaft, für das ein Grundvertrauen in die Wissenschaft und die Demokratie und ihre Organe Voraussetzung ist.

Jens-Christoph Brendel

Stellv. Chefredakteur

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9 Kommentare
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Erik
5 Jahre her

Ich fände es prima, wenn das Linux-Magazin auf politische Beiträge verzichten würde, auch wenn es sich um das Editorial handelt.

Erik
5 Jahre her

Daraus, daß ich keine politischen Äußerungen in technischen Fachzeitschriften lesen möchte, können Sie nicht schließen, daß ich “mit einer Meinung konfrontiert werde, die nicht meine ist”.
Im Gegensatz zu den meisten Angestellten, die in einem ähnlichen Gebrauch ihrer Möglichkeiten schneller einen unangenehmen Brief auf dem Schreibtisch liegen hätten, als sie “Abmahnung” sagen können, ist es Ihnen natürlich unbenommen, fachfremde Texte mit politischem BIas im Linux-Magazin zu veröffentlichen.
Dann müssen Sie allerdings damit leben, daß solche Beiträge für Noch-Abonnenten ähnlich interessant sind wie eine lobpreisende Einführung in MS-DOS und zu entsprechenden Reaktionen führen werden.

Jens-Christoph Brendel
5 Jahre her
Reply to  Erik

Hallo Erik,

ich denke, dass ich damit leben kann. Dieses Editorial hat zwar ein paar kritische Kommentare ergeben, doch wenn ich die an der Anzahl der Leser messe, sind es vereinzelte Ansichten einer verschwindenden Minderheit. Sofern die Leser dabei sachlich geblieben sind, nehme ich sie dennoch ernst. Ich weiß aber auch sicher, dass das Editorial anderen gut gefallen hat.

Markus Müller
5 Jahre her

Zum Editorial der Ausgabe 08/20: Bitte belästigen Sie uns nicht mit ihrer politisch korrekten Meinung! Man wird überall damit zugemüllt, wie man denken und handeln soll. Ich dachte hier werde ich wenigstens in Ruhe gelassen. Aber nein! Wirrkopf Attila Hildmann, ÖR werden zu Unrecht schlecht gemacht und deren Zuseher und -hörer als Schalfschafe denunziert. Es nervt! Es nervt gewaltig! Noch so ein Editorial und ich kündige das Abo! Ich hab keine Bock mehr auf so einen Nanny-Journalismus! Ich hab mich schon vor Jahren von der ct verabschiedet, weil das Niveau nur noch knapp über Computerbild lag. Ich kann mich auch… Mehr »

Markus Müller
5 Jahre her

Lieber stellvertretender Chefredakteur, mich bringt nicht aus der Fassung, daß Sie eine andere Meinung haben. Sie können von mir aus glauben und äußern, was Sie wollen. Wenn Sie der Meinung sind, daß Männer doch mal einfach auf ihr Wahlrecht verzichten sollen und ihre Stimme an Frauen abgeben sollen — fein, können sie denken und schreiben! Von mir aus auch im Editorial des Linux-Magazins. Nur bin ich dann weg! Ich kann diesen Bullshit nicht mehr hören und lesen. Und nicht lachen, das hat ernsthaft ein Redakteur einer hiesigen lokalen Zeitung gefordert! Ich bin auch kein Attila-Hildmann-Fan, wobei der mehr Wahrheit ausspricht… Mehr »

Chris
5 Jahre her

Herr Brendel, Sie haben ein sehr sympathisches Editorial in der Linux-Magazin Ausgabe 08/2020 geschrieben. Es ist ja nicht so, dass das Editorial nur irgendeine politische Meinung enthält, sondern es hat einen Bezug zu Falschinformationen in Medien und Sozialen Netzen im Internet. Vielen Dank.

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