Bei wenigstens der Hälfte aller von Privatpersonen und Unternehmen vorgehaltenen Daten handelt es sich um Datenmüll, so lauten aktuelle Schätzungen. Dieser Bitschrott trägt nicht unwesentlich zur Klimakatastrophe bei.
Buttermilchbecher gehören in den Gelben Sack, auf gar keinen Fall aber Klarsichthüllen. Wir als Weltmeister der Mülltrennung wissen das natürlich. Am Ende – lässt man die Selbstironie mal beiseite – steht hinter dem Trennen ja die unbestritten gute Idee, so viel wie möglich wiederzuverwerten und der Umwelt damit doppelt zu nutzen: durch verminderten Einsatz neuer Ressourcen und durch Abfallvermeidung.
Nun gibt es jedoch Müll, den so gut wie jeder produziert, der sich aber prinzipiell nicht recyceln lässt. Der fällt so gut wie überall an, im privaten Haushalt ebenso wie im Unternehmen; man kann ihn aber weder kompostieren noch verbrennen. Am Ende geht er nichtsdestotrotz mit einem dicken Minus in die Ökobilanz ein. Gemeint ist Datenmüll.
Man schätzt, dass Unternehmen von 52 Prozent ihrer Daten weder den Inhalt noch den Wert kennen. Bei Daten des Internet of Things soll es sogar ein noch viel größerer Anteil sein: IBM glaubt, gut 90 Prozent der Daten aus Sensoren und A/D-Wandlern nutzt niemand. Aber man speichert sie – das kostet Strom. Dessen Erzeugung produziert CO2, und das summiert sich schließlich zu jährlich 5,8 Millionen Tonnen unnötig in die Atmosphäre gepumpten klimaschädlichen Gases.
Dabei stehen wir erst am Anfang: Die weltweit produzierten Datenmengen sollen sich, darf man den Analysten von IDC glauben, von 33 Zettabyte im Jahr 2018 auf 175 Zettabyte im Jahr 2025 mehr als verfünffachen. Bleibt alles beim Alten, wachsen damit auch der Müll und das CO2 um den Faktor Fünf. Ein irres Wachstum, das wir nicht beherrschen – auch, weil es ohne Beispiel in der Geschichte ist.
Teilt man die Lebenszeit des Universums durch eine Milliarde, dann läge der Urknall 13 Jahre und 10 Monate zurück. Während zwei Drittel dieser Zeit, im gesamten ersten Jahrzehnt, wäre aus unserer Perspektive wenig passiert, außer dass hier und da ein paar Sterne entstanden und später wieder explodierten. Vor 3 Jahren und 10 Monaten wären die ersten Einzeller auf der Erde aufgetaucht, vor 17 Stunden der Homo erectus. Die Blütezeit des Römischen Reichs läge eine Minute zurück, fossile Brennstoffe nutzte der Mensch im großen Stil seit sechs Sekunden.
Aber in diesen letzten sechs Sekunden (real sind das rund 200 Jahre) hat sich der Gesamtenergieverbrauch auf der Erde um mehr als das Zwanzigfache gesteigert. Die Klimakatastrophe ist eines der Resultate. Auch das Datenwachstum ist erst in den letzten Sekunden explodiert: Auf eine DVD passen heute hundert Millionen mal so viele Daten wie auf eine Lochkarte vor fünf Sekunden.
Die Mail mit dem Speiseplan der Kantine von vor vier Jahren, die wir mit Massen anderer sinnlos gewordener Nachrichten archivieren, trägt allein nicht messbar zum Klimakollaps bei – und doch ist sie Bestandteil einer Datenmüll-Lawine, deren Umweltkosten sehr wohl ins Gewicht fallen.
Jens-Christoph Brendel
Stellv. Chefredakteur






