Aus Linux-Magazin 04/2020

Editorial 04/2020

Quelle: Jens-Christoph Brendel, stellv. Chefredakteur

Jens-Christoph Brendel, stellv. Chefredakteur

Künstliche Intelligenz könnte die menschliche bald überholen, meinen Apologeten der Technologie. In der Realität kann maschinelles Lernen dem menschlichen auf absehbare Zeit nicht annähernd das Wasser reichen – vor allem, weil noch kaum verstanden ist, wie Lernen und Denken überhaupt funktionieren.

“Überholen ohne einzuholen” – eine Parole aus dem Propagandarepertoire der SED Anfang der 70er-Jahre – löst heute Reaktionen zwischen Erheiterung und Häme aus. Dabei meinte es Walter Ulbricht, der den Satz damals prägte, durchaus ernst: Weltfremd, borniert, sich selbst überschätzend, war ihm nicht bewusst, dass “seine” Werktätigen hinter seinem Rücken Witze über den absurden Spruch rissen.

Der real existierende Sozialismus ist ausgestorben, Gesellschaftsutopien leben fort – manche auch unter der Fahne des technischen Fortschritts. Zu den engagierten Verfechtern einer solchen Zukunftsvision zählt beispielsweise Ray Kurzweil, Autor, Erfinder, Zukunftsforscher und heute auch Director of Engineering bei Google. Seiner Meinung nach steht die Geburt einer künstlichen Superintelligenz kurz bevor. Sie wird alles menschliche Denken in den Schatten stellen, ein Bewusstsein entwickeln, mit dem Menschen zu einem Mischwesen verschmelzen und jegliches Problem lösen kann, inklusive der Abschaffung von Krankheit und Tod. Kurzweil glaubt beispielsweise, dass “nichtbiologische Intelligenz noch vor der Jahrhundertmitte Milliarden Male leistungsstärker sein wird als biologische Intelligenz”.

Das passt ins Bild eines Technologie-Hypes, der seinesgleichen sucht. Im Zentrum steht künstliche Intelligenz: Wer etwas auf sich hält, muss sich dort engagieren. Laut Wirtschaftsministerium ist KI eine Schlüsselfrage für Deutschland, entsprechend gibt es eine Strategie Künstliche Intelligenz der Regierung. Deutsche Unis bieten 29 Bachelor- und 46 Master-Studiengänge mit Schwerpunkt KI an. Produkte vom Rasenmäher bis zur elektrischen Zahnbürste werben mit künstlicher Intelligenz. Es gibt kaum noch einen Tag, an dem KI nicht in den IT-Nachrichten auftaucht. Das Bild ist typisch für den Scheitelpunkt der berühmten Gartnerschen Hype-Kurve, der sich “Gipfel der überzogenen Erwartungen” nennt.

Ganz offensichtlich sind wir heute noch ein gutes Stück von den hehren KI-Zielen entfernt. Dies bestätigten Forscher von drei US-amerikanischen Universitäten in einem kleinen Experiment: Sie nahmen an Straßenschildern kleine, wenn auch gezielte Änderungen vor, die einem Menschen kaum auffallen würden, aber ausreichten, um Bilderkennungssysteme (beispielsweise im selbstfahrenden Auto) zu teils grotesken Fehlklassifikationen zu verleiten. So sah das neuronale Netz beispielsweise statt eines geringfügig manipulierten Verbotszeichens für Lkw ein Hauptstraßenschild, was selbstredend lebensgefährlich sein kann. Außerdem bleibt maschinelles von menschlichem Lernen Lichtjahre entfernt: Kein Menschenkind braucht Hunderttausende Katzenfotos, um eine Mieze zu erkennen, und es würde auch nie beliebige Gegenstände dem Tierreich zuordnen, wie es der Rechner tut, wenn ihm nur Katzenbilder präsentiert wurden.

KI macht das, weil sie keinen Begriff davon hat, was sie tut. Ein Computer mag besser Go spielen als ein Großmeister, aber dabei denkt er weniger als der blutigste Laie: überhaupt nicht. Apropos: Was ist eigentlich Denken, was Lernen, was Intelligenz? Dazu forschen seit Jahrtausenden Philosophen; Psychologen, Ethnologen, Kognitionswissenschaftler oder Hirnforscher beschäftigt die Frage bis heute. Letzte Antworten gibt es nicht, aber in mechanistischer Informationsverarbeitung scheint sich Denken jedenfalls nicht zu erschöpfen.

Wer glaubt, Maschinen könnten bald milliardenfach übertreffen, was der Mensch bislang noch nicht einmal vollends verstanden hat, der will überholen ohne einzuholen. Diesem vermessenen Ziel zu folgen, hat sich schon einmal als lächerlich erwiesen.

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